Inhaltsangabe
Norbert Bl m ist die Ausnahme: einer, der die Bodenhaftung nie verloren hat - und nicht seinen Humor, m gen die Zeiten auch hart sein. Er l sst sich nicht das Maul verbieten, wenn es um die Wahrheit geht - ob es vor dem Diktator Pinochet ist oder vor Wirtschaftvertretern: Sein Mut ist gepaart mit Menschlichkeit. Nachdenkliches und Gepfeffertes vom Groámeister der klaren Rede.
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Kein Lebensentwurf, auf einer Blaupause aufgezeichnet, steuert ein Leben. Das Leben ist so unübersichtlich wie eine schwer zugängliche Landschaft mit steilen Gipfeln, tiefen Tälern, Schluchten, reißenden Flüssen, sanften Ebenen und lieblichen Bächen.
"Der Mensch, das ist seine Wahl", hat Jean Paul Sartre behauptet. Das ist das Programm einer hybriden Selbstüberschätzung. Ich bin nur zum geringsten Teil das Ergebnis meiner Wahl. Ich habe mir weder die Zeit ausgewählt, in der ich geboren wurde, noch die Eltern, die mich in die Welt gesetzt haben. Das meiste, was mein Leben ausmacht, war "Zufall", "Schicksal", "Gnade". Nenne es, wie du willst.
Das heißt allerdings nicht, dass ich mich lediglich als Spielball fremder Mächte empfinde. Denn im Trott eines vorgegebenen Weges stand ich bisweilen unversehens an Weggabelungen, an denen ich mich entscheiden musste, wie's weitergeht: rechts oder links. Und gelaufen bin ich auch nicht automatisch, obwohl ich mitunter -- von Routine gelenkt -- der Automatik verdächtig nahe kam. Himmelhoch jauchzend -- zu Tode betrübt lag manchmal nahe beieinander.
Sei es, wie es sei. Das Buch ist kein "systematisches Werk" und ist nicht der Maschinenlogik eines Roboters entsprungen. Manches ist unsortiert, und mitunter gibt es sogar Wiederholungen -- wie im richtigen Leben.
Einiges von dem, was ich niedergeschrieben habe, ist das Ergebnis langen Nachbrütens; anderes entstand aus dem Augenblick, aus gegebenem Anlass oder sogar aus Lust und Laune. Denn ich gebe zu: Schreiben hat bei mir vielfältige Funktionen. Wie die Nahrungsaufnahme dient es mir als eine Art Stoffwechsel, allerdings für Seele und Gehirn. Wenn du Wut hast, empfiehlt sich Schreien oder Schreiben. Beides hilft beim Abbau eines Aggressionsstaus. Wenn du glücklich bist, halt's fest, wenn's geht, zur Not auf Papier.
Mich regen zunehmend die Gescheitschwätzer auf, die man in der Sprache meiner Heimat auch "Klugscheißer" nennt. Sie reden über alles. Hauptsache, es klingt gut. "Sachkenntnis macht nur unsicher", könnte man im Umkehrschluss denken, wenn man deren Selbstsicherheit bestaunt.
Zur Entspannung dienen mir auch Humor und Ironie. Sie bewahren vor Fanatismus, machen "Wahrheiten" allgemeinverträglicher und lassen einen geheimen Zweifel am Leben, dass es mit der Wahrheit auch anders sein könnte. "Der Witz", meinte einst der kluge Immanuel Kant, sei "die Auflösung einer gespannten Erwartung ins Nichts". Und Nichtigkeiten gibt es genug, mit denen man leben muss. Humor und Witz entzaubern Wichtigtuerei.
Neben diesen mehr therapeutischen Aufgaben dient mir das Schreiben auch als Selbstvergewisserung. Ab und zu entdecke ich erst beim Schreiben, dass die Sache gar nicht so klar ist, wie ich es im leichten Sprechen glaubte: Das Schreiben hat nämlich einen höheren Bremsfaktor "Nachdenklichkeit" als das Sprechen. Ich spreche schneller als ich schreibe -- im schlimmsten Fall sogar als ich denke.
Im Schreiben denke ich vorwärts und rückwärts, verwickele mich sogar in Kreisbewegungen, denen ich durch Gliederung der Gedanken zu entkommen versuche. Im Reden jedoch -- ich gebe es zu -- geht's meist immer vorwärts. Nur keine Pause, in der ich ins Stocken komme, weil ich nicht weiter weiß. Das hat auch seinen Reiz, denn in der Verlegenheit greife ich nach einem Strohhalm, der sich manchmal als überraschender Einfall entpuppt, auf den ich ohne Not, den Redefluss zu halten, gar nicht gekommen wäre. "Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden" hat Heinrich von Kleist einen schönen Aufsatz geschrieben.
Kurz und gut: Schreiben und Lesen sind hilfreich wie Reden und Zuhören. Jedes auf seine eigene Weise. Sie sind die zwei Seiten einer Medaille. Nur so wird die Kommunikation ermöglicht. Jede der beiden Seiten hat Vor- und Nachteile. Den Leser sehe ich nicht. Das schützt mich vor der Versuchung, ihm nach dem Munde zu schreiben, setzt mich allerdings der Gefahr aus, nicht zu wissen, ob er mich verstanden hat. Der Redner dagegen weiß das häufig ganz schnell. Frühestens sanft, wenn er merkt, dass er trotz Publikum ins Leere spricht, weil er über die Köpfe der Zuhörer hinwegredet: spätestens hart durch Pfiffe. Diese Rückkoppelung hat der Schreiber nicht. Er schreibt "einwandfrei", jedenfalls was die direkte Reaktion der Adressaten anbelangt.
Das Buch eignet sich am besten, "zwischendurch" gelesen zu werden, wie es auch "zwischendurch" geschrieben wurde. In ihm sind Schreibergebnisse aus unterschiedlichem Anlass und von so unterschiedlichem Niveau enthalten wie die Gegenstände, von denen sie handeln und die Gelegenheiten, anhand derer sie entstanden. Die Aufsatzsammlung ist das Kind des Alltags, der bekanntlich ein ungeordnete Mischung aus Wichtigem und Unwichtigem -- Banalem und Bedeutsamen ist. Man kann damit leben -- hoffe ich für den Leser wie für mich.
Schade wäre es, wenn man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen würde, in dem ich mich eingerichtet habe.
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