Inhaltsangabe
Edgar Wünschel, studierter Mathematiker, arbeitete in der DDR als Friedhofsgärtner, ging mit seiner Frau nach Westdeutschland und fand keinen angemessenen Job. Sie verließ ihn, weil er trank, und er wurde, nach einem Besuch des Gerichtsvollziehers, Aktienhändler an der Frankfurter Börse. Wieder in Leipzig, nun als Leiter des 'Eigenhandels' einer großen Bank, dreht er ein erfolgreiches, aber auch hochriskantes Rad. Er hat schnellwechselnde Frauenkontakte, einen Porsche, eine Designerwohnung und einen Kühlschrank, der zu jeder Zeit Eiswürfel für Drinks bereithält. Edgar ist vom rational-mathematischen Denker zum Spekulanten geworden und frönt den Insignien des Erfolgs. Auf einem Segel-Törn verletzt er sich und wacht im Krankenhaus neben einem ehemaligen hohen Funktionär der SED auf. Die erste Finanzkrise beginnt. Ihm wird klar, welchem Trug alle aufgesessen sind und mit welchen Methoden die Bank gearbeitet hat. Edgars jugendlich rebellischer Geist bricht wieder hervor. Er ersteigert liegengebliebene Gepäckstücke und schüttet den darin befindlichen Unrat im Büro seines Vorstandsvorsitzenden aus. Die karrierebewußte Tochter eines schwäbischen Bankers, mit der er gern geschlafen hätte, beschimpft ihn als Verräter. Edgar fährt zu seinem Jugendfreund. Zieht sich am darauffolgenden Morgen, noch unter Alkohol stehend, einen alten sowjetischen Trainingsanzug an. Geht in die Bank, kündigt und handelt mit dem inzwischen ausgetauschten Vorstand eine beachtliche Abfindung heraus, geht in sein Büro zurück und sieht auf den Monitoren die Zeit gekommen, wieder ganz groß in den Markt einzusteigen.
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1. Kapitel UNFALL AN EINEM BELIEBIGEN MORGEN Ungewöhnlich um diese Zeit war der Fischreiher. Er flog gefährlich nah an der Fassade entlang, so daß seine weit ausgebreiteten Schwingen fast den gründerzeitlichen Zierrat berührten. Ins Trudeln käme der Vogel, stürzte langhalsüber und würde im Vorgarten von den Spitzen des eisernen Zaunes aufgespießt. Blut liefe am Eisen entlang in den harschen Schnee. Kurz vor der Berührung schwenkte der Vogel jedoch ab und flog in den Park. Trist sah es draußen aus. Der Reiher flog gemächlich in die Dunkelheit, und als er mit ihr eins war, hörte man einen blechernen Schlag. Unten standen zwei kollidierte Autos. Der Unfallverursacher war in den Kreisverkehr eingefahren, ohne sich umzusehen. Es passierte nichts. Keiner stieg aus den Fahrzeugen. Keiner schrie. Keiner kroch hilflos herum. Keiner lief gestikulierend um die Stelle des Unglücks. Stille. Vielleicht noch ein wenig stiller als zuvor. Edgar überlegte, als der Wagen, der sich seitlich in den anderen gebohrt hatte, Feuer fing, ob er zuerst bei der Polizei und dann beim Rettungsdienst anrufen sollte. Aus der zerbeulten Front des unschuldigen Wagens kam es herausgeschossen. Anfänglich ohne Rauch. Die Fahrer – Edgar konnte nicht sehen, ob sich noch weitere Personen in den Wagen befanden – erwachten aus ihrer Schockstarre. Der Unfallverursacher kroch aus der Beifahrertür, da die Seite, auf der er gesessen hatte, vom anderen Fahrzeug total demoliert worden war. Hinkend lief der Taxifahrer an den Straßenrand und telefonierte. Also brauchte Edgar nicht weiter darüber nachzudenken, wer zuerst anzurufen sei. Der frühe Morgen hatte seine Stille verloren, obwohl durch die geschlossenen Fenster nichts zu hören war. Auch der zweite Wagen fing an zu brennen. Um das Auto des Unfallverursachers, ein alter Passat, war es nicht schade – vom monetären Wert her gesehen. Aber es war noch so ein schöner eckiger, und das war dann doch schade, daß der verbrennen mußte. Was der Penner um diese Zeit hier zu suchen hatte, konnte sich Edgar nicht erklären, denn der kam an anderen Tagen viel später an seinem Haus vorbei. Nach dem konnte man die Uhr stellen. Jeden Morgen kam er, kurz vor neun, aus Richtung Rennbahn, wo er ein Plätzchen unter der Tribüne gefunden hatte. Auch heute trug der bärtige Mann Plastiktüten und kaute auf einem zerfransten Stück Stoff herum. Seine speckig-ölige Jacke war an vielen Stellen so glatt, daß kleine Widerscheinnester vom Feuer darauf zu sehen waren. Wie eine mahnende Skulptur stand der Mann am Straßenrand und wärmte sich. Obwohl einige Zeit vergangen war, schien niemand in den umliegenden Häusern aufgewacht zu sein. Dunkel waren auch die Fenster im Plattenbau auf der anderen Seite des Parks. Die Häuser des Musikviertels dahinter lagen in der Dunkelheit. Das war das Stadtgebiet, in dem er seine schönste Zeit verlebt hatte und seine zweite, wohl größte Liebe ihren Anfang nahm, die jedoch keine Zukunft hatte. Nach Wochen der Wohnungssuche entschied sich Edgar für diese, obwohl es Tage gab, an denen er den Blick auf seine Vergangenheit nicht ertragen konnte. Wenn er aus dem Fenster im vierten Stockwerk da hin sah, sah er zwar zurück in eine graue Zeit, hatte aber doch ein lichtes Bild davon. Da, wo der Unfall passiert war und auch in den umliegenden Straßen, hatten sich die Demonstranten gesammelt, und auf der Wiese, auf der sie Picknick gemacht hatten, stand jetzt ein riesiger Aufsteller mit einer Krankenkassenwerbung. Sie hatte ihre Dachwohnung in einem Abbruchhaus hinter der Musikhochschule, mit Toilette auf der halben Treppe. Das Spiel mit dem Brausepulver gehörte allein ihr und ihm. Nie käme Edgar auf die Idee, es mit einer anderen Frau zu probieren. Durch das Feuer illuminiert, strahlte der weiße Bau gespenstisch, und die Fensteröffnungen sahen aus wie mit schwarzem Granit verschlossene Verließe. Es gab kleine Verpuffungen. Der Lack der Autos, die inneren Sitzmöbel und Plastikverkleidungen fingen auch an zu brennen. Ein Rauchpilz bildete sich. Die Partikel dieses Pilzes waren nicht nur heiß, sondern besaßen auch eine besonders mystische Strahlkraft. Giftige Dämpfe bildeten einen separaten Himmel, in dessen Mitte ein absurder Strahlenkranz leuchtete. Ob sich noch andere Menschen in dem kleinen Inferno befänden, darüber mochte Edgar nicht nachdenken. Die weiß lackierten Holzbrücken im Park hoben sich deutlich von der Umgebung ab, und schmutzige Schneeblattern fleckten den niedergedrückten Rasen. Edgar sah – da die Flammen plötzlich mit neuer Kraft hoch aufschossen – zwei Gestalten weiter hinten, fast am See, auf einer Bank sitzen. Ob es zwei Männer, zwei Frauen oder ein Mann und eine Frau waren, konnte er nicht erkennen. Er erkannte jedoch deutlich, daß eine Auseinandersetzung zwischen ihnen im Gang war. Keine körperliche, eher eine verbale. Auch nicht sehr heftig, aber ein Streit. Die Gestalt, die mit dem Rücken zu Edgar hin saß, gestikulierte erst und schob dann ihr Gegenüber von sich weg, als dieses offenbar heftig redend näherkam. Allerdings eskalierte dieser Streit nicht so, daß die beiden sich geschlagen hätten oder einfach auseinandergelaufen wären, wie er es schon oft beobachtet hatte, weil viele Paare diesen Park als Austragungsort für ihre Streitigkeiten wählten. Die Kontrahenten waren in ihr Tun dermaßen vertieft, daß sie die Kollision der Fahrzeuge und das Feuer nicht wahrnahmen. Im Film wäre mindestens eines der Autos explodiert. Als sei eine geheime Absprache zwischen ihnen getroffen, kamen zwei Polizeiwagen und ein Krankenwagen aus drei verschiedenen Richtungen. Schnell war auch die Feuerwehr zur Stelle. Notstromaggregate wurden angeworfen. Flutlichtstrahler beleuchteten unbarmherzig die filmreife Szenerie. Unten blinkten mindestens zweiundzwanzig Blaulichter (wenn man die hinteren auf den Lastwagen nicht mitzählte), und ein Fenster nach dem anderen wurde im Hochhaus hell. Interessiert beobachtete Edgar die verschiedenen Blaulichter. Die Traditionellen, deren Lichtstrahlen über die Umgebung streiften, ließen die Bewegungen der Einsatzkräfte aufgeregt aussehen, obwohl alles professionell ruhig vonstatten ging. Die neuen Lichter, die auf den Polizeiwagen, nerven, weil sie mit Leuchtdioden bestückt sind und mit einer irrsinnig schnellen Frequenz blinken. Im Kreisverkehr sah es jetzt aus, als sei da mindestens ein Flugzeug abgestürzt. Alles zerfetzt durch diese grellen Lichter. Es dämmerte. Einige Silhouetten von Bewohnern erschienen hinter den Fenstern des gegenüberliegenden Hauses. In den wenigen Augenblicken, in denen die ihre Vorhänge zurückgezogen hatten, war das Feuer mit Schaum erstickt, die Dramatik vorbei und ein dichter Nebel breitete sich aus. Geschehen wird nicht mehr viel, dachte Edgar, und das grelle Geblinke nervte ihn. Weil es draußen immer heller wurde, wand er sich vom Geschehen ab, um zur Kaffeemaschine zu gehen. Guckte auf die Uhr am Weinkühlschrank und dachte, daß er zu dieser Zeit sowieso aufgestanden wäre. Die DeLonghi führte eine Kaskade unangenehm lauter Geräusche auf, bis der duftende Kaffee durch zwei Röhrchen in die Tasse gespuckt war. Er schäumte Milch auf. Mit dem Cappuccino in der Hand schaltete Edgar den Computer ein und legte danach ein Ei in den Eierkocher, den ihm Sabine zum letzten Geburtstag geschenkt hatte. Eigentlich konnte er Eierkocher nicht leiden, hatte sein Leben lang die Eier mit einer Nadel angestochen und in einem kleinen Töpfchen gekocht. Hatte sein Maß gefunden, und sie waren fast immer wachsweich, wenn ihre Größe stimmte. Heute hatte Edgar eigenartigerweise Lust, den widerlichen Pfeifton des Kochers zu hören. Weil er den Unfall beobachtet hatte, vergaß er auf Toilette zu gehen und mußte das nun nachholen. Edgar Wünschel stand vor dem Klosettbecken, hörte nicht nur seinen hochfrequenten Tinnitus, der nach der Ablenkung wieder da war und klang, als würde eine nicht enden wollende Furche mit einer Zirkelspitze in eine Schieferplatte gekratzt, sondern sah auch direkt vor sich einen der Gründe,...
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