Inhaltsangabe
Joop Daalder ist der angesagteste Chocolatier von Toronto. Seit dreißig Jahren besitzt er eine kleine Chocolaterie, in der sich jeder, der etwas auf sich hält, mit den erlesensten Pralinen eindeckt. Bis in unmittelbarer Nähe ein amerikanischer Supermarkt eröffnet, der als Attraktion drei junge, wilde Schokoladenkünstler zu bieten hat. Daalder, der sein Leben lang nur für die Schokolade gelebt hat, steht unversehens vor dem Nichts. Doch dann gelingt es dem eigensinnigen Chocolatier auf überraschende Weise, sich mit seinem Schicksal zu versöhnen ...
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Daalder's Chocolates
"Quäl dich doch nicht so, Schatz", rief Emma aus der Küche herüber, aber Joop hatte seinen Mantel schon wieder angezogen und knallte die Haustür noch lauter zu, als er es ohnehin vorgehabt hatte. Finster geradeaus starrend begab er sich in die St. Clair Avenue, die fünf Minuten entfernte Geschäftsstraße. Dort bot sich ein fröhliches Bild. Die Pflanztröge aus Beton, die man alle soundsoviel Meter auf dem Bürgersteig aufgestellt hatte, waren dem vorhergesagten Schnee zum Trotz schon mit Narzissen voll gestopft. Der Frühling ist da, riefen die Penner Joop zu, der Frühling ist da! Als er an derENDlosen Fassade von MegaDeli entlangging, verdüsterte sich sein Blick noch mehr. Wie immer versuchte er die bunt dekorierten Auslagen und die aufdringlichen Werbesprüche zu ignorieren, und er beschleunigte seine Schritte, um nicht im Takt der munteren Musik zu laufen, die ihn begleitete. Auch die Schranke an der Einfahrt zum Parkplatz trug zu der allgemeinen Feststimmung bei und begrüßte beim Hochgehen jeden Autofahrer persönlich mit einem Hipphipphurra. Doch hundert Meter beziehungsweise sieben Pflanztröge weiter war plötzlich Schluss mit lustig. HierENDete der Parkplatz, und die death row begann, wie Joop die drei kleinen Läden nannte, die in Kürze abgeris- sen werden sollten. Die beiden äußeren, das Lebensmittelgeschäft des Ehepaares Ho und der Eissalon von Tony Graziano, waren in Erwartung der Abrissbirne schon seit einiger Zeit mit Brettern vernagelt. Nur in den mittleren konnte man noch hineinschauen. "Daalder's Chocolates" stand bogenförmig an der Schaufensterscheibe. Ein Arbeiter machte sich gerade an dem Pflanztrog zu schaffen, der auch hier vor der Tür stand. Er schlang eine Eisenkette mehrmals darum und zog sie straff. Ein Kollege schwenkte unterdessen den Greifarm eines bereitstehenden Baufahrzeugs heran. Als er Joop bemerkte, bedeutete er ihm, etwas mehr Abstand zu halten. Es war einfach unerhört. Die Pflanztröge waren ein Geschenk von Mega Deli an die Nachbarschaft, ebenso wie die eleganten Art-déco-Straßenlaternen, mit denen sie sich an der Nordseite der St. Clair Avenue abwechselten. Das schuf geradezu Pariser Atmosphäre, wie eine PR-Mitarbeiterin in einem Brief an die Anwohner gejubelt hatte. Einen der Tröge hatte man direkt vor die Tür der Chocolaterie gestellt, sodass Lieferanten mit ihren Stechkarren und ältere Kunden mit ihren Einkaufstrolleys umständlich manövrieren mussten, um in den Laden zu gelangen. Als Emma den Verantwortlichen bei Mega DeliENDlich zu fassen bekam und ihn fragte, ob das Geschenk nicht um ein, zwei Meter versetzt werden könne, hieß es, der Rhythmus des Straßenmobiliars müsse gewahrt bleiben. Und jetzt, da man Platz für die Bulldozer brauchte, wurde das Ding einfach hochgehoben, und schwupp! weg war es. Quäl dich doch nicht so, Liebling. Als spielte sich alles, was hier passierte, nur in seinem Kopf ab. Als sei das alles halb so schlimm, wie Emma ihm immer wieder zu verstehen gab. Du bist jetzt zweiundsechzig, meinte sie, in ein paar Jahren wäre doch sowieso Schluss gewesen (ach, ja?). Oder: Du brauchst dir wirklich keine Sorgen zu machen, wir haben doch inzwischen Geld genug (als ob es ihm darum ginge). Und er solle sich einmal vorstellen, wie viel dramatischer das Ganze für die Nachbarn sei, die armen Hos, die schon in Vietnam so viel durchgemacht hätten, oder Tony Graziano, für den als Italiener auch noch die Familienehre auf dem Spiel stehe. Vielleicht meinte sie es ja gut, aber dieses Relativieren zeigte nur allzu deutlich, wie wenig ihr selbst noch an der Chocolaterie lag. Warum sonst schlief sie Abend für Abend sofort ein und schnarchte - wenn auch leise - bis zum nächsten Morgen sorglos durch? Keine Sekunde hatte sie wach gelegen, keine Träne hatte sie über den Untergang von Daalder's Chocolates vergossen. Nein, um mit diesem Schlag fertig zu werden, brauchte er sich gar nicht erst an seine Frau zu wenden. Und erst recht nicht an seinen Sohn Marcel. "Tja, Pa", war dessen Reaktion gewesen, als er hörte, dass der Abriss genehmigt war. "Das ist nun mal die freie Marktwirtschaft." Als sie vor dreißig Jahren nach Toronto eingewandert waren, hatten Joop und Emma sich über die schmuddeligen kleinen Läden in der St. Clair Avenue mit ihrem undefinierbaren Sortiment gewundert. Geschäfte, zwischen deren Regalen mit vergilbten Glückwunschkarten, Kurzwaren und Plastikspielzeug, Päckchen mit Backmischung und Dosen mit Ananas in dickem Sirup der eine oder andere müde alte Lette, Este oder Ungar umherschlurfte. Wie konnten sich diese Tante-Emma-Läden nur halten, hatten sie sich gefragt. Viele konnten es nicht, wie sich im Lauf der Jahre zeigte. Irgendwann hingen plötzlich Schilder mit der Aufschrift "Räumungsverkauf" und "Alles muss raus" an der Schaufensterscheibe. Oder nicht einmal das: Dann war der Laden sang- und klanglos leer geräumt und vernagelt worden. Wo der Inhaber abgeblieben oder ob er überhaupt noch am Leben war, wusste niemand so genau zu sagen. Und es kümmerte auch niemanden. So hart und gleichgültig kann die freie Marktwirtschaft sein, sagte Joop dann zu Frau und Sohn. Insgeheim aber platzte er schier vor Stolz. Daalder's Chocolates hatte sich behaupten können. Die gleiche Härte war ihm in der Natur nördlich von Toronto begegnet. SoENDlos sich die Wälder dort dehnten, so kümmerlich waren die Bäume, aus denen sie bestanden. Sie verdrängten einander, um an das bisschen Sonnenlicht zu gelangen, sie hingen einander im Geäst und starben langsam ab, oder sie faulten am Boden vor sich hin und dienten den zahllosen Sämlingen, die mit naivem Mut nach oben strebten, als Dünger. Schön waren diese Wälder nicht, fand Joop. Und das Straßenbild, das die St. Clair Avenue mit ihren ständig auf- und zumachenden Geschäften bot, war auch nicht schön. Aber er konnte damit leben. Solange er nach Belieben Pralinen herstellen konnte, war er ein zufriedener Mensch. Neunundzwanzig Jahre lang war die Chocolaterie im rauen kanadischen Wirtschaftsklima prächtig gediehen. Bis MegaDeli auf der Bildfläche erschien. Der Expansionsdrang dieses Konzerns hatte nichts mehr mit den Naturgesetzen eines kanadischen Waldes zu tun. Nein, was sich hier abspielte, war gnadenloser Kahlschlag, regelrechte Entwaldung.
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