2002 230 Seiten hardcover Pfefferkorn-Verlag, Mit Schutzumschlag
Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
Stephan Valentin lebt in Paris, wo er Schauspiel und Psychologie studiert hat. Ehrenamtliche Einsätze in Armenkrankenhäusern führten ihn bis an die Elfenbeinküste und nach Bombay. "Vielfarben" beinhaltet die Shortstory "Der Taubenturm", für die Valentin 1999 als erster Mann den Bettina von Arnim-Literaturpreis der Zeitschrift "Brigitte" erhalten hat.
Das Leben sonst wo. Stephan Valentins Geschichten sind kaleidoskopische Kurzbesuche hinter die Kulissen des alltäglichen Seins. Scharfkantig, rau, zuweilen fremdartig < es sind die vielfarbigen Momentaufnahmen aus dem diffusen Kunterbunt des Lebens, die seine Prosa so eindrucksvoll machen. Stephan Valentins Figuren hoffen und zweifeln, rebellieren und resignieren, flüchten und leisten Widerstand, letztlich suchen sie nach Auswegen, warten auf die Gelegenheit auszubrechen. So bleiben Zeit und Zeitlosigkeit, Wirklichkeit und Traum, das Jetzt und das Gestern nah beieinander, verschmelzen im Sog der Geschichten. Das Leben als Arena, als Kuriosa und vielleicht irgendwann versöhnlich, stehe ich am Fenster. Zwischen dem Garten und dem Vorhang. Nur noch Wolken von beiden Seiten.
Der Taubenturm: Die Geigen winseln laut und quälend. Violinen sind das, berichtigt mich meine allwissende Mutter mit einem leichten Klaps auf den Hinterkopf. Aber in mir drin schreien die Geigen so laut und scheißen auf die Violinen. Ihr Mund lächelt mir zu und es blitzt nur so von ihren Zähnen, als wären wir in einer Sondervorstellung von Krieg der Sterne und nicht auf dem öden herbstlichen Schlossfestival des Gemeindeorchesters. In der dritten Reihe von hinten, ganz links, prustet mein Vater in sein Horn. Steif steht sein Hemdkragen in die Höhe. Seine Backen blähen sich wie der Hals eines Frosches und fordern mich gerade zum Steinschleuderschießen heraus. Neben meiner Mutter hockt mein kleiner Bruder. Sandmännchen hat ihn schon vor einer Stunde auf sein fliegendes Mobil gehievt. Der Glückliche. Ich muss hier, eingeklemmt zwischen der Mutter und einer popeligen Nachbarin, Kulturliebe vortäuschen und einen Vollgelähmten mimen. Die Pause ist noch unzählige Minuten entfernt und schwappt wie eine auf dem Meer treibende Kokosnuss immer weiter von mir weg. Dabei ist sie doch gerade eben zum Greifen nahe gewesen. Schritte auf knirschendem Kies lassen Köpfe herumschwirren und mahnende Zischtöne nageln den Eindringling auf der Stelle fest. Ich muss an mein süßes Bonbon in der Hosentasche, mit dem furchtbar schön knisternden Papier drumherum, denken. Hör auf ohne Grund zu grinsen, du Dummschädel, saust es mir ins Genick. Immer dasselbe mit dir. Meine Mundwinkel werden steif wie der Zement in dem bald die Füße meiner Quälerin stecken. Ich renne weg. Jubelnd, jauchzend und schreie nach Geigen und Posaunen. Nein, ich werde nicht weinen. Nicht hier und nicht heute. Nimmermehr. Mein Alter habe ich vergessen. Irgendwann bin ich mal fünf gewesen, aber mein Bruder ist bereits sechs. Die blauen Flecken im Kreuz tun nicht mehr weh und die gelben, von vorgestern breiten sich über meinen Oberschenkel aus, als wäre ich ein Leopard oder so was. Schnell wie der Wind. Schmerzen verfliegen, wie meine Tauben, die nicht mehr wiedergekommen sind. Einfach so. Dunkle Flecken blieben auf dem verrotteten Holzboden zurück. Die leben jetzt in einem schöneren und sauberen Turm, hat die zu mir gesagt. Die ist eine dumme Kuh und du stehst daneben. Entschuldigung, die leben jetzt woanders, hat die Mama gesagt. Und mein Bruder hat mich ungläubig angestarrt. Aber ich kann trotzdem ihr Flattern und Gurren vernehmen. Das verrate ich niemandem. Nicht mal dem Mann, der morgens kommt und Briefe in den Kasten steckt und mir freundlich zunickt. Der Stuhl ist hart. Irgendwie schneidet mir die metallene Rücklehne in den Rücken. Ich bewege mich ohne zu atmen, aber ihre Hand drückt mich zurück. Ich sehe nichts, faucht sie. Die Nachbarin schüttelt den Kopf. So was ungezogenes. Sie stecken unter einer Decke. Jetzt spielen die Trompeten und langsam heben sie mich zu meinem Taubenturm hinauf und setzen mich sanft auf die Spitze des Kupferdaches. Ich bin allein. Unten laufen Stecknadelköpfe hin und her, fahren in Spielzeugautos auf dünnen grauen Strichen und wissen überhaupt nicht, dass ich sie alle mit einem Schlag wie mein tapferes Schneiderlein niedermachen könnte. Spucke zieht sich in langen Fäden. Ich rufe nach meinen Freunden. Sie kommen nicht und die Spucke klatscht laut auf. Mein Vater winkt zu uns herüber. Mutter ist furchtbar stolz und ich sehe wie sich ihre Lippen befeuchten, fast wie in dem Film vom Samstagabend. Mich friert es plötzlich. Die Hand, die mich schlägt, fährt durch blondes lockiges Haar. Automatisch ducke ich mich. Mutter funkelt mich an. Kein Wort. Blamier mich nicht. Die Tauben werden mich rächen. Kleiner Tobi wacht auf. Sie legt den Arm um ihn. Er kuschelt sich an meine Mutter. Dort, wo ich mal meinen Platz hatte. Vorher, als der noch nicht seinen Schreier losgelassen hat. Von meinem Dach aus kann ich es genau sehen. Fast wäre ich abgerutscht, weil ich mich zu weit vorgewagt habe. Vielleicht will ich fallen. Manchmal möchte ich ein Messer nehmen und ein Loch in die Luft schneiden, um aus ihrer Welt zu entschwinden. Dann könnten sie mich suchen bis sie schwarz werden. Ihre Schläge werden ins Leere treffen und die täglichen Sticheleien ein anderes Opfer suchen. Meine Tauben werden es nicht zulassen, dass sie uns nachkommen, hier hinauf, auf meinen Taubenturm, meine Insel, meinen Unterschlupf.
„Über diesen Titel“ kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
Anbieter: Martin Greif Buch und Schallplatte, Eberbach, Deutschland
Hardcover. Zustand: Wie neu. Zustand des Schutzumschlags: Wie neu. Original eingeschweißt. Artikel-Nr. 2376
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Anbieter: Versandantiquariat Felix Mücke, Grasellenbach - Hammelbach, Deutschland
hardcover. Zustand: Befriedigend. 230 Seiten; ehemaliges BÃchereiexemplar, Artikel stammt aus Nichtraucherhaushalt! AS7394 Sprache: Deutsch Gewicht in Gramm: 500. Artikel-Nr. 1198285
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Anbieter: Buchpark, Trebbin, Deutschland
Zustand: Sehr gut. Zustand: Sehr gut | Sprache: Deutsch | Produktart: Bücher | Keine Beschreibung verfügbar. Artikel-Nr. 1003434/2
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Anbieter: Buchpark, Trebbin, Deutschland
Zustand: Hervorragend. Zustand: Hervorragend | Sprache: Deutsch | Produktart: Bücher | Keine Beschreibung verfügbar. Artikel-Nr. 1003434/1
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Anbieter: Versandantiquariat Abendstunde, Ludwigshafen am Rhein, Deutschland
Leinen. Zustand: gut. Erste Aufl. Fadengehefteter, türkisgrüner Ganzleineneinband mit farbigen Vorsätzen, Lesebändchen und illustriertem Schutzumschlag. Der Umschlag leicht berieben und auf der Rückseite mit kleinen Druckstellen, ansonsten rundum guter Erhaltungszustand. Auf Vortitelblatt von Stephan Valentin signiert. "Das Leben sonst wo. Stephan Valentins Geschichten sind kaleidoskopische Kurzbesuche hinter die Kulissen des alltäglichen Seins. Scharfkantig, rau, zuweilen fremdartig." (Verlagstext) In deutscher Sprache. 235 pages. 8° (195x125 mm). Artikel-Nr. BN15963
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