Eine Revolutionsballade. Mexico 1914
Sprache: Deutsch
Verlag: Frankfurt a. M., Eichborn Verlag, 2005, Auflage: 1., 1.-6. Tausend, 2005
- Hardcover
- Gebraucht

Anbieter: Buchfink Das fahrende Antiquariat, Brugg, AG, SchweizBuchfink Das fahrende Antiquariat
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kartoniert, gebunden; grüner, weiss illustr. Einband, rotes, goldgepr. Rückenschild, schwarzer Schnitt, Lesebändchen, in illustriertem Kartonschuber / Anz. Seiten: 349 / 13 x 22 cm / mit zahlreichen Schwarzweissillustrationen auf Tafeln und im Text von José Guadalupe Posada / Zustand: schönes Exemplar Aus der Reihe: "Die andere Bibliothek", Band 247, herausgegeben von Hans Magnus Enzensberger; Titel der amerikanischen Originalausgabe: "Insurgent Mexico", ins Deutsche übersetzt von Ernst Adler (leicht gekürzte Fassung); mit einer biographischen Notiz und einem Nachwort von Hans Christoph Buch Sprache: de.
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- Titel
- Eine Revolutionsballade. Mexico 1914
- Autor
- Reed, John
- Verlag
- Frankfurt a. M., Eichborn Verlag, 2005, Auflage: 1., 1.-6. Tausend
- Erscheinungsjahr
- 2005
- Einband
- Hardcover
- Sprache
- Deutsch
- ISBN-10
- 3821845600
- ISBN-13
- 9783821845609
- Verkäuferkataloge
- Amerikanische Literatur: Belletristik .
„Inhaltsangabe“ gehört möglicherweise zu einer anderen Auflage dieses Titels.
Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.
des Ersten Weltkriegs, erschien eine großformatige
Anzeige in der New Yorker Zeitschrift Metropolitan
mit der Überschrift: "Der Kriegsbericht, den Sie
lesen, wurde auf einer Corona-Schreibmaschine getippt"
und dem schwer übersetzbaren Untertitel: "The men behind
the men behind the guns". "Die Männer", heißt es weiter,
"die ihr Leben riskieren, um Nachrichten zu recherchieren
und diese so schnell wie möglich dem Publikum zu übermitteln,
benutzen Corona-Reiseschreibmaschinen. Das
Photo zeigt John Reed, Kriegskorrespondent des Metropolitan
in Mexico, beim Tippen eines Briefs an den Chefredakteur,
nachdem er zum ersten Mal eine Corona ausprobiert
hat. Der Brief beginnt so: "29. April, auf der
Eisenbahn. Lieber Hovey, diese Schreibmaschine ist eine
wirklich tolle Erfindung und erleichtert mir die Arbeit ungemein,
weil ich jetzt im Zug schreiben kann. Dabei wiegt
das verdammte Ding nur sieben Pfund und ist kaum größer
als eine Kamera. Anbei die Schilderung der Schlacht -
eine gute Geschichte, denke ich. Der Rest folgt."
Auf dem Photo ist John Reed zu sehen, wie er, dem Betrachter
den Rücken zukehrend, an einer Corona-Schreibmaschine
sitzt und, das eingelegte Blatt zwischen Daumen
und Zeigefinger, den zitierten Text gegenliest: eine
täuschend echte Fiktion, an der, bis hin zum Namen des
Redakteurs, alles stimmt außer der Tatsache, daß der
Reporter zu diesem Zeitpunkt nicht in Mexico war, sondern
an seinem Schreibtisch in New York, wo er für das Photo
posierte. Der gelungene Werbegag zeigt zweierlei: Daß
der junge John Reed mit nur sechsundzwanzig Jahren auf
dem Höhepunkt seines Erfolgs, kein grimmiger Antikapitalist
war, und daß technische Erfindungen wie Eisenbahn
und Schreibmaschine, Kamera, Telefon und Telegraph die
Arbeit des Zeitungsreporters, damals ein brandneuer Beruf,
überhaupt erst möglich machten. Marxistisch ausgedrückt,
könnte man vom Widerspruch zwischen Produktivkräften
und Produktionsverhältnissen sprechen, aber diese Terminologie
war John Reed vor dem Ersten Weltkrieg noch
fremd.
John Silas Reed wurde am 22.Oktober
1887 in Portland, Oregon, geboren, einer
neugegründeten Stadt im pazifischen Nordwesten der
USA, wo sein Großvater während des Sezessionskriegs zu
Geld gekommen war; Reeds Mutter Margaret ging an der
Ostküste zur Schule und heiratete einen Geschäftsmann
aus New York, der als Vertreter für Landwirtschaftsmaschinen
nach Oregon zog. Charles Jerome Reed hatte mehr
als Geldverdienen im Sinn und machte sich lustig über die
neureichen Bürger von Portland mit ihrer prätentiösen Engstirnigkeit.
Als US-Marshall deckte er einen Bestechungsskandal
auf, in dem Tausende Hektar Regierungsland illegal
an Spekulanten verscherbelt worden waren, und schloß
Freundschaft mit dem aus New York angereisten Journalisten
Lincoln Steffens, der den Skandal öffentlich machte.
Als Rache für seinen Verrat wurde er von Portlands
Establishment fortan gemieden, und Reeds Stammplatz
im von Holzhändlern und Sägewerksbesitzern dominierten
örtlichen Club blieb leer. "Der Lehnstuhl am Kopfende
war mein Platz", schrieb Lincoln Steffens rückblickend auf
seine Freundschaft mit John Reeds Vater: "Dort habe ich
gesessen und sie in ihre Schranken verwiesen, anfangs im
Scherz, später in vollem Ernst. Jetzt möchte ich sehen, wer
von ihnen den Mumm hat, meinen Platz einzunehmen.
Keiner, soviel ich weiß, denn seit meinem Abgang blieb der
Stuhl leer."
Der Einfluß des unangepaßten Vaters auf den Nonkonformismus
des Sohns kann nicht hoch genug veranschlagt
werden, denn John Reed mutmaßte später, die gesellschaftliche
Ächtung, gepaart mit dem kostspieligen Ehrgeiz, ihn
in Harvard studieren zu lassen, habe zum frühen Tod seines
Vaters beigetragen. Wie unkonventionell dieser dachte, zeigt
ein Brief an Lincoln Steffens, in dem er den New Yorker
Journalisten bat, seinen Sohn unter die Fittiche zu nehmen
- aber nicht allzusehr: "Besorg ihm einen Job und zeig ihm
alles, was er sehen will, aber achte darauf, daß er sich nicht
so früh festlegt wie ich, was seine Überzeugungen, Beruf
und Karriere betrifft. Let him play!"
Der Verdacht liegt nahe, daß Reed junior kompensatorisch
verwirklichen sollte, was Reed senior versagt geblieben
war, und in gewisser Weise hat der Sohn dieses Versprechen
eingelöst, wenn auch anders, als vom Vater beabsichtigt und
geplant. Ein weiterer Einfluß, der sich schon in früher
Kindheit geltend machte, war der des exotisch Fremden,
denn in John Reeds Elternhaus in Portland gab es einen
chinesischen Diener namens Sing, der mit wippendem Zopf,
Räucherstäbchen und Gong in der Küche hantierte. John
Reeds Wunsch, nach China zu reisen, wo 1911 zusammen
mit dem Kaisertum auch die von den Mandschu-Herrschern
verordneten Zöpfe fielen, geht auf diese familiäre
Wurzel zurück. Hätte er länger gelebt, wäre er vielleicht,
wie die amerikanische Schriftstellerin Agnes Smedley, auf
der Suche nach der reinen und unverfälschten Revolution
nach Yenan gepilgert und hätte dort Mao Tse-tung interviewt.
Ein anderer Einfluß ging von der schillernden Figur eines
Onkels aus, der sich als Kaffeepflanzer in Mittelamerika
niederließ und, bärtig und braun gebrannt, in kreolischem
Slang von seinen Heldentaten berichtete: Nach eigenem
Bekunden hatte er in Guatemala eine Revolution angeführt
und Deutschland den Krieg erklärt als Vergeltung dafür,
daß er im Deutschunterricht eine Niete gewesen war . . .
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