Auf dem »Gymnasium am Freudenberg«, einem Schweizer Internat, bricht für Thomas die letzte Woche an: die sogenannte Kulturwoche. Abwechselung vom militärisch anmutenden Schulalltag findet Thomas bei regelmäßigen Touren durch die St. Galler Schnellimbißrestaurants mit seinem Schulfreund Goran. Vom Wunsch besessen, noch vor der Matura auch in sexueller Hinsicht Reife zu erlangen, entwickelt Thomas einen präzisen Zeitplan, in dem Barbara - Mitschülerin und heimliche Geliebte des verhaßten Turnlehrers - die Hauptrolle zugedacht wird. Während der Abschlußfeier wird Thomas mit einer folgenschweren Nachricht konfrontiert, die seinen Plan in Frage stellt.
Wolf Buchingers Debut-Roman »Kein Mord auf dem Freudenberg« ist in der Tat auf den ersten Blick kein Kriminalroman. Ob aber ein Mord tatsächlich nicht stattfindet, muß bezweifelt werden.
... Der Ober wies ihn an einen freien Tisch, zündete umständlich die Kerze an, legte die Speisekarte hin und wies mit theatralischer Geste auf zwei riesige Schiefertafeln an der Wand mit den Sonderangeboten des Tages. Thomas verstand viele der französischen Ausdrücke der wohl komplizierten Speisen nicht, dann erschrak er über die Preise und bestellte dennoch sechs Austern mit einem Glas weißen Bordeaux und ein Cola. »Sonst nix? Keine Hauptspeise? Unsere Plat du jour ist Loup de mer sur son lit de fenouille à la sauce de crevettes roses. Vielleicht bestellen Sie es danach?« - »Ja, so machen wir es - später, merci beaucoup.« Der Ober hatte so schnell französisch gesprochen, daß Thomas nur etwas von Rosen verstanden hatte, einmal Risikoessen am Tag genügte ihm. Er hatte über sieben Jahre Französisch gehabt und nichts, rein gar nichts verstanden, selbst das »merci beaucoup« mußte er mit Qualen aus dem Gedächtnis abrufen; was hilft ein »befriedigend« im Abiturzeugnis, wenn man beim Bestellen nichts versteht?
Das Coca-Cola kam gleichzeitig mit dem Glas Wein auf den Tisch, Thomas kontrollierte an der Wandspeisekarte, ob der Ober sich vielleicht geirrt hatte, aber nein: Der weiße Bordeaux war mit 0,1 Litern angegeben, was bei ihm im günstigsten Fall zwei kleine Schlucke bedeutete. Wie sollte er damit zurechtkommen, wenn er zu jeder Auster einen Schluck nehmen wollte? Vielleicht ein Trick des Restaurant-Managements, mehr zu bestellen, als man vorhatte? Er lag jetzt im Budget schon vergleichsweise bei drei kompletten Burger-Mahlzeiten, hier begann er gerade mit der Vorspeise. Er schaute sich um, auf allen Tischen standen Halbliter-Weinkaraffen, vereinzelt auch Flaschen, jeder hatte 2 oder 3 Gänge bestellt, dazu Kaffee und Mineralwasser - was muß es dem Zürcher gutgehen, wenn er an einem gewöhnlichen Werktag solche Summen ausgeben konnte Keinem der Gäste schien es besonders zu schmecken, sie aßen stereotyp, ohne einen Hauch von Genuß zu zeigen, keine Freude über einen besonders guten Bissen, nichts wies auf nur einen einzigen Gourmet hin - oder war für die Einheimischen Haute Cuisine ein alltägliches Bild, das ganz gewöhnlich in ihren Alltag gehörte? Thomas schaute in die Augen mehrerer Gäste, um dort vielleicht eine positive Reaktion zu finden: nichts, die meisten hatten einen weiten Blick durch ihren Teller hindurch, manche sprachen mit ihren Nachbarn, ohne ihn anzuschauen; auffallend viele distinguiert gekleidete Damen saßen an Einzeltischen, ständig mit ihren Fingernägeln, Haaren und Modeschmuck beschäftigt und praktizierten Essen als langweilige Nebensache: die Nahrung mit Gabel und Messer auf dem Teller vorbereiten, langsam zum Mund führen, ohne einen Blick zu verschwenden, um was es sich handelte, den Mund so wenig weit wie notwendig aufsperren, ein Minimum an Kauen, runterschlucken - weder positive noch negative Regungen, Roboter, deren Programm lautete: »Mittagspause, gemächliche Nahrungsaufnahme, Gefühle ausgeschaltet, Denkvorgänge auf dem Minimum.«
Thomas tat der Koch leid, der für die Optik der Präsentation sehr viel tat mit Kresse, kunstvoll geschnittenen Tomatenschalen, Zitronen mit Nelken als Schweinchen drapiert und Fische, aus deren aufgerissenen Mäulern echte Blumen blühten.
Entsprechend waren auch die Austern dekoriert. Sie lagen weiß-grau auf einem dunkelbraunen Algenbett, umgeben von grüner Petersilie auf einem silbernen Blechtablett. Der Ober erkannte das Zögern von Thomas und fragte unsicher: »Fehlt was, oder wissen Sie nicht, wie man sie ißt?« - »Danke, danke, schon oft gehabt«, log Thomas und nahm zur Unterstützung seiner gespielten Sicherheit eine Austerschale in die linke Hand und schlürfte sie laut aus, der Ober ging mit verstecktem Grinsen, eine ältere Dame schräg gegenüber schien zum ersten Mal zu bemerken, daß ihr jemand vis-à-vis saß. Die Flüssigkeit der Auster schmeckte nach frischem salzigen Meerwasser wie beim Baden in der Atlantikbrandung, der schleimige Austernkörper war im Geschmack nicht zu unterscheiden, aber zum glitschig-kühlen Hinunterschlucken brauchte Thomas einige Überwindung. Schnell einen Schluck Weißwein zum Spülen, ein Stück Weißbrot mit gesalzener Butter zum Abdämpfen, nochmals einen Schluck Wein. Er wartete jetzt auf das besondere Gourmet-Erlebnis, doch sein Gaumen meldete wie schon vorher: Meer, Salz, Kühle. Vielleicht hatte er etwas falsch gemacht und preßte auf die zweite Auster etwas Zitrone, das Ergebnis war identisch: Meer, Salz, Zitrone, Kühle. Der Wein schmeckte jetzt intensiver, die Butter ergänzte den Geschmack. Er überlegte, was er seiner Mutter auf der Ansichtskarte geschrieben hätte, wenn er über sein Austernabenteuer berichten würde: »nicht schlecht - aber auch nicht gut, viel zu teuer, und man wird nicht satt davon, selbst wenn man alles Brot aufißt«, fügte er in Gedanken hinzu ...