Roman Dt. Erstausg. 2005 608 S. Taschenbuch Heyne, W,
Ein amerikanischer Postmann
Also schuf Gott die Erde, wie es so schön heißt. Am Anfang war nicht viel dran an ihr: ein dunstig graues Firmament und dazu vielleicht ein schmieriger Fleck auf den gesichtslosen Konturen. Eine leere Leinwand. Gott sah sich das Ganze an, fand es annehmbar und machte sich an die Detailarbeit. Er packte die Leinwand mit einer Hand mit seinen riesigen Schweißfingern , während die andere wischte und tupfte. Und während die zweite Hand dem Amazonas, dem Himalaja, den großen Wäldern und Meeren, den Prärien und Steppen, den flachen Landstrichen und den Schneegipfeln den letzten Schliff gab, grub sich die erste gedankenlos in die Erde, knetete das weiche Gestein zu buckligen Lehmhügeln und riss feuchte Gräben auf. Nachdem der Schöpfer Sein Werk ausgiebig bewundert hatte, klappte Er die jungfräuliche Welt um und bemerkte, was Seine Riesenpranke angerichtet hatte. Da dachte Er sich: Wenn ich es mit Wasser auffülle, könnte es noch ganz brauchbar aussehen. Auf diese Weise entstanden die Finger Lakes.
Doch wenn die Finger Lakes der Handabdruck des Schöpfers sind (lassen wir mal die Vorstellung eines siebenfingrigen Gottes beiseite), dann ist der hier, der Onteo Lake, als längster und tiefster See der Mittelfinger und ein unbewusstes Signal der Erdbewohner an alle intelligenten Lebewesen da draußen: der größte Stinkefinger im gesamten Weltall. Oder vielleicht auch Gottes Botschaft an uns, mit der Er uns zu verstehen gibt, dass Er zu neuen Ufern aufgebrochen ist. Womöglich hat Er nur geübt und die hastig ausgeführte Welt dann wie eine tot geglaubte Zimmerpflanze auf den Müllhaufen des Universums geworfen. Vielleicht sollte sie gar nicht Wurzeln schlagen und auf dem Dreck gedeihen. Und eines Tages, wenn im Kosmos der Frühling ausbricht, wird sie vom Schöpfer mit einem leisen Lachen von ihrem Elend erlöst.
Jedenfalls ist, wenn die man die Seen als Gottes Finger versteht, diese Stadt hier Nestor im Staat New York der Abdruck seiner großen, dampfenden Handfläche, die kreuz und quer verlaufenden Straßen sind die Kringel und Wirbel darauf, und dieser Highway Route 13 ist die Herzlinie, die so stark und klar und breit erscheint, aber dann ein paar Ortschaften weiter jäh abbricht, als wäre in Nestor die äußerste Grenze Seiner Liebe erreicht und die Stadt nur ein schäbiger Außenposten göttlicher Aufsicht.
Falls ja, überlegt Postmann, ist es ein passender Mythos für die Stadt Nestor, die sich zugleich für den Nabel und den Arsch der Welt hält, je nachdem, mit wem man redet und wann. Eine Stadt voller Arroganz und Selbsthass, Elend und Herrlichkeit. Eine Collegestadt, eine Arbeiterstadt. Die Finger Gottes, genau. Wenigstens hat der Täter seine Abdrücke hinterlassen.
Es ist Morgen, der erste Freitag im Juni des Jahres 2000. »Das Jahr 2000« sagen sie alle und statten die Zahlen mit der grammatischen Würde eines Artikels aus, als wäre das Jahr ein Mörder oder Tyrann wie in »Der Schlächter« oder »Der Schreckliche«. Postmann fährt auf der Route 13, dieser zum Absterben verurteilten Arterie, in Richtung Norden. Links von ihm breitet sich träge der See aus, rechts ragt ein bewaldeter Fels aus bröckelndem Schiefer auf. Er fährt ein kleines Auto, einen Ford Escort mit Hecktür aus einer Ära, als Ford nur noch ein Witz war und vielleicht die schlechtesten Autos aller Zeiten baute. Die kleine blaue Karre besteht zur Hälfte aus Plastik, und der Motor keucht und wimmert, weil es bergauf geht. Aber das ist nicht sein echtes Auto: Sein echtes Auto ist sein Postwagen, der sechs Kilometer von hier am Stadtrand vor dem neuen Postamt abgestellt ist. Ein kurzer Schauer jagt ihm über den Rücken, als er an den Lieferwagen denkt, wie er es sich auf dem mit Isolierband ausgebesserten Schalensitz aus Leder bequem macht und die Hände auf das übergroße Lenkrad gleiten lässt. Er stellt sich die Briefe vor, die er in den Wagen packen wird, und die verborgenen Geheimnisse darin. Seine Stimmung steigt.
Der Escort wird es schaffen, auch wenn er nur mit der Hälfte der Höchstgeschwindigkeit dahinkriecht. Unförmige Jeeps und Pickups mit nur einem einsamen, winzig erscheinenden Insassen rasen vorbei Männer mit Krawatten, die nach Syracuse oder hinaus über die Stadtgrenzen unterwegs sind zu ihren Tretmühlenjobs in der Hightechindustrie. Wozu braucht ein einzelner Mensch solch eine Riesenmaschine? Der Escort ist zwar lahm, aber für einen Menschen wenigstens korrekt proportioniert. Ich beherrsche mein Auto, denkt Postmann, und nicht umgekehrt. Wie um ihm beizupflichten, schaltet der Wagen bebend herunter, und der Haufen kaputter Büroartikel auf dem Rücksitz ändert mit liebenswürdigem Geschepper seine Gestalt. Um den Lärm zu übertönen, schaltet er das Radio ein. Börsennachrichten: Nikkei, Hang Seng, Aktienindex der Financial Times. Was für eine Rolle spielt es schon, wenn ein Geldsack in Yokohama Lachs-Futures abstößt? Überhaupt keine, außer es wird im Radio gebracht. Die Leute kümmern sich nur um das, was ihnen vorgekaut wird.
Jetzt kommt eine muntere Ansage: Hol dir den Anstecker zum Nestor-Fest! Dieses selbstgefällige Affentheater, an dem die ganze Stadt teilnimmt und das jedes Jahr wiederholt wird, fängt heute Nachmittag an: der City Square voller Langhaariger, die in Sperrholzbuden sitzen und ihren Kitschtrödel verscherbeln, Gastwirte, die auf dem Gehsteig Fressstände aufbauen, experimentelle Theatergruppen, die auf Straßenkreuzungen ihre intimsten Gefühle ausleben, selbst gemachte Batikshirts, wurmstichiges Obst aus der Region und überall plärrende Kinder. Chinesische Studenten, die wie Junikäfer herumwuseln. Der untersetzte Bürgermeister mit seinen karottenroten Haaren, der in seiner Jahresansprache ein »intaktes Gemeinwesen« beschwört. Lasst mich bloß zufrieden damit. Ich wünsche mir eine ruhige, ordentliche Stadt, die Studenten im Sommerurlaub, keine Schlangen vor den Cafés, wenig Betrieb im Postsack, wolkige Tage, an denen die schwüle Hitze dem Donner weicht, und nach einer Stunde ist alles klar und kühl, die Gärten sind übersät mit toten Zweigen und alten, aus den Bäumen gewehten Vogelnestern. Ein normales Leben. Keine Märsche, keine Straßenfeste, keine Partyzelte und keine Regatta, kein Taste of Nestor und auch keine Rhododendron-Tage. Das kann mir echt gestohlen bleiben.
Die Straße wird wieder flach und der Escort beschleunigt. Postmann riskiert einen Seitenblick auf den See, auf dem glitzernd das Sonnenlicht liegt. Gar nicht so schlecht: Vielleicht wusste Gott doch, was Er tat. Unten am Pier werden die Wimpel für die Segelregatta aufgezogen, den ganzen Onteo Lake rauf bis nach Reevesport und wieder zurück. Der Zieleinlauf ist irgendwann am Sonntag. Letztes Jahr ist der Gewinner um zwei Uhr nachts angekommen und wurde disqualifiziert, weil es niemand bezeugen konnte. Der arme Scheißer. Nicht dass ihm die Seehaus- und Wasserrattenclique irgendwie Leid getan hätte. Im Sommer gefällt es ihnen hier mit den Booten und Pferden, aber sobald der Schnee kommt und sich beim ersten Inversionswetter der Gestank der Papierfabrik im Tal fängt, fahren sie nach Vail in den Skiurlaub oder auf die Bermudas, um vierzehn Tage die Sonne zu genießen. Oder sie leben im Winter sowieso woanders, zum Beispiel die Akademiker, die ihrer Doppelverpflichtung am NYTech (die Crème-de-la-Crème der Eliteuniversitäten) und, sagen wir mal, an der University of Hawaii nachgehen. »Residieren« nennen sie das. »Ich residiere in Nestor« eigentlich »in der Gegend von Nestor«, weil sie alle nördlich von hier in Willard leben, wo die Vermögenssteuer geringer ist »und in Südkalifornien«. Oder es heißt: »Wir lieben die Gegend um Nestor, aber wir überwintern an der Küste von South Carolina.« Zum Überwintern muss man entweder eine Pflanze sein oder reich.
Aus dem Radio tönt es: Tech Minute. Aus dem Radio tönt: »Intelligenter Toaster« und »Wearable Computer«.
Weiter vorn nach dem Hotel Radisson Suites am Flughafen und der Reklametafel für den nicht mehr existierenden BBQ...