Deutsche EA 2006 237 8°, Leinen Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, Mit Schutzumschlag ERSTAUSGABE
Eins
Ich schleppte mich die steinernen Stufen hoch, ein gerupftes Huhn an meine Brust gedrückt, unter dem Arm den Karton mit der neuen Perücke und den jungen Vögeln; der Korb war prall gefüllt mit Erdbeeren, roten Paprikaschoten, pancetta und dicken Bohnen. Während ich in meinem Einkaufsnetz mit den Bibliotheksbüchern nach meinem Schlüssel wühlte, fiel mir auf, dass meine Wohnungstür mit einem Plastikband versperrt war. Was konnte das bedeuten? War da frische Farbe? Niemand hatte mir gesagt, dass Handwerker kommen würden. Ich öffnete zögernd die Tür, da tauchte ein hoch gewachsener Mann im Türrahmen auf.
Signora Lippi?
Ich nickte.
Bitte treten Sie ein, und versuchen Sie, ruhig zu bleiben.
Er schob das Band hoch, um mich hineinzulassen. In dem schmalen Flur war kaum Platz für uns beide. Sein Atem roch nach Knoblauch und Anchovis, winzige Schweißperlen hafteten an seiner Oberlippe, seine Augen waren fest auf mein Huhn gerichtet. Sie waren ein wenig blutunterlaufen und sahen hungrig aus. Sein Anzug war zerknittert. Es war offensichtlich, dass er ein Commissario war.
Was ist? , fragte ich matt. Geht es um Fiamma? Meine Schwester verachtete die Gefahren, in die sie sich begab, sodass ich schon lange in Furcht vor einem Augenblick wie diesem lebte.
Es geht um Ihren Ehemann, Signora , hauchte er, woraufhin mein Herz wieder zu schlagen begann. Gott sei Dank, mit Fiamma war alles in Ordnung.
Er wurde mitgenommen , fuhr der Commissario fort, und Ihre Wohnung durchwühlt.
Mitgenommen? , wiederholte ich. Ich verstand nicht.
Verschleppt worden. Verschwunden. Sie wissen doch, wie das ist, Signora; es ist kaum anzunehmen, dass Sie ihn je wieder sehen werden.
Alberto verschleppt! Es schien kaum vorstellbar. Natürlich, ich hatte von solchen Fällen schon gehört, aber warum sollte irgendjemand Alberto wollen? Es musste ein Missverständnis sein. Wenn er mitgenommen worden war, würden sie ihren Irrtum bald bemerken und ihn freilassen. Ich hatte keinen Zweifel, dass er rechtzeitig zu seinem Abendessen zurück sein würde, und da Samstag war, würde er Huhn mit verbrannter Paprikasauce erwarten.
Während meine Gedanken zum heutigen Abendessen vorauseilten, schien sich der Commissario zu dehnen und den Flur vollständig auszufüllen. Plötzlich wurde mir bewusst, dass sein Körper meinen berührte und sein Atem langsam und schwer ging. Das Erscheinen eines zweiten Manns, der aus dem Wohnzimmer auftauchte, füllte den Flur bis zum Bersten. Verblüfft stellte ich fest, dass dessen Ohrläppchen ihm fast bis zu den Schultern reichten.
Ich bin fertig, Signore , sagte er und wies mit dem Kopf auf den durchsichtigen Plastikbeutel, den er in der Hand hielt. Nur ein paar Gegenstände, die wir als Beweismaterial mitnehmen, Signora. Ich war mir nicht sicher, aber ich glaubte, ein paar Teile meiner Unterwäsche in dem Beutel zu erkennen. Was konnten sie damit wollen?
Der leitende Beamte wühlte eine Weile mit der Hand in seiner Hosentasche. Es kam mir vor, als würde er meine Oberschenkel untersuchen, aber das war nur, weil wir alle so eng zusammengepfercht standen. Nach schier endlosen Minuten fischte er endlich eine Karte hervor und reichte sie mir. Wie sein Anzug war sie zerknautscht und ein wenig feucht, die verschmierten Schriftzüge waren gerade noch lesbar: Paolo Balbini, Polizia Municipale, Roma 17 , stand da und eine Nummer bei der Hauptwache.
Es ist nicht anzunehmen, dass man versuchen wird, Sie zu kontaktieren, Signora , sagte er, aber wenn doch aber auch wenn nicht! , haben Sie meine Nummer.
Schließlich drückten sich die beiden an mir vorbei und hinaus auf den etwas geräumigeren Treppenabsatz. Der Blick zurück, den Signor Balbini mir zuwarf, verriet, wie sehr es ihn schmerzte zu gehen. Ich sagte nichts, sondern schloss nur leise die Tür hinter ihnen.
Mein Gehirn und mein Mund schienen ausgetrocknet zu sein. Es war wie im Traum. Noch vor ein paar Minuten war alles normal gewesen. Es war Samstag. Ich war für ein paar Stunden zur Arbeit gegangen in der Nacht hatte es ein paar Morde gegeben, und Signora Dorotea brauchte meine Unterstützung, um ein paar Einschusslöcher zu kaschieren und eine Nase zu rekonstruieren, die bei einer Explosion abgerissen worden war. Danach hatte ich mich mit Fiamma zum Kaffee bei Bobrini s getroffen. Sie war eben erst von einer Mission in Bolivien zurückgekehrt und war mit Geschwüren übersät, nachdem beim offiziellen Bankett vergifteter Fisch serviert worden war. Sie konnte kein Essen sehen, daher aß ich sämtliche pasticcini, und ich muss sagen, sie schmeckten köstlich. Dann wurde sie von Pesco, ihrem Chauffeur, zu einem Krisengipfel ins Ministerium gefahren, und ich erledigte meine Besorgungen. Ich brachte meine ausgeliehenen Bücher zurück und suchte mir drei neue aus, holte Albertos Bestellung!
bei dem Theatertrödler auf dem Corso ab, brachte mein Beerdigungskostüm in die Reinigung und erledigte dann meine Einkäufe bei den Marktständen auf dem Campo dei Fiori.
Jeden Samstag dieselbe Prozedur. Und jetzt das.
Ich ging durch die Zimmer, als würde ich eine Rolle in einem Film spielen. Überall herrschte Chaos. Es war, als hätte ein gigantisches und grässliches Monster den Inhalt verschluckt und halb verdaut wieder hochgewürgt. Es war grauenhaft, aber es sollte noch schlimmer kommen: Als ich ins Wohnzimmer stolperte, fand ich Pierinos Käfig umgekippt und leer vor. Wie von Sinnen suchte ich in den Trümmern, aber er war verschwunden. Ich rannte ans Fenster, blinzelte ins Sonnenlicht und versuchte ihn zu entdecken, aber es fehlte jede Spur von ihm. Im Eingang des Belbo Forno gegenüber erkannte ich die Gestalt von Commissario Balbini. Er sah zu mir hoch, und hastig schlug ich die Fensterläden zu.
Ich musste Pierino finden. Ich wusste nicht, wie lange er schon fort war, aber es bestand immerhin die Chance, dass er noch in der Nähe war. Ich stürmte die Treppe hinunter und auf die Straße hinaus. Ich hielt mich gar nicht erst damit auf, die Türen abzuschließen; wem es gelang, in dem Chaos etwas Wertvolles zu finden, sollte es ruhig behalten.
Ich jagte in Richtung Campo, wobei ich von Flöhen geplagte Tauben in Scharen aufscheuchte. Der Markt war inzwischen bereits geschlossen, aber er hatte seine schleimigen Spuren hinterlassen: Schweineaugen und Geflügelkrallen, Fischschwänze und Innereien, schäumende Pfützen, Blut und Gedärme. Der Gestank war grauenhaft. Ich betete, Pierino möge nicht in der Nähe einer der Schlachterstände gelandet sein: Ich wusste, -einige von denen gingen mit ihrem Messer auf alles los. Ich sah mich nach Spuren azurblauer Federn um; Gott sei Dank gab es keine.
Drüben bei den Obstständen stocherte ein dicker Mann in einem orangefarbenen Overall mit einem borstenlosen Besen in den Überresten deformierter Bananen und verrotteter Feigen, die sich als zerquetschte Feldmäuse getarnt hatten. Zerborstene Wassermelonen spritzten ihre Innereien in die Rinnsteine, angeschlagene Nektarinen und faulige Granatäpfel schwammen zwischen ihnen. Der Gestank gärender Früchte war schwer und berauschend, und ich rechnete mir gute Chancen aus, Pierino hier zu finden.
Haben Sie einen blauen Papagei gesehen? , fragte ich den Straßenkehrer.
Ich sehe gar nichts , erwiderte er mit einer bedrohlichen Bewegung seines Besenstumpfs.
Ich rannte weiter, suchte jeden Fenstersims ab, jeden Brunnen und Wasserspeier, jede Säule, Statue und Brüstung, jeden Laternenpfahl, parkende Autos und motorini, wobei ich immer wieder leise und lockend Pierinos Namen rief. Ich griff mir als Köder eine Hand voll der fruchtigen Masse, wurde mit klebrigem, stinkendem Brei beschmiert. Ich spitzte die Ohren, horchte auf seine Stimme. So, unter Anspannung aller Sinne, überprüfte ich jede Straße und Gasse des Viertels. Bisweilen hatte ich das sichere Gefühl, beobachtet zu werden, doch jedes Mal, wenn ich mich umblickte, war keine Menschenseele zu sehen. Tatsächlich lagen die Straßen seltsam verlassen...