Nummer eins
Kahn, Oliver
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Manchmal beschleicht mich das Gefühl, als seien wir Profifußballer nichts anderes als moderne Gladiatoren. Der Gedanke ist mir erstmals gekommen, als ich den Film Gladiator von Ridley Scott gesehen habe. In einer brodelnden Arena stellte sich der Gladiator Maximus, gespielt von Russell Crowe, den hungrigen Massen und forderte das gesamte römische Imperium heraus. Das bin ich, ging es mir durch den Kopf!
Natürlich waren diese Schauspiele in den riesigen Arenen der Antike primitiv und sehr barbarisch, die Krieger schlugen einander die Köpfe ein, und nur derjenige ging als Sieger vom Platz, der einen anderen getötet hatte auf dieser Ebene bewegen wir uns im 21. Jahrhundert zum Glück nicht mehr. Doch auch heute kommen die Menschen ins Stadion, um bestimmte Rituale zu erleben. Sie tragen Fantrikots und schwenken Fahnen. Sie freuen sich und jubeln, sie ärgern sich und schimpfen, sie feuern ihre Mannschaft an und weinen, wenn sie verloren hat. Und wir Fußballer stehen unten in der Manege und müssen versuchen, all diesen Anforderungen und Erwartungen gerecht zu werden. Wer als Zuschauer schon einmal ein wichtiges Spiel mitverfolgt hat, weiß, wie aufgepeitscht die Stimmung in einem Stadion sein kann.
Übrigens hat Pepsi den Vergleich ebenfalls angestellt und in einem Werbespot die Fußballer als Gladiatoren der Neuzeit dargestellt: David Beckham, Roberto Carlos und Raúl González steigen in Leder gekleidet und mit einem metallenen Brustpanzer geschützt in eine Arena, die dem Film Gladiator nachempfunden ist.
Aber nicht nur die Zuschauer mit ihren gefühlsbeladenen Ausbrüchen tragen zu diesem Gladiatorenspektakel bei. Größtenteils sind es die Medien, die ein Spiel anheizen, es in fetten Schlagzeilen kommentieren und sich nach dem Kampf ihre Helden und Verlierer suchen. Die Verlierer werden nicht mehr wie zu Zeiten der römischen Kaiser ¬getötet, aber sie werden in der Öffentlichkeit kritisiert, an den Pranger gestellt, manchmal zu Recht, vielfach aber auch völlig überzogen. Nichts wird süffisanter goutiert als ein am Boden liegender Verlierer.
Dem Sieger ergeht es nicht besser, wenn auch mit um¬gekehrten Vorzeichen: Er wird maßlos überhöht. Sicher hat er eine Höchstleistung vollbracht, ein wunderbares Spiel gemacht, vielleicht ein tolles Tor geschossen oder einen großen Titel errungen, aber die Überzeichnung durch die Medien steht in keinem Verhältnis dazu.
Ich frage mich oft, ob die Zuschauer wirklich verstehen, was es bedeutet, neunzig Minuten in einem Hexenkessel vor Zehntausenden von Menschen Fußball zu spielen, aufzulaufen, Niederlagen durchzustehen, aber auch Siege zu feiern. Das eigene Stadion gewährt noch einen gewissen Schutz, bei einem Auswärtsspiel hingegen fühlt man sich manchmal ausgeliefert, schutzlos. Wirklich nachvollziehen können das vermutlich nur wenige.
Der Profisport ist ein Geschäft, das den Spielern gesellschaftlichen und finanziellen Aufstieg ermöglicht. Doch das ist bei weitem nicht alles. Eine vielzitierte Aussage aus England bringt es auf den Punkt: »Es geht im Fußball nicht um Leben und Tod, es geht um viel mehr.« Besser kann man es nicht formulieren.
Als Spieler des FC Bayern, bei dem jedes Jahr nur der Erfolg zählt, wird man mit der Zeit ohne Wenn und Aber auf Erfolg getrimmt. Durch diesen Anspruch beschlich mich schon mal das Gefühl, alles sei erlaubt und der Zweck heilige die Mittel.
Wenn nur der Sieg eine Rolle spielt, besteht die Gefahr, innerlich zu verrohen. Mit der Zeit merkte ich, dass ich meine Mitmenschen streckenweise nicht mehr so behandelt habe, wie es sich gehört. Wenn ich im Begriff war, im Angesicht meiner Erfolge den Boden unter den Füßen zu verlieren, habe ich mein Umfeld, meine Freunde ver¬nachlässigt. Das ist nichts anderes als eine Folge des gnadenlosen Erfolgsdenkens. Aber diese Orientierung auf den Erfolg hin ist ein Prinzip, das aus dem Profigeschäft nicht mehr wegzudenken ist.
Der Profifußball gibt sich zwar nach wie vor sehr machohaft, im Grunde genommen ist er aber eher spießig: Profifußballer sind nicht so spektakuläre Persönlichkeiten, wie sie gemeinhin dargestellt werden.
Die Medien erzeugen von einem Spieler oftmals ein Image, das dem eines Popstars gleichen soll. Nach außen wird ein Bild verkauft, das mit dem Wesen und dem Charakter des Spielers wenig zu tun hat. Wenn ich mir den Alltag eines Profifußballers genauer ansehe, stelle ich sehr schnell fest, dass er mit dem Klischee vom Leben eines Popstars kaum zu vergleichen ist. Was machen denn die meisten Fußballer? Sie heiraten mit einundzwanzig, haben kurz darauf zwei, drei Kinder und leben zurückgezogen im eigenen Haus. Ein solches Leben ist vom aufregenden Leben eines Popstars so weit entfernt wie die Erde vom Mond.
Einerseits sind die Zuschauer glücklich, wenn ihnen die Medien einen Sportler präsentieren, der auf ungewohnte Art zu ihrer Unterhaltung beiträgt. Sofort heißt es dann: »Ach, was sind wir froh, dass wir wieder mal so einen bunten Vogel haben, der immer für eine Überraschung gut ist.« Auf der anderen Seite gilt: Wer aus dem Rahmen fällt, wird sofort kritisch betrachtet.
Grundsätzlich könnte ich mir vorstellen, meinen Strafzettel, den ich für zu schnelles Fahren bekommen habe, zu rahmen und zu sagen: »I did it in a Ferrari.« Damit hätte ich kein Problem. Doch im Hinterkopf würde die Frage drängen, wieviel Ironie und Spaß die Medien ver¬stehen. Denn alles, was ich mache, wird anschließend breit diskutiert. Man würde mich anlässlich einer solchen Aktion für größenKahnsinnig halten und darüber spekulieren, was denn jetzt schon wieder mit dem Oliver Kahn los sei. Es genügte schon, dass ich am Inntal-Dreieck geblitzt wurde und fünf Kilometer weiter noch einmal. »Scheiße«, dachte ich damals nur. In den Medien habe ich dafür einige Prügel einstecken müssen.
Nachdem das alles bekannt geworden war, wurde ich seziert wie ein Käfer unter der Lupe. Ist es denn wirklich von Bedeutung, dass ich zweimal zu schnell gefahren bin? Ich kann gut Fußball spielen, bin ein guter Torhüter aber müssen meine privaten Angelegenheiten unbedingt die Schlagzeilen füllen? Es gibt in der Welt wichtige und große Probleme: Hunger, Kriege, Terrorismus, Seuchen. Im Vergleich dazu sind meine privaten Angelegenheiten Nebensächlichkeiten. Ich verstehe es nicht, wenn Prominente ihre privaten Dinge in der Öffentlichkeit austragen. Für mich zählt, dass ich die Verantwortung für mein Handeln übernehme, dass ich den betreffenden Personen in die Augen sehen kann und in dieser Hinsicht einigermaßen mit mir im reinen bin.
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