Auf der Suche nach verschollenen Damen und Herren: ein Interview mit dem Autor, Künstler und Antiquar Max Blaeulich vom Antiquariat Weinek, Salzburg

Was bedeutet der Beruf des Antiquars für Sie?
Täglich ent- und verrückte Neuigkeiten aus den unterschiedlichsten Parallelwelten zu erfahren. Schließlich sind die Parallelwelten in den Büchern und nirgend woanders. Und ich freue mich diese mit den Scouts auszutauschen, oder wie in Österreich gesagt wird, zu "täuscheln".
Natürlich haben diese Welten einen Namen, einen Verlag und einen Ort. Beispielsweise Arthur Ernst Rutras Privatgedichte oder Emil Szittyas "Die Haschischfilms des Zöllners Henri Rousseau und Tatjana Joukoff mischt die Karten" und "Das Spiel eines Erotomanen". Namen ohne Ende. Man muss nur höflich fragen.

Was fasziniert Sie an alten Büchern und Autographen?
Kluge Überlegungen, die Poesie eines Jan Skácel. Oder den Mord als schöne Kunst zu betrachten, wie bei Thomas De Quincey. Auch das Nebensächliche, der Abfall oder der Splitt der Jahre, auf die unsereins dann dankbar treten darf. Die Zetteln, Notizen, Eintragungen, gerade so als wärs ein kleines Telefonat mit dem Verblichenen.

Wie sind Sie Antiquar geworden?
Durch einen Koffer, der an einer Mauer lehnte. Voller Bücher. Seinen ehemaligen Besitzer strafte er durch die Qualität des Inhalts. Mich ehrte er mit Geschichten, Cancan, Paris und Alfred Jarry in der Revue Blanche. Natürlich war der Besitzer des Koffers, Graf Woppelitzky, alt und der Tage satt und dachte sich seine Bücher auf die Straße stellen zu müssen. Was dabei herauskam? Tja, eben die Revue Blanche in der Jarry seinen ersten Texte verfasst hatte. Jedoch die Revue Blanche, ein Literaturmagazin aus den 1890er Jahren ist hierzulande ein Glücksfall. Denn wer hat schon dieses Blättchen gelesen, außer Graf Woppelitzkys Vater, Appolinaire und einige verrückte Sammler. So kam das auf mich.

Was war Ihr spektakulärster Kauf?
Ha, das würden Sie wahrscheinlich gerne wissen. Darüber bewahrt ein echter Gentleman natürlich Schweigen. Man gibt doch auch nicht all die Rendezvous preis, die schönen Nächte, die Namen der Geliebten. Allerdings darf ich andeuten, es waren sehr, sehr viele Damen und Herren in meiner Bibliothek, die an Ausgefallenheit Ihresgleichen sucht.

Von welchen Stücken sind Sie persönlich besonders begeistert?
Von jedem, das mich weiterbringt. Wenn schon der Reichtum der Armen ihre Sprache ist, wie es Pasolini formulierte, dann z. B. die Wörterbücher der untergehenden Begriffe, von Nabil Osman. Indes, ein Araber musste kommen, uns das zu lehren, zu zeigen, zu erinnern. Bei uns: kein Kinkerlitzchen weit und breit.

Wie kommen Sie an Ihre Bücher?
Durch ein subtiles Netzwerk von Agenten, Kollegen, Zuträgern, Flohmarkthändlern, Betreuern in Seniorenheimen, Friedhofsspionen, Altpapierhändlern, Sozialhelfern, Selbsthilfeorganisatoren, Notaren und bei Geheimauktionen.

Wenn man als Laie an alte Bücher denkt, dann denkt man wahrscheinlich als erstes an alte Drucke, die mehrere tausend Euro wert sind und die man sich als Normalsterblicher gar nicht leisten kann. Ist das tatsächlich so, oder haben Sie auch etwas für den schmaleren Geldbeutel?
Wir haben alles, was von einem Euro aufwärts zu erwerben ist. Auch Schundliteratur wie Akim oder Tarzan oder Sigurd, von Nick gar nicht zu sprechen. Eben, alles Alte aus Papier.

Sie haben den ganzen Tag beruflich mit Büchern zu tun. Haben Sie abends genug von Literatur oder lesen Sie auch privat gerne?
Selbstredend. Bin ich doch Germanist und arbeite an den verschiedensten Biografien verschollener Damen und Herren. Zum Beispiel suche ich aktuell nach Arthur Ernst Rutras "Privatgedichten".



Bücher und ihre Geschichten

Ein Herr Tau sagte mir er habe ein paar tausend Bücher. Ich solle ihn besuchen. Also besuchte ich ihn in Wien. Früh, morgens um acht. Er war nicht zu Hause. Er musste, wie sich später herausstellte, auf einen Flohmarkt. Seine Frau öffnete mir nach mehrmaligem Läuten und meinerseitigen Fluchen die Tür. "Ich bitte Sie, nehmen Sie alles mit, wir brechen durch". Tatsächlich schien dies in diesem Haus aus dem 19. Jahrhundert möglich zu sein. Die Bücher standen in Achterreihen hintereinander. Die Wohnung war nur durch seitliches Vorwärtsschieben meines damals viel schlankeren Körpers zugänglich. Tausende Bücher. Herr Tau kam zurück. Wieder mit einem Sack voller Bücher, den er einfach entleerte auf dem einzig freien Platz in der Wohnung, dem Esstisch. Die Wohnung war sehr geräumig. Die Frau verzweifelt. Ich auch, obwohl ich jung war und weder Keller, Ratten, Spinnweben oder alleinstehende Damen fürchtete. Trotzdem fing ich an, mich mit System von links oben nach rechts unten durchzuwühlen. Abends um 18 Uhr hatte ich gerade das Vorzimmer hinter mir. Zwanzig Bananenkartons. Wir wurden uns über den Preis bald einig. Allerdings wollte er nochmals einen Blick auf seine Lieblinge werfen.
Herr Tau nahm ein Buch nach dem anderen in die Hand, als wollte er sich verabschieden. Nur, da war kein Verabschieden, sondern ein Wiedererkennen. Er beteuerte, dieses Buch hätte er schon zwanzig Jahre gesucht, das nächste ebensolang, und dieses, nein dieses gehöre zu seiner Familie und jenes, solches und ebengleiches...
Jedenfalls blieben nur mehr einige wenige Kartons über, was mich furchtbar ärgerte. Tau vertröstete mich, wies mich auf sein Haus am Attersee hin, wo wir uns doch nach dem Sommer treffen können, da könne ich alles abschleppen, was ich wolle. Attersee. Noch fürchterlicher, umfangreicher und unüberschaubarer. Also, same procedure as every year..., dachte ich, als er mir wieder alles Eingeräumte ausräumte. Wieder nichts.
Dann kam er mir mit seinem achtzigsten Geburtstag, danach ich dann alles haben könne. Ich rief respektvoll einige Monate später an, er hob ab und sagte: "Ja, ja", aber jetzt mache ich noch eine Weltreise, danach, "Ja, ja, unbedingt, Liebling, Sie bekommen alles." Dann starb seine Frau. Er rief mich an. Er könne nicht im Trauerjahr. Also ließ ich es bleiben. Wir telefonierten manchmal. Er versprach mir all seine Bücher.
Es waren Jahre vergangen. Zufällig sah ich ihn mit seinen Plastiksackerln voller Bücher am Ring dahinwanken, als wäre er ein Fahne im Wind, aschfahl. Wir winkten uns über den Straßenverkehr zu. Es war ein liebevolles Winken. Er machte ein Zeichen, wir sollten telefonieren. Ich dachte, er sieht verdammt schlecht aus. Sicher weit über Achtzig. Ich telefonierte. Nummer gelöscht. Ein Kollege kam zu mir, er hätte von einem gewissen Tau junior einen Anruf bekommen, er sei doch der Salzburger, der sich doch die Bücher abholen möchte. Sehr anständig vom Kollegen, mir das mitzuteilen. Er hätte das ja auch ausnützen können. Also reiste ich zum Junior. "Ja, der Papa, hätte in seinem Nachtkästchen einen Zettel gehabt, auf dem stünde, der Salzburger solle alles bekommen, was an Büchern da sei."
Er hatte sie mir vermacht! Und ich solle sie jetzt abholen. Nochmals ging ich durch die Wiener Wohnung, wir trafen uns am Attersee, das ganze Haus voller Bücher und ich schätzte, es müssten insgesamt ungefähr sechzigtausend Bücher sein, deren Transport zwei Sattelschlepper bedurft hätten. Ich streichelte nochmals die vielen aufeinander geschichteten Bücher, ging durch die Regalreihen, schaute mir die über einander geschütteten Bücher an und sagte schließlich schweren Herzens:
"Lieber Herr Tau junior, vor zehn Jahren, als das alles anfing, hätte ich noch die Kraft gehabt diese Masse zu bewegen, aber jetzt habe ich sie nicht mehr". Tau junior bat mich händeringend, die Erbschaft doch anzutreten, aber ich hätte das psychisch nicht durchgestanden.
Lieber Herr Tau im Himmel, gewiss sind Sie im Bücherhimmel, das man sich als schier unendliches Antiquariat angelegt als Irrgarten, so wie ehemals bei Reichmann in Wien vorstellen muss, wo es stinkt (wir in Österreich haben dafür das viel schönere Wort 'niachtelt') wie in jedem Antiquariat, also lieber Herr Tau im Himmel, Ihr Wahnsinn hat mich trotz meines Verzichtes auf Ihr babylonisches Erbe geheilt, denn wahrscheinlich wäre ich sonst geworden wie Sie: Ein Büchernarr, ganz nach Abraham a Santa Clara.



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