E-Mail
Von: Son of Sven
Gesendet: 3. Juni 2003, 23.00 Uhr
An: Ersten Kriminalhauptkommissar Jan Fabel
Polizei Hamburg
Mordkommission
Betreff: Zeit
DIE ZEIT IST ETWAS SELTSAMES, NICHT WAHR? ICH SCHREIBE, UND SIE LESEN, UND WIR TEILEN UNS DEN EINEN MOMENT. DOCH WÄHREND ICH DIES SCHREIBE, HERR HAUPTKOMMISSAR, SCHLAFEN SIE, UND MEIN NÄCHSTES OPFER LEBT NOCH. UND WÄHREND SIE DIESE ZEILEN LESEN, IST SIE BEREITS TOT. UNSER TANZ GEHT WEITER.
ICH HABE MEIN GANZES LEBEN AM RAND DER FOTOS VON ANDEREN VERBRACHT. UNBEMERKT. ABER TIEF IN MEINEM INNERN, OHNE MEIN WISSEN UND VOR DER WELT VERBORGEN, LAG DER KEIM VON ETWAS GROSSEM UND EDLEM.
NUN LEUCHTET JENE GRÖSSE AUS MIR HERAUS. NICHT, DASS ICH SIE FÜR MICH SELBST BEANSPRUCHTE. ICH BIN BLOSS DAS INSTRUMENT, DAS MITTEL.
SIE HABEN DEN AKT GESEHEN, DESSEN ICH FÄHIG BIN: MEINEN HEILIGEN AKT. NUN IST ES MEINE HEILIGE PFLICHT, MEINE MISSION, FORTZUFAHREN, WIE ES IHRE PFLICHT IST, MIR EINHALT ZU GEBIETEN. SIE WERDEN LANGE BRAUCHEN, MICH ZU FINDEN, HERR FABEL. UND BEVOR ES IHNEN GELINGT, WERDE ICH DIE SCHWINGEN DES ADLERS ZU IHRER VOLLEN LÄNGE AUSGEBREITET HABEN. ICH WERDE MEIN ZEICHEN IN BLUT AUF UNSEREM HEILIGEN BODEN HINTERLASSEN.
SIE KÖNNEN MICH AUFHALTEN, DOCH SIE WERDEN MICH NIE FASSEN.
ICH WERDE NICHT MEHR AM RAND DER FOTOS ANDERER SEIN. NUN IST ES AN MIR, INS ZENTRUM ZU RÜCKEN.
SON OF SVEN
Hamburg-Pöseldorf, Mittwoch, den 4. Juni, 4.30 Uhr
Fabel träumte.
Hamburgs Element ist das Wasser. In Hamburg gibt es mehr Kanäle als in Amsterdam oder Venedig. Die Außenalster ist der größte städtische Binnensee Europas. Auch regnet es das ganze Jahr hindurch. In dieser Nacht nach einem Tag, an dem die Luft wie ein feuchter, erstickender Mantel über der Stadt gelegen hatte öffnete der Himmel seine Schleusen.
Während das Gewitter blitzend und polternd über die Stadt zog, zuckten Fabel Bilder durch den Kopf. Die Zeit implodierte und faltete sich zusammen. Menschen und Ereignisse, die durch Jahrzehnte getrennt waren, trafen sich an einem Ort außerhalb der Zeit. Fabel träumte immer von denselben Dingen: der Unordnung des Lebens, den unverrichteten Arbeiten, den ungenutzten Möglichkeiten. Dann schoben sich die entwirrten Fäden eines Dutzends Ermittlungen in jeden Winkel seines schlafenden Hirns. In diesem Traum schritt Fabel, wie in so vielen Träumen zuvor, zwischen den im Lauf von fünfzehn Jahren Ermordeten dahin. Er kannte sie alle, jedes vom Tod gebleichte Gesicht, genau so wie sich die meisten Menschen an die Gesichter ihrer Verwandten erinnern. Die Mehrzahl der Toten, deren Mörder er gefasst hatte, nahm ihn nicht zur Kenntnis und ging vorbei. Aber die leblosen Augen derjenigen, deren Fälle er nicht gelöst hatte, musterten ihn kühl und anklagend, und die Opfer stellten ihre Wunden zur Schau.
Die Menge teilte sich, und Ursula Kastner trat vor Fabel hin. Sie trug dieselbe elegante graue Chaneljacke wie bei dem einen, dem einzigen Mal seiner Begegnung mit ihr. Er bemerkte einen winzigen Blutfleck auf der Jacke. Der Fleck wurde größer. Das Rot vertiefte sich. Ihre blutleeren grauen Lippen formten die Worte: Warum haben Sie ihn nicht gefasst? Einen Moment lang war Fabel verwirrt auf die vage, distanzierte Art, die für Träume typisch ist , weil er ihre Stimme nicht hören konnte. Lag es daran, dass er sie nie zu ihren Lebzeiten gehört hatte? Dann begriff er: Der Grund war natürlich der, dass man ihr die Lunge herausgerissen hatte und sie keinen Atem besaß, der ihre Worte hätte tragen können.
Ein Geräusch weckte ihn. Jenseits des Panoramafensters grollte der Donner, und Regen prasselte an die Scheiben. Dann hörte er das drängende Schrillen des Telefons. Er rieb sich den Schlaf aus den Augen und griff nach dem Hörer.
Hallo
Hallo Chef hier ist Werner. Komm am besten her, Jan, es ist wieder passiert
Der Sturm tobte weiter. Blitze züngelten über den Hamburger Himmel und ließen die schwarzen Silhouetten des Fernsehturms und des Michels wie gemalte Bühnenkulissen erscheinen. Die Scheibenwischer von Fabels BMW waren auf maximale Geschwindigkeit eingestellt. Trotzdem hatten sie Mühe, die dicken, klebrigen Tropfen fortzuschieben, die auf dem Glas explodierten und das Licht der Straßenlaternen und der Scheinwerfer entgegenkommender Fahrzeuge in zersplitternde Sterne verwandelten. Fabel hatte Werner Meyer, der seine beträchtliche Leibesfülle nur mit Mühe auf dem Beifahrersitz unterbringen konnte, am Polizeipräsidium abgeholt. Der Geruch seines vom Regen durchnässten Mantels erfüllte das Auto.
Ist es wirklich unser Mann? , fragte Fabel.
Nach dem zu schließen, was der Kollege von der Kripo Davidwache sagt, ja Sieht nach unserem Mann aus.
Shit, dann ist er mit Sicherheit ein Serienmörder. Hast du die Spurensicherung angerufen?
Ja. Werner zuckte die breiten Schultern. Leider war s der Blödmann Möller. Er wird schon da sein.
Was ist mit einer E-Mail? Ist was gekommen?
Noch nicht.
Fabel fuhr auf der Ost-West-Straße nach St. Pauli und bog in die Reeperbahn ein, die sündige Meile, die um fünf Uhr morgens freudlos im Regen glitzerte. Der Sturzregen schwächte sich zu einem dichten Nieseln ab, während Fabel in die Große Freiheit einschwenkte. Traditionelle Unsittlichkeit und importierte Banalität führten einen Krieg miteinander, und hier verlief die Front. Pornoläden und Stripclubs bestritten ein Rückzugsgefecht gegen modische Weinbars und Musicals vom Broadway oder aus dem Londoner Westend. Leuchtende Hinweise auf Live Sex, Peepshows und Hardcore Movies wetteiferten mit noch strahlenderen Anzeigen für Cats, Der König der Löwen und Mamma Mia. Aus irgendeinem Grund fühlte sich Fabel durch die Unsittlichkeit weniger gestört.
Hast du die Nachricht bekommen, dass ein Professor Dorn mit dir Kontakt aufnehmen will? , fragte Werner. Er sagt, er muss mit dir über den Fall Kastner sprechen.
Matthias Dorn? Fabel wandte den Blick nicht von der Straße, als könne er dadurch die dunklen Geister bannen, die sich tief in seiner Erinnerung regten.
Weiß ich nicht. Er hat nur gesagt, er sei Professor Dorn und kenne dich von der Universität Hamburg. Möchte unbedingt mit dir reden.
Was zum Teufel hat Matthias Dorn mit dem Fall Kastner zu tun? , murmelte Fabel vor sich hin und bog in die Davidstraße ein. Sie rollten am schmalen Eingang der Herbertstraße vorbei, der durch Metalltore abgeschirmt war. Vor Jahren hatte Fabel in diesem Bezirk gearbeitet. Hinter den Toren saßen trostlos beleuchtete Prostituierte in ihren Schaukästen, während die schattenhaften Gestalten der suchenden Freier durch den in Licht getauchten Nieselregen glitten. Fabel fuhr weiter durch die pulsierende Tanzmusik, die aus der Weißen Maus in der Taubenstraße in die Nacht hämmerte, und stoppte vor der roten, bugartigen Backsteinfassade der Davidwache. Ein Paar hatte im Eingang Zuflucht gesucht. Der Mann war schlaksig und strohblond, das Mädchen zierlich und hübsch mit stacheligem Haar und feuerroten Lippen. Sie trug eine übergroße schwarze Lederjacke. Fabel wunderte sich unwillkürlich, wie jung die beiden aussahen.
Morgen, Chef. Kriminalkommissarin Anna Wolff schob sich auf den Rücksitz und rutschte auf die andere Seite, sodass ihr Partner Paul Lindemann einsteigen und die Tür hinter sich zuschlagen konnte. Ich habe mir den Weg von der Kripo Davidwache beschreiben lassen. Ich lotse dich.
Sie ließen die Davidstraße hinter sich, und der falsche Glamour von St. Pauli wurde nun zur bloßen Schäbigkeit. Die grellen Neonversprechungen der Wollust zerrissen die einsame Nacht und spiegelten sich trist in den regennassen Gehsteigen. Ab und zu schlurften Fußgänger dahin, die Schultern im Regen gekrümmt, und manche nahmen die Einladungen der lustlos-enthusiastischen Stripclub-Koberer an. Eine weitere Kurve, wiederum bergab. Die Eingänge waren nun von hageren, trübe wirkenden Prostituierten, teils erschreckend jung, teils unglaublich alt, oder von betrunkenen...