Nirgends wird so viel gelogen wie vor Gericht. Diese Binsenweisheit findet Dr. Frida Kling bestätigt, als sie in einem Prozess wegen Fahrerflucht das Opfer vertritt. Und weil die Unwahrheiten und Täuschungen blutige Folgen haben, muss Frida sich auf stürmische Zeiten voller böser Überraschungen gefasst machen. Verwandte Suchanfragen: Buch, Krimi, Regionalkrimi, Anwalt, Anwältin
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Nirgends wird so viel gelogen wie vor Gericht. Diese Binsenweisheit findet Dr. Frida Kling bestätigt, als sie in einem Prozess wegen Fahrerflucht das Opfer in der Nebenklage vertritt. Und weil die Unwahrheiten und Täuschungen blutige Folgen haben, muss Frida sich auf stürmische Zeiten voller böser Überraschungen gefasst machen.
I Gegen 20 Uhr radelte Dr. Frida Kling direkt auf einen folgenschweren Unfall zu. Paul, an den sie gerade dachte, hatte soeben in Bert’s Imbiss in Dresden einen höllisch scharfen Feuerspieß mit einem letzten Schluck Cola hinuntergespült. Und während er sich auf den Fußweg zum Gefängnis machte, wo er als Freigänger die Nacht verbringen musste, fuhr Frida etwa sechshundert Kilometer südwestlich davon in der Dämmerung durch Rastatt-Rheinau. Die alten abergläubischen Nordvölker hätten jeden Eid darauf geschworen, dass bei dem verhängnisvollen Unfall, dem Frida sich näherte, die drei schicksalsbestimmenden Nornen vom Urdbrunnen am Fuße der Welten-Esche Yggdrasil ihre Finger im Spiel hatten ... Im Laufe der Zeit haben die Menschen allen möglichen Unsinn geglaubt, und auch heutzutage existiert der Zufall als mathematische Theorie in vielen Köpfen noch immer nicht. Dort würde nach wie vor die Überzeugung herrschen, es müsse vorherbestimmt gewesen sein, dass in den bevorstehenden Unfall ausgerechnet eine gewisse Frau Bollian involviert war. Sie und Frida waren sich nämlich kürzlich bereits im Zusammenhang mit dem Tod ihrer beider Brüder begegnet. Obwohl es keine Verbindung gab zwischen den Katastrophen, die vor wenigen Wochen stattgefunden hatten, und dem fatalen Verkehrsunfall, der in wenigen Sekunden passieren würde, existierte dennoch, personifiziert durch Frau Bollian, ein gemeinsamer Nenner: Drogen. Der gewaltsame Tod ihres Bruders hatte – wie Hagelschlag einen blühenden Garten – Fridas Befindlichkeit nachhaltig beeinträchtigt. Um zur Normalität zurückzufinden, nahm sie ihr Escrima-Training wieder auf. Auch wenn das Fitness-Center GYM schlimme Erinnerungen wachhielt, mit deren Aufarbeitung Frida gerade erst begonnen hatte, hoffte sie, dass es heilsam sein würde, wenn sie sich mit den Schrecken dieser Örtlichkeit konfrontierte. Mit Paul, der beim GYM dieselbe Tragödie wie Frida erlebt hatte, konnte sie darüber nicht am Telefon, sondern nur unter vier Augen sprechen. Deshalb sah sie ihrer geplanten Fahrt nach Dresden ungeduldig entgegen, zumal sie Paul sehr vermisste. Die Aussicht auf ein Wiedersehen bewirkte bei Frida eine süße Qual, wie sie ein Kind während der Adventszeit empfinden mag, wenn diese sich scheinbar endlos bis Weihnachten hinzieht. Die Wilhelm-Busch-Straße, auf der Frida heimwärts radelte, führte von Westen her direkt ins Stadtzentrum, um welches hingegen die Oberwaldstraße einen großen Bogen machte. Beide Fahrbahnen kreuzten sich zwischen einer Wohnblock-Siedlung, durch die Frida gerade fuhr, und einem Streifen Ackerland, der sich seltsamerweise nahe der Innenstadt erhalten hatte. Den freundlichen und milden Apriltag beendete hinter Fridas Rücken die knapp überm Horizont stehende Sonne, indem sie noch schnell ein paar Wolkenfetzen mit leuchtenden Rottönen tünchte, während von Osten her die Nacht über den Himmel kroch. Nur beiläufig nahm Frida ein Mädchen – es mochte etwa fünfzehn sein – in schwarzen Shorts, schwarzem Top und offener Jeansbluse wahr, das gerade die Oberwaldstraße bei Grün überquert hatte und auf dem jenseitigen Gehweg mit einer Umhängetasche in Gegenrichtung eilte. Als würde es jemanden erwarten, wandte das Mädchen mehrmals den Kopf mit der Schildmütze um, was ihre langen Locken in Schwung brachte. Und tatsächlich: Im nächsten Moment bog ein hellbrauner Seat Ibiza von rechts in die Wilhelm-Busch-Straße ein und stoppte direkt neben dem Mädchen, das nach einer Schrecksekunde in die Richtung zurückrannte, aus der es gekommen war. Der Fahrer des Kleinwagens öffnete die Fahrertür und rief: »Sophie! Bleib stehen!« Aber das Mädchen hüpfte bereits über die niedrige Umfriedungshecke, die den schmucklosen Vorgarten des letzten Mietblocks vor der Kreuzung umschloss, lief quer über den Rasen und geriet außer Sicht. »Sophie, warte doch ...!«, erklang die kräftige Stimme des Mannes, während er wenige Meter von Frida entfernt eilig ausstieg: groß und massiv, Anfang vierzig, mit buschigem Schnurrbart und Stirnglatze, auf deren Mitte ein senkrechter Steg Haare zwei ausgedehnte Geheimratsecken trennte. Er nahm die Verfolgung auf und durchquerte ebenfalls den Vorgarten, sodass Frida auch ihn nicht mehr sehen konnte. Wenige Augenblicke später hörte Frida, während sie ihre Geschwindigkeit vor der roten Ampel drosselte, quietschende Bremsen und den Schrei »Sophie ...!« Kurz danach rollte von links eine dunkelgrüne Limousine langsam auf die Mitte der Kreuzung zu, ohne jedoch ganz zum Stillstand zu kommen. Weil sich der Abendhimmel in den Seitenscheiben des Autos spiegelte, war es für Frida unmöglich, die Person auf dem Fahrersitz zu sehen. Die riss jetzt im Übrigen das Steuer nach links und raste, bei durchdrehenden Reifen kurz schlingernd, mit Vollgas auf der Wilhelm-Busch-Straße in Richtung Stadtzentrum davon. Der Wagen kam so schnell in Fahrt, dass Frida das Kennzeichen nicht mehr entziffern konnte. Als sie die Kreuzung erreichte, hatten bereits ein paar Autos angehalten, und der Mann mit dem Schnurrbart beugte sich über das auf dem Asphalt liegende Mädchen. Frida näherte sich den beiden mit großen Befürchtungen und hörte, wie der Mann bestürzt rief: »Sophie ... Kind ... Was ist mit dir? Hast du Schmerzen?« Frida war jetzt nahe genug, um erleichtert die leise Antwort des Mädchens zu verstehen, das eine Hand auf den Arm des Mannes legte: »Es geht, Papa ...« Frida hielt an und fragte: »Soll ich den Notarzt rufen?« Nach kurzem Zögern blickte der Mann auf. »Das mach ich selbst, danke.« Und dann: »Wissen Sie vielleicht die Nummer des Audi?« Als Frida mit »Nein« antwortete, war ihr Entschluss bereits gefasst, den flüchtigen Wagen zu verfolgen. Sie stieg auf und fuhr los, wobei sie die minimale Hoffnung hatte, dem dunkelgrünen Auto als geübte Radlerin auf ihrem Focus Cayo, zumal im Stadtverkehr, vielleicht doch noch nahe genug zu kommen, um das Nummernschild lesen zu können. Also überquerte sie schnell diagonal die Kreuzung und stieg kräftig in die Pedale. Sie fuhr nicht auf dem Radweg, sondern blieb auf der Straße, die durch ein großes Feld führte, in dessen regelmäßigen Furchen Reihen kleiner Pflänzchen sprossen. Der flüchtende Wagen hatte bereits einen großen Vorsprung, während er, mittlerweile wieder von Gebäu-den gesäumt, auf das Flüsschen Murg und die Brücke zur Stadtmitte zuraste. Frida musste sich eingestehen, dass ihr Vorhaben spätestens dann zum Scheitern verurteilt sein würde, wenn die Limousine direkt vor der Brücke nach rechts oder links abbog, wo er entlang des Flusses bis zu den nächsten, weit entfernten Ampelkreuzungen seine Geschwindigkeit noch steigern konnte. Aber überraschender Weise kurvte das Fahrzeug schon vorher nach rechts in die schmale Schillerstraße hinein und entzog sich so den Blicken Fridas, die nun auf Höhe der modernen Petruskirche ihr Tempo noch einmal beschleunigte, keuchend den verwinkelten Komplex der Anne-Frank-Schule passierte und hoffte, dass ihre Erfolgsaussichten in den Anliegerstraßen des Wohnviertels, in dem das grüne Auto verschwunden war, steigen würden. Umso überraschter stellte sie bei der Einmündung zur Schillerstraße fest, dass der dunkelgrüne Wagen nur wenige Meter entfernt hinter der Abzweigung einer Gasse am rechten Straßenrand stand. Mit pochendem Puls näherte sich Frida dem augenscheinlich verwaisten Auto. Sie ließ ihren Blick über die Umgebung schweifen, aber außer einer gerade aus einer entfernten Hofeinfahrt tretenden Frau, die einen Kinderwagen schob, war niemand zu entdecken. Bei dem Wagen handelte es sich um einen Audi S5 Coupé TDI, dessen Kennzeichen sich Frida einprägte, während sie ihr Rad an einen Zaun lehnte. Sie nahm ein kleines Handtuch, welches sie – um bei Hitze das Gesicht und bei Regen den Sattel zu trocknen – immer im Rucksack dabeihatte, umhüllte damit ihre Finger, begab sich zur Fahrertür, öffnete sie und blickte ins elegante, schwarz ausgestattete Innere des Autos. Überrascht bemerkte sie, dass der Zündschlüssel...
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