Antiquar als Berufung: Wilfried Melchior, Spreewaldheide

Was bedeutet der Beruf des Antiquars für Sie?
Ein Lebensinhalt, der in alle Bereiche des täglichen Lebens vierundzwanzig Stunden täglich ausstrahlt, egal ob Sie am Frühstückstisch den Tag im Geiste durchwandern, im Verlauf der Arbeitszeit den guten Freunden, Kunden und Unbekannten einen Rat geben wollen oder noch Nachts davon träumen - es ist Berufung. In mehr als dreißig Jahren Tätigkeit habe ich trotz ausgedehnter Reisen keinen Abstand und Urlaub davon nötig gehabt. Kurz und gut: Es kribbelt stets mit neuen Ideen.

Was fasziniert Sie an alten Büchern, Autographen und anderen zeitgeschichtlichen Dokumenten wie etwa Siegelmarken, Rechnungen oder Stammbüchern?
Die Seltenheit eines Stückes ist - auch in den unteren Preissegmenten - möglich und faszinierend. Der tägliche Umgang damit ist ein Glück, dessen Tragweite sich dann zeigt, wenn in einer zunehmend anonymisierten Welt sich Kunden vom ganzen Globus häufig mit persönlichen Dankesworten melden. Gerade bei Unikaten macht das eine besondere Freude, wenn individuelle Stücke eines Vorbesitzers ein Stück Lebendigkeit aus vergangenen Zeiten für Familien und Nachkommen zurückzaubern.

Wie sind Sie Antiquar geworden?
Bücher machen Träume möglich. Der Heimatkunde-Unterricht in der Schule verleitete mich zum Sammeln entlegener Literatur, deren vermehrter Bedarf mich mehr und mehr, am Taschengeld orientiert, den Antiquariaten zuführte. Im Anschluss an die Schulzeit machte ich eine Ausbildung im Graphischen Gewerbe als Reproduktionsfotograf und wurde so auch mit der Herstellung von Büchern vertraut. Da ich in meiner Freizeit den regelmäßigen Kontakt zu Wissenschaftlern pflegte, konnte ich mich schon in jungen Jahren leicht in die Wünsche eines Buchinteressenten hineinversetzen. Irgendwann hat dann die ewige Jagd nach den Kostbarkeiten und der permanente Wissensdurst in die Selbständigkeit geführt und ab 1980 habe ich dann mit landeskundlichen Katalogen hinter dicken Mauern eines alten Schlosses, am Arbeitsplatz von Paracelsus, angefangen. Später, um den Horizont zu erweitern, arbeiteten wir auf einem einsam gelegenen felsigen Jagdschloss hoch oberhalb der Donau, Deutschlands einzigem Antiquariat mit eigener Seilbahn, dann im Schwarzwald als damals höchstgelegenes deutsches Antiquariat, nun im Land um Spree und Neisse.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?
Da wir abends länger für den Kunden mit einer Ad-Hoc-Antwort zur Verfügung stehen, bin ich Spätaufsteher. Zuerst mache ich jeden Tag eine neue Planung, damit eilige Wünsche erfüllt werden können und danach begebe ich mich aus unserem Büro an den externen Standort, wo wir soeben eine glückliche Symbiose aus Laden, Galerie und Internetbestand auf ca. 400 qm beginnen zu etablieren. Dort bin ich so flexibel, dass ich mich ausschließlich dem Kunden und fachlicher Arbeit widmen kann. Meine Frau, mit reicher Erfahrung in Export und Management, macht die administrative Unternehmensführung und unser Hausmeister betreut die Dinge von der Reparatur bis zum Fahrdienst. Im Büro klingt dann der Tag aus, der hier in der Niederlausitz sich stets mit einem besonders schönen Sonnenuntergang vor der Kulisse des Spreewalds zeigt.

Wie kam es zur Spezialisierung auf die Bereiche Landeskunde, Geographie, Geschichte, Genealogie und zeitgeschichtliche Dokumente?
Die in früher Jugend begonnene Spurensuche (ich war wie viele meiner Altersgefährten Flüchtlingskind der zweiten Generation) verband ich mit dem Besuch von historischen Stätten und dem Drang, einen Teil von dieser Authentizität in Papierform selbst zu besitzen. Die Lust in die unbekannte Ferne zu schweifen, ließen mich zum intensiven Expeditionär in den Weiten Südamerikas werden, zum Wandervogel in der Heimat, um zu sehen, wie es hinter Bergen und der innerdeutschen Grenze weitergeht und stets waren es Berichte von Abenteurern und Reisenden, die einen anleiteten - ein wenig davon will ich heute weiterreichen, damit diese gelebte Kultur zwischen Pappe und Leinen weiter existiert und wieder junge Menschen in den Bann zieht. Das Woher und Warum erschließt sich aus den Wurzeln und Dokumenten.

Was war Ihr spektakulärster Fund bzw. Kauf?
Den tiefsten Eindruck hat bei mir ein Kauf hinterlassen, der nicht abgeschlossen werden konnte: Ich saß im Taxi in Asunción (Paraguay), auf den letzten Metern einer langen Reise, als das Autoradio verkündete: Das Haus des Dr. X steht in Flammen - darin "meine" Bibliothek mit rund 200 handschriftlichen Kochbüchern vieler Indianerkulturen. Ein erwähnenswerter Fund war sicher auch eine Partitur aus der Hand von Verdi, aber so banale Dinge wie eine ansehnliche Batterie ungeöffneter 1921er Weinflaschen hinter allen oberen Regalreihen einer Pfarrbibliothek haben sicher den amüsanteren Erinnerungswert.

Von welchen Stücken sind Sie persönlich besonders fasziniert bzw. begeistert?
Faszinierend sind für mich stets handwerklich vorbildlich gefertigte Bücher und es ist kein Geheimnis, dass Sie bibliophile Erzeugnisse bei meinen Kollegen im ZVAB zu angemessenen Preisen erwerben können.

Wie kommen Sie an Ihre Bücher?
Wir übernehmen Nachlässe und ganze Sammlungen von langjährigen Kunden. Ausschlaggebend ist das über Jahre aufgebaute Vertrauensverhältnis. Auch unser Engagement im sozialen Sponsoring zahlt sich aus.

Wenn man als Laie an alte Bücher denkt, dann denkt man wahrscheinlich als erstes an alte Drucke, die mehrere tausend Euro wert sind und die man sich als Normalsterblicher gar nicht leisten kann. Ist das tatsächlich so, oder haben Sie auch etwas für den schmaleren Geldbeutel?
Preiswerte Druckerzeugnisse die um die 100 Jahre alt sind, sind bei uns beispielsweise Reklameflugblätter, von denen wir rund 10.000 Stück auf Lager haben und jetzt Zug um Zug aufbereiten. Viele Stücke kosten einschließlich Versand knapp unter 10 Euro, was durch eine standardisierte Versandabwicklung kaufmännisch noch vertretbar ist. Ebenso zählen ca. 15.000 Dissertationen und rund 40.000 Schulprogramme aus der Zeit vor 1915 zu den unteren Preisgruppen, die wir in der Rückhand haben, dazu unendlich viel Kleingraphik wie Ansichtskarten, Siegelmarken usw.

Sie haben den ganzen Tag beruflich mit Büchern zu tun. Haben Sie abends genug von Literatur oder lesen Sie auch privat gerne?
Ich lese permanent, aber eben doch zu wenig, das ist wohl eher das Privileg des Kunden. Und das, obwohl ich mich vor 25 Jahren vom Fernseher verabschiedete und zwei Tageszeitungen zuwendete. Jeder Antiquar kennt das, die Stapel von Büchern, die man lesen möchte und nie dazu kommt. Aber ganz im Ernst: Ich lese meist Sachbücher, um mich für eine Abhandlung oder einen Vortrag zu präparieren, ab und an ein kurzes "festlesen" während der Titelaufnahme, hier und da ein Blick in die eigene Sammlung, das war's dann ehrlicherweise auch schon.

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