Inhaltsangabe
Hertle , Wolle Damals in der DDR - Der Alltag im Arbeiter- und Bauernstaat, 1. Aufl., Bertelsmann, 2004, 8°, 318 S., Gebundene Ausgabe, Buch gut erhalten, normale Gebrauchsspuren, Einband bzw. Schutzumschlag berieben, Ecken u. Kanten leicht bestoßen,
Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.
DAS ZEITALTER DER GROSSEN GESÄNGE
Staatsgründung und Aufbau des Sozialismus
Der große Bruder
Die Sowjetunion und die DDR
Im Anfang war Stalin. So wie das Johannes-Evangelium in den Anfang
den Logos setzt, muss jede Geschichte des SED-Staates mit Stalin beginnen.
Wie auch immer wir Logos übersetzen, Stalin war das Wort, der Sinn,
die Kraft und die Tat. Man hat die DDR "Stalins ungeliebtes Kind"
genannt.
Zumindest sein Kind war sie ohne jeden Zweifel. Der widernatürlichen
Verbindung von asiatischer Despotie und preußischem Militarismus war
am 7. Oktober 1949 ein Kümmerling entsprossen, dem viele Betrachter
kaum mehr als ein Jahr gaben. Doch der Sowjetdiktator hielt die schützende
Hand über den Wechselbalg.
An die Stelle des Österreichers mit dem Komikerbärtchen war der schnauzbärtige
Georgier Josef Dschugaschwili getreten. Er machte aus den Verlierern
des Krieges Sieger der Geschichte. Die Gedemütigten der Katastrophe
von 1945 hatten wieder einen Führer.
Uwe Johnsons autobiografischer Bericht über die Nachkriegszeit in Mecklenburg
beginnt mit dem Kapitel "Zwei Bilder". Er meinte damit die Porträts
des Führers Adolf Hitler und des "größten Menschen aller Zeiten" -
Josef Wissarionowitsch Stalin. Das Hitlerbild im Wohnzimmer seiner
Eltern wurde, wie Johnson berichtet, erst im Mai 1945 abgehängt. "In
der Stadt", schreibt er, "erschien das zweite Bild. [...] ein fülliger
Mann mit frappierend glatter Uniformbrust, an einen Harnisch gemahnend,
mit wenig Hals im verzierten Kragen und einem straffen Gesicht (keinerlei
Pockennarben), das merkbar wurde durch die behagliche Behaarung über
Stirn und Schläfen, über den Augenbrauen und unterhalb der Nase. Der
Mann dargestellt in der Verfassung eines fünfzigsten Lebensjahres,
tatsächlich den Siebzig nah, [...] im Halbprofil, den satt glänzenden
Blick abwendend auf etwas Erheblicheres als den Betrachter, mit auffällig
senkrecht hängenden Armen, als sei er schon längere Zeit unbeweglich
und werde so verbleiben, einem Denkmale zu Lebzeiten gleich."
An anderer Stelle beschreibt Uwe Johnson die Vorbereitung auf das Abitur
im Jahr 1950. Sie erfolgte "mit Stalins Essay Is War Inevitable?
im Englischen, mit der Klassenanalyse Stalins, angewandt auf Shakespeares
Romeo und Julia wie auf Gedichte Goethes, in der Deutschstunde,
mit den Irrwegen des armen gequälten Hirns von Lyssenko, wenn Biologie
auf dem Stundenplan steht, mit den Fund- und Bergeorten von Stalins
Bodenschätzen im Erdkunde-Unterricht der zwölften Klasse, mit Stalins
Atombombenversuchen im Fach Gegenwartskunde, in der sphärischen Trigonometrie
sollten die dafür angenommenen Flugzeuge landen oder starten auf Flugplätzen
im Besitz Stalins, zum Schulbetrieb gehören die unzähligen Demonstrationen
anlässlich der jeweils neuesten Entschlüsse Stalins, sollte der nun
Tito böse sein oder auf die Organisation der Vereinigten Nationen
seine Abneigung geworfen haben. Und der Marsch der Kundgebungen ging
über seine Straße, die Stalinstraße."
Viele schlüpften aus der HJ-Uniform in das Blauhemd der FDJ. Schuld
an Faschismus und Krieg waren die Kapitalisten, Kriegsgewinnler, Junker
und Ausbeuter. Die einfachen Arbeiter und Bauern waren allein durch
ihre Klassenzugehörigkeit entsühnt. "Die Mörder sind unter uns" war
der DEFA-Film aus dem Jahr 1946 betitelt. Es dauerte nicht lange,
und es hieß, die Mörder sind immer die anderen. "Der Rat der Götter"
lautete der Titel eines DEFA-Films aus dem Jahr 1950. Dieser Rat der
Götter - das war die Führungsspitze der IG-Farben, die Hitler in den
Sattel gehoben, am Krieg verdient hatte und nun mit Hilfe der Amerikaner
neue Kriege vorbereitete. Die Klassentheorie bot eine einmalige Chance
der kollektiven Exkulpation.
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