Mein Leben für die Schule
Loki Schmidt
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Ihre erste Schule, die Schule Burgstraße, war keine herkömmliche Regelschule, sondern gehörte zu den Hamburger Reformschulen. Warum haben sich Ihre Eltern für eine solche Schule entschieden?
Nun, zunächst einmal hatte mein Vater mit seinem Klassenlehrer Herrn Feldmann selbst schon einen sehr fortschrittlichen Lehrer gehabt. Die Reformschulen der Weimarer Republik bauten ja auf den Erfahrungen und Forderungen reformerischer Lehrkräfte der Kaiserzeit auf.
Schon seit den 1880er Jahren hatte es im Verein der Volksschullehrer, der so genannten Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens, Bestrebungen gegeben, die autoritäre Schule zu überwinden. Diese Lehrer hatten den Drill und das ausschließliche Lernen nach dem Buch kritisiert.
Herr Feldmann zum Beispiel hatte einen freieren Umgang in der Klasse gepflegt und auch Unterricht im Freien praktiziert: das heißt, bei gutem Wetter raus aus der Klasse und Unterricht auf der Wiese oder bei Ausflügen in der freien Natur; in der Heimatkunde Ausflüge in die Stadt mit Besuch von Museen. Ähnliches hatte meine Mutter auch erlebt. Meine Eltern sind wohl ein gutes Beispiel dafür, dass sich in Hamburg schon vor der Weimarer Republik in pädagogischer Hinsicht einiges verändert hatte.
Deshalb sprach man wohl auch um die Jahrhundertwende von Hamburg als "Vorort der Schulreform".
Ja, diese eigenen Erfahrungen mit Reformlehren waren für meine Eltern wohl mitentscheidend für die Wahl der Burgstraßenschule. Darüber hinaus aber vielleicht auch die Kontakte und Gespräche in der Volkshochschule. Meine Eltern hatten sich in diesen Jahren mit Kurt Adams und seiner Familie angefreundet.
Dr. Kurt Adams war zunächst Dozent und Ende der zwanziger Jahre sogar Leiter der Volkshochschule, dazu auch SPD-Abgeordneter im Hamburger Parlament, in der Hamburger Bürgerschaft also.
Kurt Adams engagierte sich sehr für eine Reform von Schule und Jugenderziehung und hatte seine Tochter in einer der vier Hamburger Versuchsschulen eingeschult, der Schule Berliner Tor - allerdings meldete er sie schon bald wieder ab.
Diese Schule, übrigens ganz in der Nähe der Burgstraße, war so radikal in ihrer "Pädagogik vom Kinde aus", dass selbst engagierte Eltern wie die Adams meinten, dass das Lernen hier zu kurz komme. Am Berliner Tor brauchten die Kinder im Unterricht nicht mitzumachen, wenn sie nicht wollten, jeden Zwang lehnten die Lehrer ab. Deshalb haben die Adams ihre Tochter wohl an die Burgstraße umgeschult. 1930 wurde die Schule Berliner Tor aufgelöst, denn mittlerweile gab es nicht mehrgenügend Anmeldungen, die Eltern hatten der Schule sozusagen aufgekündigt.
Alle anderen Versuchs- und Reformschulen waren aber sehr erfolgreich und wurden von den Eltern vielfältig unterstützt. Dies gilt besonders auch für die Schule Burgstraße, meine Grundschule und die meiner Geschwister.
Wann genau wurden Sie eingeschult?
1925, und zwar zu Ostern, denn da begann das Schuljahr. Auch zu Zeiten meiner Eltern fand die Einschulung zu Ostern statt. Das hat sich ja erst in den sechziger Jahren geändert. Außerdem wurde ich nicht in die erste Klasse eingeschult, sondern in die achte, wie alle anderen Schulanfänger auch. Die Schulzeit begann mit der achten, und man wurde aus der ersten Klasse entlassen, es sei denn, man kam in den so genannten Oberbau, der gleich zu Beginn der Weimarer Republik in Hamburg eingeführt wurde und in dem man eine Art mittlere Reife machte.
Ja, der Oberbau war ein Ausbau der früheren Selekta, die ja Ihre Eltern noch besucht hatten.
Bereits zu Weihnachten 1924 hatte ich zu meinem Entzücken meinen ersten Ränzel bekommen. Die Ränzel, soweit ich das erinnere, waren bei fast allen Kindern aus Leder. Einige hatten aber auch Ränzel aus einer Art Pappmache, die außen dann lackiert waren.
Das war die preislich günstigere Variante für Elternhäuser, in denen das Geld besonders knapp war.
Die Lederränzel waren allerdings nicht einheitlich, bei einigen zog sich der Deckel über die ganze Ränzelwand, bei den meisten aber nur bis zur halben. Am Deckel befand sich eine metallverstärkte Öffnung, und am Ränzel selbst war ein Stift angebracht. Den konnte man umdrehen, und dann war der Ränzel zu. So war jedenfalls meiner und viele andere auch, aber das ist mir schon als Kind aufgefallen, die Deckel waren verschieden. In meinem Ränzel fand ich dann eine kleine Dose mit Schwamm, eine Schiefertafel mit einem schönen breiten Holzrahmen und einen Griffelkasten mit Schiebedeckel und Griffeln drin.
Haben Sie auf der Tafel schon mal ein wenig Schreiben geübt?
Natürlich. Ich glaube, das habe ich sofort getan. Zum Ränzel gab es dann noch eine Brottasche, die war etwa wie der Ränzel in klein, auch aus Leder, mit demselben Verschluss und einem langen Riemen, mit dem man sich die Tasche überhängen konnte. Beides, natürlich mit Schulbrot drin, war meine Ausrüstung am ersten Schultag.
Und was gab es als Schulbrot?
Ich bekam ein Butterbrot, allerdings nicht mit Wurst, wie viele meiner Klassenkameraden, sondern entweder mit klein geschnittenen Bananen oder mit klein geschnittenen Datteln oder Feigen, manchmal auch mit frischen Gurkenscheiben. Mein Brotbelag war etwas anders als der Übliche, und so kam es dann häufiger mal zu einem Austausch von Schulbroten in der Klasse.
Wie war der erste Schultag?
Da hat mich meine Mutter zwar hingebracht, aber ich hatte gleich gesagt, ich kann allein gehen, ich weiß ja, wo das ist. Die Schule war nicht weit von unserer Wohnung entfernt, und ich kannte sie von außen: ein riesiger Rotklinkerbau mit zwei riesengroßen, schweren, dunkelgrün gestrichenen Eingangstüren, denn es waren zwei Schulen - Burgstraße 33 und Burgstraße 35.
Ursprünglich waren zwei getrennte Schulen für Jungen und Mädchen beabsichtigt. Die Planungen des Architekten und Stadtbaumeisters Fritz Schumacher für diesen Schulbau stammten noch aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, und da gab es ja nur nach Geschlechtern getrennte Schulen.
Es war wirklich ein sehr beeindruckendes Gebäude, übrigens auch heute noch - wie alle etwa vierzig Schulen, die Fritz Schumacher für Hamburg gebaut hat und die, wie ich finde, immer noch das Stadtbild mitbestimmen.
(...)
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