"Ich war einundzwanzig Jahre alt und wollte wunderschön sein. Ich war wunderschön. Niemand hier würde merken, dass ich eine Bluse trug, sächselte und noch nie einen alten Menschen gepflegt hatte." April 1989: Kurz nach seiner Ausreise nach Westberlin findet sich Dirk als Pfleger in der Residenz am Grunewald wieder. Nicht, dass er eine Ausbildung hätte. Nicht, dass er jemals bleiben wollte. Er hatte eindeutig Größeres vor! Wie damals, in seiner Heimatstadt Schkopau, als er die Russischolympiade und die Kreisspartakiade im Rollschnelllaufen gewann oder als Spitzel für die Freie Deutsche Jugend fungierte. Schriftsteller möchte er sein, ein großer Dichter! Oder zumindest ein anderer. In alternativen Identitäten und erfundenen Biografien schummelt Dirk sich durch seine Wunderwelt: Mal spielt er für eine transsexuelle Prostituierte den bissigen Hund, mal tanzt er für Ceauşescu in New Yorks Straßen oder mimt im Ecstasy-Rausch den gelehrten Psychologen. Jörg Rehmanns Debütroman ist ein tragikomisches Panoptikum einer Kindheit in der DDR und der Schwulenszene im Berlin der Neunzigerjahre.
Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
Jörg Rehmann wurde 1966 in Merseburg (Sachsen-Anhalt) geboren, wuchs in der DDR auf und veröffentlichte in Zeitschriften und Anthologien. Er studierte Pflegemanagement, arbeitet als Dozent und lebt in Berlin.
Im April 1989 betrat ich zum ersten Mal die Residenz am Grunewald. Die Empfangshalle war ein Glaskasten mit Münzfernsprecher und Rohrstühlen. Auf einem nahm ich Platz und sah mich um. Vor mir hing das Porträt einer aufgedunsenen Frau in Schwesterntracht. Mit bohrendem Blick prüfte mich Oberin Irmgard Breugel, die Stiftungsgründerin. Auf der Tafel daneben las ich, dass ihr, einer Krankenschwester, 1938 drei Villen geschenkt worden waren. In Berlin-Grunewald war alles möglich. Setz dir eine Schwesternhaube auf, und schon bekommst du Villen hinterhergeschmissen. Ich überlegte, was ich mit den Häusern, die ich hier ergattern würde, anfangen könnte. Kein Heim. Das gab es ja schon. Ob die Breugel jetzt sah, dass ich eine Jacke aus knatschrotem Kunstleder und eine Damenhose trug? Vor einer Woche war ich nach Westberlin ausgereist. Das einzige Zimmer, das ich hatte finden können, war ein Verschlag in Ritas Wohnung. Rita ging auf den Transenstrich in der Frobenstraße, ich zum Vorstellungsgespräch. In meinen Ostklamotten würde mir jede Chance davonfliegen. Also hatte ich mir Ritas Sachen geliehen. Ich war einundzwanzig Jahre alt und wollte wunderschön sein. Ich war wunderschön. Niemand hier würde merken, dass ich eine Bluse trug, sächselte und noch nie einen alten Menschen gepflegt hatte. „Da sind Sie ja schon.“ Eine Frauenstimme schreckte mich auf. Frau Schwalbe, die Verwaltungsleiterin, stand vor mir. Ich grüßte und lächelte. Deshalb stellte sie mich ein. Noch heute bin ich sicher, dass dieser Moment der entscheidende war. Frau Schwalbe, eine korpulente Dame im rostbraunen Kostüm, forderte mich auf, ihr zu folgen. In den Verwaltungstrakt gelangte sie mit einem Zahlencode. Ich fragte mich, welche Geheimnisse sich im Büro eines Pflegeheims verbergen konnten. Es waren gigantische und sagenumwobene, daran bestand kein Zweifel. Denn ehe Frau Schwalbe den Code eintippte, hob sie die Augenbrauen und befahl: „Jetzt schauen Sie mal weg.“ Dieser Satz sollte in der Residenz zu meinem Leitmotiv werden. Schon saß ich in Frau Schwalbes Büro und sah, wie sie sich über meine Bewerbungsunterlagen beugte, darin immer wieder blätterte, als suche sie etwas, und meinen beruflichen Werdegang studierte. Sechs Wochen Garderobier im Ratskeller Merseburg, ein Jahr Pflegehelfer im Bezirkskrankenhaus für Psychiatrie in Leipzig-Dösen. Den Rest hatte ich verschwiegen, und an der Garderobe hatte ich … Und was ging das die Trulla im kackbraunen Kostüm an? Gleich würde sie mir danken und das Gespräch beenden. Es tut mir leid, aber Ihre bisherige Karriere … Was, wenn jetzt ihre Perlenkette am Hals platzen und sich ein Schwall potthässlicher Perlen über die Auslegware ergießen würde, auf Nimmerwiedersehen. In zehn Jahren, während einer Teambesprechung, würde genau das passieren. Aber jetzt saß ich erst einmal da, und Frau Schwalbe räusperte sich. „Nun, wie geht man in der Ostzone mit Inkontinenten um?“ Großer Gott, wer oder was waren Inkontinente? In meiner Magengegend zog sich etwas zusammen. „Im Osten ist das nicht erlaubt“, sagte ich. „Ach, kommen Sie. Irgendetwas werden Sie doch gemacht haben!“ Vorsichtig beäugte mich Frau Schwalbe. Ich spürte, dass meine Aussicht, hier einen Job zu ergattern, gleich Null war, wenn nicht schleunigst ein Wunder geschah. „Wer war Irmgard Breugel?“, fragte ich. „Sehen Sie diese Steine dort?“ Frau Schwalbe deutete aus dem Fenster, und ihre Stimme wurde sanfter. „Ihre Pudel liegen dort begraben. Irmgard Breugel liebte Pudel.“ Ich schwieg und wartete. Das war die Antwort? Irmgard Breugels Pudelgrabsteine? Ich dachte an ihr Porträt in der Eingangshalle. Vermutlich hatte sie die Köter auch geschenkt bekommen. „Können Sie pulsen?“ Wer wäre so dämlich und würde jetzt nicht nicken und Ja! sagen? Ich kann alles, liebe Frau Schwalbe. „Wie sieht’s aus mit Insulin?“ Wie sollte es damit aussehen? Insulin hieß meine erste CD, mit der ich in ein paar Monaten die US-Charts stürmen würde. In dieser Woche von Null auf Eins … „Selbstverständlich.“ Ich biss mir auf die Lippen. „Dann kommen Sie mal mit. Ich zeige Ihnen noch, wie eine Badewanne funktioniert.“ Wir verließen das Büro und gingen in den Wohnbereich 1. Im Flur begegneten uns zwei Pflegekräfte. Frau Schwalbe grüßte sie wie die Zöglinge einer Besserungsanstalt. Im Bad hantierte sie an der Armatur. Echtes Wasser floss. Und was kam jetzt? Zeigte sie mir einen Waschlappen? Wenn sie mir prophezeit hätte, dass ich dreiundzwanzig Jahre später in ihrem Büro an ihrem winzigen Schreibtisch sitzen und in meiner Personalakte blättern würde – ich hätte die Notklingel gedrückt. Heute lese ich Frau Schwalbes Gesprächsnotiz: Freundlicher Flüchtling, trägt Damenwäsche, recht willig. Grundkenntnisse, Einweisung Bad. Vorerst Station 1. Nach meiner Ausreise aus der DDR hatte ich die Orientierung verloren und schwitzte deshalb Blut und Wasser. Schon das Notaufnahmelager Berlin-Marienfelde hatte ich erst gefunden, nachdem ich stundenlang umhergeirrt und zunächst im Mercedes-Werk gelandet war. Als ich schließlich das Lager erreicht und dort gesagt hatte, dass ich mir vorstellen könnte, vielleicht und zunächst erst einmal und wenn es gar nicht anders ginge, in der Altenpflege … Acht Stellenangebote hatte man mir in die Hand gedrückt. Den kürzesten Arbeitsweg von Ritas Wohnung hatte ich bis zur Residenz am Grunewald. Ehe ich die Residenz fand, ging und lief und rannte ich zwischen Roseneck und Hagenplatz umher. Die Gegend erschien mir wie eine Filmkulisse, in der Dallas oder Die Schwarzwaldklinik gedreht wurden. Keiner der wenigen Menschen auf den gepflegten Straßen kannte die Residenz. Mehrere Male lief ich an ihr vorbei. Es gab kein Schild draußen, nichts. Ein weißgetünchter Block, strahlend wie die Zähne in der Fernsehwerbung. Wurden die Wände hier mit Dentagard geschrubbt? Warum existierte die Residenz am Grunewald inkognito? Weil dort betagte Millionärinnen inkognito lebten. Ich stellte mir vor, dass sie nach Rosenöl dufteten und mir Schwänke aus ihrem Leben erzählten. Sie hatten keine Krankheiten, starben nicht und schmierten niemals mit Stuhlgang. Die Einarbeitung an meinem ersten Arbeitstag beschränkte sich auf zwei Sätze: „Alle waschen, pampern, aus den Nestern raus und die Zimmer picobello. Wäschewagen steht im Bad, Abwurfwagen in der Spüle.“ Schwester Gisela sprach und ging. Ich sollte mit ihr und Oberpfleger Rolf, dem Stationsleiter, arbeiten. Beide verschwanden in die obere Etage. Die Station 1 erstreckte sich über zwei Stockwerke mit verwinkelten, endlosen Fluren. Ich dachte an Albert Einstein. Von wegen nur das All und die Dummheit der Menschen sind unendlich! Nach einer Stunde glaubte ich, die Zimmer vermehrten sich nach dem Prinzip der Zellteilung. Schon das erste Bett, vor dem ich stand, gab mir Rätsel auf. Wie um alles in der Welt löste man das Bettgitter? Gab es einen Schalter? Musste man kräftig schütteln? Ich suchte und probierte. Minutenlang. Mein erster Schweißausbruch. Ich schlich um das Bett und kroch darunter. Vielleicht gab es zwischen Matratze und Bettgestell einen Drücker? Oder konnte man das Bettgitter überhaupt nicht lösen und sollte mit einer einfachen Hebeübung … Es klatschte. Eine Ohrfeige von Frau Klinke, 102 Jahre alt. Sie lag im Bett. Ich hatte sie übersehen. Frau Klinke drohte mit den Fäusten. Ohne ihre Ohrfeige hätte ich in der nächsten Minute Kran gespielt. Eine Uhr begann in mir zu ticken. Du bist in der Probezeit!, zischte eine Stimme in mir. Beeil dich! Ich wollte Frau Klinke das Nachthemd ausziehen. Wir zerrten um die Wette. „Er kann es nicht!“ Ich drehte mich um. Frau Salostowitz, die Bettnachbarin, sah mir zu und spielte Kommentatorin. „Das schafft er nicht.“ „Jetzt schafft er’s doch.“ „Jetzt hat sie ihn.“ „Jetzt rollt er sie weg.“ An diesem Morgen hatte mich die Hektik im Griff. Mir blieb keine Zeit für Gerüche, Ekel oder Angst. Wenn ich jetzt versage, werfen sie mich raus. Wenn ich jetzt versage, schlafe ich zwischen Müllkübeln. Wenn ich jetzt versage, wird der Westen so, wie es im...
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Hardcover. Zustand: Fine. Leichte Gebrauchsspuren; Leichte Verschmutzung / Farbtonveranderung. "Ich war einundzwanzig Jahre alt und wollte wunderschon sein. Ich war wunderschon. Niemand hier wurde merken, dass ich eine Bluse trug, sachselte und noch nie einen alten Menschen gepflegt hatte."April 1989: Kurz nach seiner Ausreise nach Westberlin findet sich Dirk als Pfleger in der Residenz am Grunewald wieder. Nicht, dass er eine Ausbildung hatte. Nicht, dass er jemals bleiben wollte. Er hatte eindeutig Grosseres vor! Wie damals, in seiner Heimatstadt Schkopau, als er die Russischolympiade und die Kreisspartakiade im Rollschnelllaufen gewann oder als Spitzel fur die Freie Deutsche Jugend fungierte.Schriftsteller mochte er sein, ein grosser Dichter! Oder zumindest ein anderer.In alternativen Identitaten und erfundenen Biografien schummelt Dirk sich durch seine Wunderwelt: Mal spielt er fur eine transsexuelle Prostituierte den bissigen Hund, mal tanzt er fur Ceausescu in New Yorks Strassen oder mimt im Ecstasy-Rausch den gelehrten Psychologen.Jorg Rehmanns Debutroman ist ein tragikomisches Panoptikum einer Kindheit in der DDR und der Schwulenszene im Berlin der Neunzigerjahre. Artikel-Nr. 94a9ed0e-e525-4bae-9a26-6b5a80e79195
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Buch. Zustand: Neu. Herr Wunderwelt | Jörg Rehmann | Buch | 304 S. | Deutsch | 2020 | Kommode Verlag | EAN 9783952501429 | Verantwortliche Person für die EU: mairisch Verlag / Beskos & Reichenbach GbR, Daniel Beskos, Schwenckestr. 68, 20255 Hamburg, kontakt[at]mairisch[dot]de | Anbieter: preigu. Artikel-Nr. 117688791
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