1997 384 Seiten 8°, 19,5 x 13,0 cm, Hardcover in Pappband, Mit montiertem Titelbild. Einband silberfarben Rastatt: Pabel Moewig Verlag, Altersfreigabe FSK ab 0 Jahre
Oberstleutnant Tracs Potschyben blieb stehen, als er unter den Bäumen hervorgetreten war und auf die Stadt hinabblicken konnte. Roseata bot nicht mehr das Bild des absoluten Friedens, so, wie sie das noch vor etwa einem Jahr getan hatte.
Mehrere Häuser waren eingestürzt oder abgebrannt. Die Stadt sah aus, als sei sie vor langer Zeit verlassen worden.
Der Mann war verbittert. Roseata war vor genau 32 Jahren gegründet und schnell zum Mittelpunkt des Kontinents geworden. Und jetzt?
Er sprang über einen Bach und schritt auf einem Weg zu den ersten Häusern hinüber. Seine Kleidung sah alt und zerschlissen aus. Ein schlecht gegerbter Lederfetzen umhüllte seine Hüften. Am Gürtel hingen einige Drahtschlingen, wie sie Fallensteller benutzen. Unter dem durchlöcherten Hemd zeichneten sich einige kantige Gegenstände ab. Die nackten Füße waren überraschend sauber. Sie paßten nicht so recht zu einem Mann, der lange in der Wildnis gelebt hatte - oder sich den Anschein geben wollte, als habe er das getan.
An einem verrosteten Traktor vorbei, dessen Antriebsblock aufgebrochen war, kam er zu den ersten Häusern.
Neben dem zerstörten Sockel eines Kleintransmitters lagen zwei erwachsene Männer im Staub der Straße und spielten mit bunten Steinen. Sie blickten auf, als der Schatten des Mannes auf sie fiel, wandten sich aber sofort wieder ab.
»Hallo, Sam, hey, Mac!« grüßte Potschyben.
Sie beantworteten seinen Gruß nur mit einem Brummen.
»Potschy!« rief einer von ihnen plötzlich. Er erhob sich und wollte etwas sagen, doch als der »Fallensteller« sich ihm zuwandte, senkte er den Kopf und schwieg.
Potschyben wurde unruhig. Er hatte geahnt, daß in Roseata etwas nicht in Ordnung war. Deshalb war er gekommen. Bisher war er jedoch nicht sehr besorgt gewesen. Jetzt fürchtete er plötzlich, in eine Falle zu laufen.
Langsam ging er weiter. Seine Aufmerksamkeit wuchs. Suchend blickte er sich um.
Die Kunststoffhäuser sahen verkommen aus. Flechten wucherten auf dem unzerstörbaren Material. Niemand kümmerte sich darum. Einige Männer arbeiteten neben der ehemaligen Schmiede. Die vollautomatischen, positronisch gesteuerten Werkzeugmaschinen standen still. Keiner der Männer hätte sie wieder in Betrieb
nehmen können, selbst dann nicht, wenn der Versorgungsreaktor nicht ausgefallen wäre. Sie hatten vergessen, auf welche Knöpfe man drücken mußte, um ein vorgewähltes Programm einzuschalten. Roseata war ohne Energie. Die Männer versuchten, einen einfachen Roller, ein Spielzeug für Kinder, zu reparieren. Sie schienen jedoch nicht herausfinden zu können, wie die Teile zusammengesetzt werden mußten.
Drohte von ihnen Gefahr?
Unmerklich schüttelte er den Kopf. Er kannte sie. Es waren harmlose, keineswegs aggressive Männer, die lediglich verdummt waren. Sie blickten auf, als er sich ihnen näherte. Einige lächelten verstohlen, dann jedoch wandten sie sich ebenso ab wie die anderen und zogen sich in die Schmiede zurück.
Die kalte Oktobersonne warf lange Schatten. Der Regen hatte den Boden getränkt und die roten Bodenkristalle herausgewaschen. Das Gras, das in den Vorgärten wucherte, hob sich scharf von dem rötlichen Sand ab. Hier und da lagen Konservendosen im Schmutz. Irgend jemand hatte sie achtlos weggeworfen, obwohl er den Männern und Frauen von Roseata immer wieder eingeschärft hatte, daß sie das nicht tun durften. Man schien seine Ratschläge vergessen zu haben. War der Einfluß seiner Gegner entscheidend größer geworden?
Als der Mann den Platz im Zentrum der Stadt erreichte, blieb er stehen. Neben dem Brunnen im Mittelpunkt des Platzes hatten die Einwohner eine Pyramide aus Konservendosen errichtet. Ein deutliches Zeichen der Herausforderung. Dicht daneben lagen die Reste eines Roboters.
Potschyben wischte sich mit der Hand über das Gesicht. Seine Finger folgten der Narbe, die vom Mundwinkel bis zum Ohrläppchen reichte. Seine große Gestalt reckte sich ein wenig, und seine Hand senkte sich zum Gürtel, als suche er dort Halt. Er fühlte den flachen Energiestrahler, den er unter dem Leder verbarg.
Ruhig lag der Platz vor ihm. Die Häuser, die ihn umrahmten, schienen unbewohnt zu sein. Ihm gegenüber stand ein Leiterwagen vor einem Garten. Zwei Scheps waren davorgespannt worden. Sie dösten mit hängenden Köpfen vor sich hin. Auf einem Gartenzaun hinter dem Wagen saßen zwei Rotgeier. Sie hatten ihre Köpfe tief
ins Gefieder gezogen, so daß nur noch die roten Augen hervorlugten. Ihre Haltung verriet, daß sie keinerlei Angriffsabsichten hatten.
Wo waren die Bewohner von Roseata? Die Stadt hatte immerhin 3000 Einwohner, und er hatte bisher nicht mehr als sieben oder acht von ihnen gesehen. Er wußte, daß sie keine Möglichkeit hatten, sich weit von der Siedlung zu entfernen. Sie waren vielmehr gezwungen, möglichst nahe hier zu bleiben. Nachdem die Vertreter des Homo superior auf Hitschers-Pearl gelandet waren und zerstört hatten, was sie als aggressive Technik ansahen, befanden sich die Siedler dieses Planeten plötzlich in akuter Gefahr. Als dann die Gravitationskonstante der gesamten Galaxis um 852 Megakalup verändert wurde, verdummten die Kolonisten. Sie wurden plötzlich unfähig, für sich selbst zu sorgen.
Oberstleutnant Tracs Potschyben hatte sehr schnell gemerkt, daß er der einzige Mensch auf Hitschers-Pearl war, der nicht von diesem Prozeß erfaßt worden war. Seitdem hatte er alles Menschenmögliche getan, um die 42000 Siedler zu versorgen. Er hatte die hilflosen Menschen von den großen Farmen und Produktionsstätten abgezogen, um sie in den Siedlungen zusammenzufassen, weil er sie nur hier ausreichend versorgen konnte. So hatte er insgesamt neun Versorgungszentren auf fünf der sieben Kontinente errichtet.
Potschyben ging langsam auf den Brunnen zu. Ständig beobachtete er die Häuser, doch er entdeckte keinen Hinterhalt.
Wieder lächelte er.
Der Homo superior hatte auf ganzer Linie versagt. Seine Bemühungen, mit Hilfe der Verdummten eine rein landwirtschaftliche Kultur ohne jede Technik zu errichten, waren gescheitert. Das Korn, das im Frühjahr gesät worden war, stand jetzt noch viel zu niedrig auf den Feldern. Es würde nicht mehr zur vollen Reife kommen, denn schon jetzt waren die ersten Vorboten des Winters zu erkennen. Die tiefhängenden Wolken waren dunkel, und sie zogen schnell über den Himmel.
Was plante der Homo superior jetzt? Hatte er ihm eine Falle gestellt, um ihn in diese Stadt zu locken?
Potschyben blieb vor dem zerstörten Roboter stehen. Von weitem hatte es so ausgesehen, als sei die Maschine von innen heraus explodiert. Jetzt konnte er klar erkennen, daß sie mit einem Energiestrahler vernichtet worden war.
Plötzlich flog eine Tür auf. Der Offizier fuhr herum. Seine Hand glitt zum Gürtel.
»Tracs!« schrie das blonde Mädchen, das in den Vorgarten hinauslief. »Lauf weg! Schnell! Sie wollen dich töten. Bitte, Tracs!«
Er stand wie gelähmt.
Ana sah plötzlich wieder so aus, wie sie früher gewesen war. Ihre Augen leuchteten hell. Ihr Gesicht war jedoch von Angst gezeichnet, doch es war nicht die Angst, wie sie ein Mensch mit herabgesetzter Intelligenz zeigt. Es
war irgendwie anders. Potschyben wußte nicht zu sagen, wie es war. Er spürte, daß sich etwas verändert hatte.
»Tracs!« schrie sie, als er sich noch immer nicht bewegte.
Da hörte er das Geräusch. Er fuhr herum - und wußte, daß er verloren hatte. Die Warnung war zu spät gekommen.
Ein Prallgleiter raste auf ihn zu. Zwei Männer beugten sich aus der zurückgefahrenen Transparentkuppel. Sie hielten schwere Energiegewehre in den Armbeugen. Die flammenden Abstrahlfelder zeigten an, daß sie schußbereit waren. Potschyben hätte auch jetzt noch nach seiner Waffe greifen können, aber irgend etwas ließ ihn zögern. Die Kleidung der Männer sah vernachlässigt und zerschlissen aus.
Verdummte in einem Gleiter? Verdummte mit Strahlwaffen? Warum schössen sie nicht?
Potschyben verfolgte die Ereignisse wie durch fremde Augen. Ihm war, als ob er einen Film sähe, der...