Dunkle Wasser.
Ruth Rendell
Verkauft von Ammareal, Morangis, Frankreich
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1.
Normalerweise konnte man den Kingsbrook von seinem Fenster aus nicht sehen, weder dessen Bett mit den vielen Windungen noch die Weiden, die zu beiden Seiten das Ufer säumten. Aber jetzt konnte er ihn sehen, oder besser gesagt das, was er geworden war: ein Fluss, breit wie die Themse, jedoch flach und reglos, ein weiter See, der sein eigenes Tal füllte und dabei die Feuchtwiesen unter einem silbrig-glatten Tuch begrub. Nur wenige Häuser standen in diesem Tal entlang einer inzwischen verschwundenen Wiese, die unter einer gleichfalls verschwundenen Brücke hindurchführte. Doch davon schauten nur noch die Dächer und die oberen Stockwerke aus dem Wasser heraus. Er dachte an sein eigenes Haus auf der anderen Seite dieses gemächlich ansteigenden Sees. Noch hatte es das Hochwasser nicht erreicht, sondern plätscherte nur sachte, aber stetig gegen das hintere Ende seines Gartens.
Es regnete. Doch wie hatte er zu Burden vor gut vier Stunden gesagt? Da der Regen nun mal nichts Neues mehr war, wurde jede Bemerkung darüber langweilig. Das einzig Aufregende, was wirklich einen Kommentar wert war, war die Tatsache, wenn es einmal nicht regnete. Er nahm den Hörer zur Hand und rief seine Frau an.
»Ziemlich genauso wie zu dem Zeitpunkt, als du weggingst«, sagte sie. »Der hintere Teil des Gartens steht unter Wasser, aber es hat noch nicht den Maulbeerbaum erreicht. Meiner Ansicht nach ist alles unverändert, denn daran messe ich s, am Maulbeerbaum.«
»Nur gut, dass wir keine Seidenraupen züchten«, sagte Wexford. Das Entschlüsseln dieser rätselhaften Bemerkung überließ er seiner Frau.
Seit Menschengedenken hatte es in diesem Teil von Sussex nichts Vergleichbares gegeben wenigstens nicht, soweit er sich erinnern konnte. Trotz einer doppelten Sandsackbarriere hatte der Kingsbrook an der High Street Bridge die Straße überflutet und das Arbeitsamt sowie Sainsbury s überschwemmt, aber bisher, o Wunder, das Hotel »Olive and Dove« verschont. Es lag auf einem kleinen Hügel. Die meisten höher liegenden Häuser waren davongekommen. Im Gegensatz zur High Street und der Glebe Road sowie Queen Street und York Street mit ihren uralten Schaufenstern und den vorspringenden Dächern. Hier stand das Wasser zwischen einem Viertel bis einem halben Meter hoch, an einigen Stellen sogar knapp einen Meter. Im Friedhof von St. Peter durchbrachen die Spitzen der Grabsteine wie Felsen, die über die Meeresoberfläche ragen, einen grauen, von Regentropfen gesprenkelten See. Und es regnete immer noch.
Nach Auskunft des Umweltamts war der Boden in den überschwemmten Ebenen von England und Wales derart durchnässt und mit Wasser gesättigt, dass keiner der letzten Regengüsse abfließen konnte. In Kingsmarkham und noch mehr im flacheren, tief liegenden Pomfret gab es Häuser, die bereits im Oktober unter Wasser gestanden hatten und jetzt, Ende November, erneut überschwemmt wurden. Zeitungen machten ihren Lesern die freudige Mitteilung, dass sich derartige »Immobilien« nie mehr verkaufen ließen, also wertlos waren. Die Besitzer hatten sie schon vor Wochen verlassen und waren zu Verwandten oder in kurzfristig gemietete Wohnungen gezogen. Die ortsansässigen Behörden hatten sämtliche zehntausend Sandsäcke aufgebraucht. Bei der Bestellung hatte man noch darüber gespöttelt, man würde vermutlich nicht einmal die Hälfte benötigen. Jetzt lagen alle unter Wasser. Neue waren angefordert, aber noch nicht eingetroffen.
Wexford versuchte, nicht daran zu denken, was passierte, wenn es vor Einbruch der Nacht noch einmal gut sechs Liter pro Quadratmeter regnete, und das Wasser Doras Maulbeerbaum erreichte und weiter stieg. Von dieser Stelle an senkte sich der Boden auf der dem Haus zugewandten Baumseite ganz langsam bis zu einer niedrigen Mauer, die die Rasenfläche von der Terrasse und den raumhohen Fenstertüren trennte. Ein ziemlich nutzloser Hochwasserschutz. Trotz aller Bemühung malte er sich ständig aus, wie das Wasser die Mauer erreichte und schließlich darüber lief Erneut griff er zum Telefon, doch diesmal berührte er lediglich den Hörer und zog die Hand wieder zurück. Die Tür ging auf, Burden kam herein.
»Regnet immer noch«, sagte er.
Wexford musterte ihn nur mit einem Blick, mit dem man etwas anschaut, das man drei Monate nach seinem Verfallsdatum hinten im Kühlschrank entdeckt.
»Eben habe ich etwas Verrücktes gehört. Dachte, es könnte dich amüsieren. Anscheinend kannst du eine Aufheiterung gebrauchen.« Er setzte sich auf seinen Lieblingsplatz am Schreibtischeck. Er ist schlanker denn je und sieht aus, als hätte er gerade sein Gesicht liften lassen und eine Ganzkörpermassage sowie drei Wochen Fitnesshotel hinter sich, dachte Wexford. » Ne Frau rief an und sagte, sie sei mit ihrem Mann übers Wochenende nach Paris gefahren und hätte ihre Kinder einem Babysitter anvertraut. Vermutlich müsste man Teenagersitter sagen. Gestern seien sie spät abends zurückgekommen und hätten entdeckt, dass die ganze Truppe ausgeflogen war. Selbstverständlich vermutet sie, dass alle ertrunken sind.«
»Und das ist amüsant?«
»Klingt ziemlich bizarr, oder? Die Teenager sind fünfzehn und dreizehn, die Aufpasserin über dreißig Jahre alt, alle können schwimmen, und das Haus steht Kilometer oberhalb des Hochwassers.«
»Wo denn?«
»Am Lyndhurst Drive.«
»Also nicht weit von mir. Was die Kilometer oberhalb des Hochwassers betrifft: Langsam schleicht das Wasser meinen Garten hinauf.«
Burden überkreuzte die Beine und schlenkerte lässig seinen elegant beschuhten Fuß. »Kopf hoch. Im Brede-Tal ist s schlimmer. Kein einziges Haus kam davon.« Wexford sah es förmlich vor sich: Gebäude, die Beine bekommen und davonrennen, verfolgt vom wütenden Hochwasser. »Jim Pemberton ist schon hinauf, zum Lyndhurst Drive, meine ich. Außerdem hat er die Spezialeinheit für Unterwassereinsätze verständigt.«
»Die was?«
»Davon hast du doch sicher schon gehört.« Den Zusatz »sogar du« verkniff sich Burden gerade noch. »Handelt sich um eine gemeinsame Initiative der Gemeinde Kingsmarkham und der Feuerwehr. Hauptsächlich Freiwillige in Neoprenanzügen.«
»Wenn es sich um einen Witz handelt«, sagte Wexford, »ich will sagen, wenn wir die Sache nicht ernst nehmen, warum dann diese extremen Maßnahmen?«
»Kann nicht schaden, wenn man auf Nummer Sicher geht«, meinte Burden gelassen.
»Na schön, lass mich das mal klar stellen. Diese Kinder worum handelt es sich eigentlich? Ein Junge und ein Mädchen? Und wie heißen sie?«
»Dade. Giles und Sophie Dade. Den Namen der Aufpasserin kenne ich nicht. Beide können schwimmen. Der Junge hat sogar irgendeine Silbermedaille für Lebensrettung bekommen, und das Mädchen hat knapp die Teilnahme am Juniorenteam des Landesschwimmverbandes verpasst. Weiß Gott, wie die Mutter auf den Gedanken kommt, sie wären ertrunken. Meines Wissens hatten sie keinen Grund, sich in die Nähe des Hochwassers zu begeben. Jim wird das schon auf die Reihe bekommen.«
Wexford sagte nichts mehr. Erneut trommelte der Regen gegen die Scheiben. Er stand auf und trat ans Fenster, aber als er hinaussah, regnete es so heftig, dass man außer weißem Nebel und den Regentropfen, die in unmittelbarer Nähe auf dem Fensterblech zerplatzten, nichts erkennen konnte. »Wo wirst du essen?«, fragte er Burden.
»Vermutlich in der Kantine. Da hinaus bringen mich keine zehn Pferde.«
Um drei Uhr kam Pemberton zurück und meldete, mehrere freiwillige Taucher hätten die Suche nach Giles und Sophie Dade aufgenommen. Allerdings geschehe dies weniger aus echter Besorgnis, sondern wäre eher eine Formalität, um Mrs. Dades Nerven zu beruhigen. Nicht eine Wasseransammlung im Bereich Kingsmarkham habe bisher die Tiefe von mehr als einem Meter überschritten. Drüben im Brede-Tal sei die Situation wesentlich ernster. Vor einem Monat war dort eine Frau, die nicht schwimmen konnte, ertrunken, als sie von dem Behelfssteg fiel, den man zwischen einem ihrer Fenster im oberen Stockwerk und dem höher gelegenen Gebiet gebaut hatte. Sie hatte versucht, sich an den Stegstützen festzuhalten, aber das Hochwasser stieg über ihren Kopf, und Regen und Wind rissen sie fort. So etwas konnte den Kindern der Dades nicht passiert sein. Schließlich waren sie ausgezeichnete Schwimmer, für die nicht einmal doppelt so tiefes Wasser ein Problem gewesen wäre.
Nach allgemeiner Ansicht gab es einen weitaus wichtigeren Grund zur Besorgnis: Derzeit wurden bereits mehrere Geschäfte in der überschwemmten High Street geplündert. Ziemlich viele Ladenbesitzer hatten ihre Ware Kleidung, Bücher, Zeitschriften und Briefpapier, Porzellan, Glas und Küchenbedarf in die oberen Stockwerke ausgelagert und waren anschließend ebenfalls ausgezogen. Nachts wateten Plünderer durchs Wasser einige schleppten sogar Leitern mit , warfen die Fenster ein und bedienten sich nach Lust und Laune. Ein Dieb, den Detective Sergeant Vine verhaftet hatte, beteuerte, er hätte ein Anrecht auf das von ihm gestohlene Bügeleisen und den Mikrowellenherd. Er betrachtete diese Waren als Ausgleich für die Überschwemmung seiner Erdgeschosswohnung, für die er sicher keinerlei Entschädigung bekäme. Hinter dem Diebstahl im Audio Markt an der York Street sämtliche CDs und Kassetten waren entwendet worden vermutete Vine eine Gruppe schulpflichtiger Teenager.
Obwohl Wexford am liebsten jede halbe Stunde bei seiner Frau nachgefragt hätte, nahm er sich zusammen und telefonierte erst wieder um halb fünf. Mittlerweile war der Platzregen einem unerbittlichen Nieseln gewichen. Das Telefon klingelte und klingelte. Als er beinahe schon sicher war, dass sie weggegangen war, hob sie den Hörer ab.
»Ich war draußen. Ich hörte es klingeln, musste aber erst meine Gummistiefel ausziehen und versuchen, nicht allzu viel Dreck zu machen. Bei Regen und Matsch braucht man für die einfachsten Arbeiten im Freien doppelt so lange.«
»Wie geht s dem Maulbeerbaum?«
»Reg, das Wasser steht dort und schwappt leicht gegen den Stamm. Na ja, war ja auch logisch, so wie s geregnet hat. Ich habe mir überlegt, ob wir etwas dagegen tun könnten, gegen das steigende Wasser, meine ich, nicht gegen den Regen. Dagegen hat man noch kein Mittel erfunden. Ich dachte an Sandsäcke. Leider hat die Gemeinde keine. Bei meinem Anruf sagte die Frau dort, sie würden darauf warten, dass welche hereinkommen. Erinnerte mich an eine Verkäuferin.«
Er lachte, wenn auch nicht sehr fröhlich. »Das Wasser können wir nicht aufhalten. Trotzdem können wir uns schon mal Gedanken machen, wie wir unsere Möbel nach oben schaffen.« Hol dir Neil zur Hilfe, hätte er beinahe gesagt. Doch dann fiel ihm wieder ein, dass sein Schwiegersohn aus ihrer aller Leben verschwunden war, seit er und Sylvia sich getrennt hatten. Stattdessen erklärte er Dora, er wäre gegen sechs Uhr zu Hause.
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