Die Freiheit und das Gehirn
Sprache: Deutsch
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verla, 2006
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- Titel
- Die Freiheit und das Gehirn
- Autor
- Linke, Detlef B.
- Verlag
- Rowohlt Taschenbuch Verla
- Veröffentlichungsjahr
- 2006
- Zustand
- good
- Sprache
- Deutsch
- ISBN-10
- 3499621223
- ISBN-13
- 9783499621222
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Die Freiheit und das Gehirn
Unsere entscheidende Orientierung finden wir im Konzept der Freiheit. Auch
wenn dieses Konzept von Gehirnen getragen wird, so bedeutet dies nicht,
dass Freiheit nur eine Angelegenheit des Gehirns ist. Es gilt jedoch, die
Ergebnisse der Hirnforschung beim Freiheitskonzept zu berücksichtigen.
Lange Zeit verstand man Freiheit als die Fähigkeit, bewegen zu können, ohne
selbst bewegt zu werden. Dies konnte man sich allerdings nur für ein
nichtmaterielles Wesen vorstellen, denn Materie ist den Einwirkungen
anderer Dinge und Gegebenheiten ausgesetzt. Der Mensch wurde daher in
vielen Freiheitstheorien als eine Art «gehirnloser Gott» konzipiert und auf
diese Weise als von Natur und Welt unabhängig gedacht.
Die explosionsartige Entwicklung der Hirnforschung in den letzten
Jahrzehnten hat nun diese Intuition von der absoluten Freiheit etwas ins
Wanken gebracht. Aber es gibt auch zahlreiche Gründe, die uns kulturell
lieb gewordene und für die Politik unentbehrliche Freiheit als Konzept
nicht nur von einigen Laborexperimenten abhängig zu machen. Es gilt daher
zu einer realistischen Einschätzung der Einwände der Hirnforschung
gegenüber dem Konzept der Freiheit zu gelangen und eine Skizze des Menschen
zu entwerfen, die gleichwohl Befunde und Hinweise der Hirnforschung
benutzt. Genauso wichtig ist es aber, herauszuarbeiten, auf welche Weise
der Freiheitsbegriff gegenüber den Einwürfen der Experimentatoren und den
Naturalisierungsvorhaben der Neurowissenschaften immunisiert werden könnte.
Dabei ist es wichtig zu sehen, dass die Etablierung solch eines
begrifflichen Immunsystems selber Konsequenzen für die Gestaltung der
menschlichen Freiheit hat, die für eine auf Technologie und
Naturwissenschaft angewiesene Nation und Gesellschaft sowie für Impetus und
Motivation nachteilig sein kann. Ich bin der Ansicht, dass Freiheitstheorie
und Hirnforschung durchaus nebeneinander bestehen können und bei der Frage,
wie Freiheit zu verwirklichen sei (was kann der Mensch leisten, was soll er
tun, woran soll er sich orientieren), sogar eine fruchtbare Interaktion
möglich ist, sodass eine weitere Teilung der Gesellschaft in die zwei
Kulturen (Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft) als überholt angesehen
werden kann.
Die Befunde der Hirnforschung, auf die sich einige der Hirnforscher
berufen, die das Konzept der Freiheit zurückweisen, sind für solch
weitreichende Folgerungen keineswegs ausreichend. Zentrale Experimente, z.
B. das von Libet und Nachfolgern, haben keine «Freiheit aus Gründen» zum
Thema, sondern lediglich die Ausführung instruierter Fingerbewegungen, bei
denen der Zeitpunkt der Bewegung und zum Teil auch die zu wählende Hand
willkürlich bestimmt werden konnte. Keinesfalls ging es hier um
Entscheidungsprozesse im Sinne des Abwägens von Gründen. Freiheit im
klassischen Sinne, als Entscheidungsfähigkeit aus Gründen
(Vernunftgründen), wäre eher dann Thema gewesen, wenn die Hirnforscher,
bereits während sie die Versuchspersonen fragten, ob sie an dem Experiment
teilnehmen möchten, schon ihre Messungen hätten durchführen können. Es
lässt sich jedoch nicht leicht standardisieren, Messungen der Hirntätigkeit
durchzuführen, während die Versuchspersonen überlegen und die Gründe des
Für und Wider der Teilnahme am Experiment abwägen (könnte das gefährlich
sein, lohnt sich das überhaupt, ist es interessant usw.). Insofern reichen
die in der Debatte um Freiheit und Gehirn angeführten Experimente kaum an
einen starken Freiheitsbegriff heran. Die Beschränkung der experimentellen
Wissenschaft auf einfache und übersichtliche und wiederholbare Situationen
ist dabei keinesfalls zu kritisieren. Es ist durchaus anzunehmen, dass aus
verschiedenen Bereichen der Neurowissenschaften und Psychologie sowie
Kognitionswissenschaften und selbst aus der Spieltheorie (Neuroökonomie)
stammende Untersuchungen zu einem komplexeren Bild des menschlichen
Verhaltens konvergieren können. Auf solche Experimente soll in diesem Buch
zumindest hingewiesen werden, da sie bislang in der Debatte um Freiheit und
Gehirn nur teilweise Berücksichtigung fanden. Wichtig ist dabei vor allem,
auf die größere zeitliche Dimension menschlichen Verhaltens einzugehen,
dessen Eigentümlichkeiten in einem Versuch, bei dem nur wenige
Millisekunden für eine Entscheidung zur Verfügung stehen, kaum zum Ausdruck
kommen können. «Lass dir Zeit», solle der Gruß der Philosophen sein, meinte
Wittgenstein. Dies gilt nicht nur für die Untersuchung des menschlichen
Verhaltens, sondern auch für die Entwicklung der dazugehörigen Theorien.
Die kleinen Schritte, mit denen experimentelle Befunde bisweilen
vorausschreiten, sollten natürlich dennoch dankbar entgegengenommen werden.
Übereilte Folgerungen, die schließlich in einer Abschaffung des
Freiheitskonzeptes münden, sind jedoch zurückzuweisen. Wenn man aus den
Experimenten von Libet folgert, dass der Mensch nicht frei sei, weil der
Subcortex eine Bewegung schon vorbereitet, bevor unser Bewusstsein davon
weiß, so bedeutet dies keinesfalls, dass das Bewusstsein nur eine
Nebenrolle spielt. In diesem Buch soll dargestellt werden, dass eine
derartige Annahme einer Nebenrolle ein Artefakt des zu kleinen Zeitfensters
bei der Beobachtung ist. Das Bewusstsein eröffnet die Szenerie, auf der
sich Korrekturprozesse entfalten können. Gerade um dies zu verstehen, sind
auch wieder Befunde der Hirnforschung (siehe z. B. Münte und andere)
hilfreich.
Die Äußerung von Wolf Singer, man solle von Freiheit nicht mehr reden,
halte ich deshalb für überzogen und weise ich zurück. Was nichts an der
Tatsache ändert, dass die Untersuchungen von Singer und Mitarbeitern für
das Verständnis des Gehirns von großer Bedeutung sind. Die von Gray und
Singer entdeckte Kohärenz von Neuronenimpulsen im visuellen Cortex von
Nagetieren, die sich bei Wahrnehmungsprozessen über einige Millimeter der
Hirnrinde erstreckt und als Korrelat der Gegenstandskonstitution von großer
Bedeutung ist, stellt eine für die weitere Entwicklung der Hirnforschung
bedeutsame Entdeckung dar. Die zeitliche Kohärenz aller Neuronenimpulse des
ganzen Gehirns würde jedoch nur einen epileptischen Anfall darstellen.
Insofern ist es von großer Bedeutung, die zeitliche Verschränkung und
Dispersion der Impulse im Gehirn genauer zu analysieren und zu verstehen
und zu einem Konzept des Menschen zu kommen, das sein Verhalten nicht nur
in ausgewählten Zeitfenstern, sondern in größeren Zeitspannen zu verstehen
erlaubt, auch wenn damit der Schritt zu einer als zeitlos verstandenen
Vernunft natürlich noch nicht getan ist. Gerade die Realisierung einer am
Modell z. B. der Mathematik (oder anderer dauerhafter Gesetzlichkeiten)
mehr oder weniger zeitlos gedeuteten Vernunft in der Zeitlichkeit der
Hirntätigkeit stellt eine der interessantesten Herausforderungen dar. Die
Äußerung, dass alle Hirntätigkeit deterministisch sei, ist in diesem
Zusammenhang unzureichend, da ja gerade die Frage, wie notwendige Regeln
des Zusammenlebens von uns zu realisieren sind, auch wenn wir noch so sehr
von Interessen und Umständen determiniert werden, für das individuelle Wohl
wie auch das der Weltgesellschaft von entscheidender Bedeutung ist. Die
ungeprüfte Verabschiedung von Freiheitskonzeptionen aufgrund allein
deterministischer Argumente erscheint mir also höchst gefährlich zu sein
und muss scharf zurückgewiesen werden. Insbesondere sollte von den
Neurowissenschaften nicht übersehen werden, dass die großen
Freiheitskonzeptionen die Dimension der Determiniertheit bereits
berücksichtigen, indem sie Freiheit zum Teil als...
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