Kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges lernt Rose auf Waterslain, dem Hof ihrer Familie, den polnischen Flüchtling Reuben kennen. Sie hat nie einen anderen Mann als ihren Verlobten Henry geliebt und sieht in ihren Gefühlen für Reuben lange Zeit nichts als freundschaftliche Zuneigung. Erst nach der Heirat mit Henry begreift Rose, was sie mit Reuben verbindet. Und so beginnt eine heimliche Liebe, von der nie jemand etwas erfahren darf und die immer stärker wird, je aussichtsloser sie scheint.
Februar 2000
Waterslain ist ein altes Wort hier in Suffolk; es bedeutet so
viel wie "feuchter Grund", Boden, der das Wasser hält
und den man trockenlegen muss, um ihn nutzbar zu machen.
Auch das Gehöft, das diesen Namen trägt, hat eine lange
Geschichte. Es liegt an einem träge südwärts fließenden Fluss
ganz in der Nähe des Dorfes Nettlebed, und derjenige, der das
Gut angelegt hat, muss diesen Fluss sehr genau gekannt haben:
Fast jedes Jahr tritt er über seine Ufer, aber Waterslain liegt
genau oberhalb der Hochwassergrenze - nicht einmal die große
Flut von 1939 erreichte es, obwohl selbst Ipswich, die
Hauptstadt der Grafschaft, teilweise anderthalb Meter unter
Wasser stand.
An einen Hügel geschmiegt, drängen sich die zu Waterslain
gehörenden Gebäude am Ende eines schmalen Feldwegs - die
Bewohner der Gegend nennen ihn Steig -, der in eine unbefestigte
Zufahrt übergeht, ehe man das Haupthaus erreicht. Die
Aussicht vom Wohnzimmer ist auf ihre karge Art sehr schön:
ein kleiner, mit moosigen Steinplatten gepflasterter Hof, den
eine flechtenbewachsene Mauer umgibt, und die Überreste
eines Anbaus, der einst als Außentoilette diente. Hinter dem
rostigen Eisentor und dem steilen Abhang erstreckt sich endlos
eine Wiese, die, wenn der Fluss Hochwasser führt, gänzlich
überschwemmt wird.
Im Inneren des Hauses herrscht hallende Leere: Die Möbel
sind verschwunden, blasse Vierecke auf dem Fußboden lassen
ahnen, wo früher bunte Flickenteppiche lagen, die Fenster sind
blind und ohne Vorhänge, die nackten Dielen knarzen traurig
bei jedem Schritt. Nächsten Montag fangen die Besichtigungen
an, und Ende des Monats kommt alles - Haus, Scheune und
Wiese - unter den Hammer.
Der Wohnbereich wirkt gemütlich - eine lange, niedrige
Küche mit vielen Balken, eine dunkle Waschküche mit Steinfußboden,
ein winziges Badezimmer, das offensichtlich erst später
in die alte, mit Schiefer ausgelegte Speisekammer eingebaut
wurde, und am anderen Ende des Korridors dann das von der
Sonne durchflutete Wohnzimmer. Im oberen Stockwerk, das
von der Küche aus über eine abgeschlossene Treppe zu erreichen
ist, liegt rechts und links des schmalen Flurs je ein Schlafzimmer,
mit schrägen Wänden unter dem strohgedeckten Steildach.
Im linken Zimmer hat jemand in den Fenstersims einen
Namen eingekerbt: HANNAH steht da, in klaren, schönen
Großbuchstaben, und ein Datum, 4. Juni 1953, während im
gegenüberliegenden Zimmer eine ältere Inschrift zu finden ist:
ROSE PARFITT, 19. Juli 1923.
Blickt man von hier den Hügel hinauf, sind die schiefen
Schornsteine von Marsh End zu sehen und das kleine Wäldchen,
das alle Marsh Hill Spinney nennen. Dahinter sieht man
eine Reihe majestätischer dunkelgrüner Steineichen, die dem
Gehöft Holly Farm seinen Namen gegeben haben; wenn man
das Fenster öffnet und sich weit hinausbeugt, erkennt man sogar
die Kirchturmspitze von Nettlebed und den verzierten Glockenturm
der Schule, die seit 1958 geschlossen ist und in ein
Wohnhaus umgewandelt wurde. Das Dorf gehörte früher zu
einem großen Landgut, das nach dem Ersten Weltkrieg aufgelöst
wurde. Ein Postamt und eine Bäckerei gibt es hier längst
nicht mehr; im Grunde ist Nettlebed heute nicht viel mehr als
eine Ansammlung von Häusern mit einem heruntergekommenen
Pub. Ein Teilzeitpastor, der für vier zerstreute Gemeinden
zuständig ist, gibt sich dennoch alle Mühe, irgendwie eine Art
Gemeinschaftsgefühl entstehen zu lassen.
Waterslain ist noch keine Woche auf dem Markt, aber für diese
Art von Objekt gibt es immer Interessenten, und der Makler
hat bereits ein erstes Angebot bekommen: Ein Bauunternehmer
möchte das Haus modernisieren und die Scheune in
drei oder vier Wohneinheiten aufteilen.
Niemand kauft mehr solche alten Scheunen, um sie für ihren
ursprünglichen Zweck zu nutzen. Bald wird das riesige
Tor, durch das früher voll geladene Heuwagen rollten, verglast
sein. An dem alten Gemäuer werden Blumenampeln hängen -
Geranien, Lobelien, Steinkraut -, um der ländlichen Szenerie
einen Hauch von Vorstadtcharme zu verleihen. Innen wird
man unter dem hohen Dach Galerien einziehen, von denen
mit Veluxfenstern ausgestattete Zimmer abgehen, man wird
Treppen einbauen, und im Erdgeschoss werden Kamine aus
Backstein und rustikale Küchen entstehen. Wasserrohre wird
man verlegen, den Steig verbreitern, die Schlaglöcher ausbessern.
Das Haus steht seit vielen Jahren leer, aber in letzter Zeit hat
sich sein Zustand noch verschlechtert. In der Küche kommt
der Ruß herunter, in einem der Schlafzimmer hat sich Nassfäule
gebildet; auf dem Strohdach wächst Grünschimmel; Ratten
huschen unter den Bodendielen. Vielleicht kauft ein junges
Paar oder eine Familie mit Kindern dieses Haus. Dann könnte
es wieder zum Leben erwachen, wäre nicht mehr dem endgültigen
Verfall preisgegeben. Werden die neuen Bewohner seine
Geschichte spüren? Werden sie auf der Treppe Schritte
hören, raunendes Wispern in der alten Waschküche?
"Wie hübsch altmodisch!", werden die Leute sagen, wenn
der Makler ihnen den rissigen Spülstein zeigt, die gusseiserne
Pumpe, die immer noch funktioniert, und das Waschbrett, das
hellgrau gebleicht ist, weil es unzählige Jahre lang mit Seife und
Wasser traktiert wurde. Dass sie diese Andenken an eine untergegangene
Welt behalten wollen, ist kaum anzunehmen. Und
so wird bald nichts mehr an Rose und Reuben erinnern...