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Der Inselmann (reihe_20: Zeitgenössische deutschsprachige Autoren)

Becker, Jonas

 
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Inhaltsangabe

Wie schafft man es in der heutigen Zeit, auch alleine glücklich zu sein? Oder, wo das nicht möglich ist, wenigstens zufrieden mit sich und der Welt zu leben? Am Ort seines Herzens zu leben und mit Menschen, die einem Freund sind und freundlich gesinnt sind? Josch muss ein paar "Altlasten" loslassen, bevor er einen Neuanfang mit innerer Überzeugung beginnen kann. Der jetzt Fünfzigjährige zimmert sich auf der griechischen Insel Primos nach und nach ein neues Zuhause bevor er seinen Anwaltsberuf in Deutschland aufgibt. Aber nicht nur seinen Beruf, den er ursprünglich mit Engagement betrieben hatte, muss er hinter sich lassen. Auch mehrere Schicksalsschläge wie Tod geliebter Menschen muss er endlich nur mehr als Erinnerung begreifen, denn den Verlust hat er eigentlich so gut es eben ging verarbeitet. Auf der fiktiven Ägäis-Insel Primos ist Josch Dauergast in einer Taverne und hat sich mit Besitzern, Köchinnen und weiteren Dorfbewohnern angefreundet, für die die Taverne so etwas wie ein Mittelpunkt im Leben ist. Josch wandelt zwischen Küche, Tresen und Gästetischen, lernt Touristinnen und Gestrandete, Einheimische und auf Primos sesshaft gewordene, ehemalige Ankömmlinge kennen. Und Pepe, ein etwa zehnjähriger Junge, mit dem Josch bald eine besondere Freundschaft verbindet. Krisen und Enttäuschungen, gemeinsame Feiern und fröhliches Beisammensein, Ängste und Hoffnungen kulminieren in der Taverne im Soziotop der Bewohner. Und alle helfen sich gegenseitig, um Schwierigkeiten zu überwinden und um zu begreifen: Du hast nur ein Leben - gestalte es! In teilweise rasantem Ton erzählt und manchmal an ein Road Movie erinnernd, wir die Handlung vorangetrieben - immer wieder wohltuend unterbrochen von Reflektionen über urmenschliche Fragen, auf die aber auch Antworten vorgeschlagen werden.

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

geboren und aufgewachsen in Kusel, lebt seit 2001 in Kaiserslautern

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

„Der erste Satz“, dachte ich wieder einmal, „wird entscheidend sein.“ Er kann den ganzen Fortbestand des eigenen, kleinen Universums bestimmen, oder auch nur den Verlauf eines gewöhnlich begonnenen Abends entscheidend prägen. Hätte die Filmfigur John Rambo im ersten Teil des Kino-Klassikers gleich zu Beginn dem Sheriff erzählt, dass er als ehemaliger Vietnamveteran eigentlich nur den letzten Freund aus seiner Truppe besuchen wollte und gerade erst von dessen Witwe erfahren musste, dass er zwischenzeitlich an Krebs gestorben war, er sich jetzt planlos fühlt und eigentlich nur etwas essen will, um sich dann weiter ziellos auf den Weg zu machen, dann wären der Film und die gesamte Geschichte des Titelhelden schon nach zehn Minuten erzählt gewesen. Ich saß an der Theke von Frau Spannowskys Taverne und provozierte schon den ganzen Abend lang das Kitzeln von fremden Pupillen in meinem Nacken. Während ich mich mit meiner im Eismantel gekühlten Flasche Weißwein, Malagousia, beschäftigte, richtete ich nämlich ab und zu einen verstohlenen Blick auf die hinter dem Tresen an der Wand in kleinen Kacheln angebrachten Spiegel und konnte so heimlich Mosaikgesichter ausfindig machen, insbesondere eines, von dem ein sehr optimistisches Kitzeln herzurühren schien. Sie saß auf der Terrasse ganz rechts an Tisch 1, einem Zweiertisch, angelehnt an das Geländer. Ein ziemlich beliebter Platz bei den verliebten oder entliebten Gästen der Taverne, deren Terrasse sich gerade langsam mit Stimmen füllte. Von dem schräg stehenden Zweiertisch hat man nach rechts eine gedankenfreie Aussicht über das Meer. Nach links überblickt man bequem die Theke im Gastraum und geradeaus überschaut man die gesamte Terrasse, was vor allem für entliebte Gäste von Vorteil sein kann. Die gekachelte Spiegelwelt reichte leider nicht aus, um zu erkennen, ob sie alleine an Tisch 1 saß. Mein Blickwinkel war zu eingeschränkt, um den ganzen Tisch zu fokussieren. „Früher noch: Kuss-Lust, heute: Fo-Kuss-ier-Lust. Pupillen nur noch zum Kontakt-Linsen?“, fragte ich mich und hörte, wie ich mich ermahnte: „Jetzt bloß nicht umdrehen, das wäre zu verräterisch, Josch.“ Trotzdem konnte ich der Versuchung nicht widerstehen und bemühte mich also, mich auf meinem Barhocker behutsam und unauffällig zu verrenken, um einen besseren Blickwinkel zu bekommen. Doch in diesem Moment meiner heimlichen Entrückung trafen sich unsere Blicke auf der Wand: Pupillen-Ping-Pong! Sie hatte mich erwischt, was ich eigentlich hatte vermeiden wollen. Ich akzeptierte ihren Pupillen-Sieg und prostete der Wand zu. Dann stand ich, ohne mich umzudrehen, auf, um mich und vor allem meinen roten Kopf bei Frau Spannowsky in der Küche zu verstecken. Zu mehr hatte ich keinen Mut und ohnehin keinerlei Fantasie für einen „ersten Satz“. „Was ist denn mit dir los, heute wieder zu lange Wellen gezählt? Dein Kopf ist ja ganz rot!“, empfing mich Frau Spannowsky und trocknete sich die Hände an ihrer Küchenschürze. „Hast du Hunger? Ioannis hat vorhin frische Lammkoteletts vorbeigebracht. Anscheinend sind heute Abend nur Vegetarier und Veganer unterwegs. Es hat bis jetzt noch keiner Fleisch bestellt.“ Ich umarmte sie mit einem geröteten Grinsen und gestand ihr: „Bin eben erwischt worden.“ „Beim Pupillen-Ping-Pong?“, lachte Frau Spannowsky und setzte gleich hinzu: „Wurde ja auch mal Zeit ... Wir kennen uns jetzt schon über zwei Jahre, nur, seitdem du hier wohnst, sitzt du jeden Abend bei mir und spielst mit den gespiegelten Blicken anderer, wie sagst du immer ... ‚insbesondere Menschinnen‘. Na, das war ja abzusehen, dass du mal an deine Meisterin gerätst!“ „Ist mir aber irgendwie unangenehm! Sie wissen doch, dass ich das nicht tue, um Menschinnen zu provozieren. Es geht mir dabei nur um die gespiegelte Mosaikwelt.“ „Ja, ja, Josch, kein ‚erster Satz‘, ‚Kontakt-Linsen‘ und und und. Du bist ja so ein verschlossener und schüchterner Mann“, sagte sie, und in ihrer Stimme klang die Ironie so deutlich mit, dass ich mich zum zweiten Mal an diesem Abend ertappt fühlte. Sie trat auf mich zu, legte ihre Hand auf meine Schulter und flüsterte versöhnlich: „Entschuldigung, hab‘s nicht so gemeint.“ „Eine Portion Lammkoteletts und einen Griechischen Salat für Tisch 1, alles auf einem Teller“, schallte es plötzlich dicht neben uns. Wir wurden von Dimi, Frau Spannowskys Kellner, unterbrochen. „Alles auf einem Teller.“ Immerhin schien sie alleine hier zu sein, schloss ich aus der Bestellung. Frau Spannowsky riskierte von der Durchreiche aus einen kurzen Blick nach draußen. „Fleischfressende Blondine, Ende dreißig. Ist anscheinend erst kürzlich auf der Insel angekommen.“ „Ich weiß“, entgegnete ich, wobei ich mit dem Tonfall eine gewisse Überlegenheit zum Ausdruck brachte. „Zumindest ist sie heute zum ersten Mal hier in der Taverne“. Ich räusperte mich und sagte: „Ich werde jetzt wohl besser heimgehen. Oben bei mir auf der Terrasse weht bestimmt wieder ein zauberschöner Wind und der Sternenhimmel wird heute Abend besonders überfüllt sein.“ „Warum denn das, Josch, ist doch noch früh“, hielt mich Frau Spannowsky fest. „Es ist Samstag, Ioannis und Jorgos kommen nachher sicher auch noch, wir wollten doch über deinen Vorschlag reden. Also, ich finde das eine ganz wunderbare Idee, dass Ioannis hier sein Fleisch und Jorgos seinen Fisch grillen und an meine Gäste verkaufen sollen.“ Frau Spannowsky klang wirklich überzeugt und ich begriff, dass ihr die Umsetzung der geplanten Grillabende – am besten schon ab sofort - offenbar sehr ernst war. „Außerdem müsste ich mich dann nur noch um die Beilagen kümmern und die beiden könnten ihren Beitrag direkt bei den Gästen kassieren. Und stell dir mal vor, Josch, was das für die Taverne bedeuten würde! Es gibt ja wohl kaum etwas Authentischeres als zwei Griechen am Grill mit Tsipouro, und wenn die dann noch anfangen zu singen und zu tanzen! Ioannis und Jorgos werden bestimmt gutes Trinkgeld bekommen, sie brauchen das Geld eh weitaus nötiger als ich. Wie kommst du nur immer auf solche Ideen, Josch?“ „Sehnsucht im Kopf-Kino“, wisperte ich in meinen Unterlippenbart. „Und du wolltest dich auch mit Adan darum kümmern, dass vor der Terrasse ein gemütlicher Grillplatz eingerichtet wird. Denk dran, bald geht die Saison richtig los – wir können da nicht noch ewig warten!“ „Jorgos tanzt nie, auch nicht, wenn er Tsipouro getrunken hat. Ich habe ihn jedenfalls noch nie tanzen sehen! Er taumelt nicht einmal! Er und Ioannis treffen uns morgen Abend um sechs Uhr hier, um die Einzelheiten zu besprechen. Die Speisekarte für die Grillabende hab ich schon umgeschrieben“, sagte ich beflissen und entschloss mich sogleich, Frau Spannowskys Euphorie etwas zu dämpfen: „Ich glaube ehrlich gesagt, dass Jorgos und Ioannis das höchstens zwei Mal in der Woche und vielleicht noch zusätzlich samstags mitmachen werden.“ „Die sollen sich nicht so anstellen“, sagte sie in einem bestimmenden Tonfall. „Ich arbeite schließlich auch von April bis Ende September durchgehend tagein tagaus!“ „Ja, schon“, gab ich zu bedenken, „aber Sie sind kein Grieche, und je mehr Geld die beiden verdienen, desto mehr Freiraum werden sie sich nehmen, um zu Vasile ins Casino zu gehen.“ „Warten wir einfach mal ab, wie sich das entwickelt, bevor du sie schon jetzt ihre Einnahmen verspielen siehst“, wandte sich die Tavernenwirtin zu mir um. Irgendwie besänftigte mich ihr unerschütterlicher Optimismus. „Ja, wahrscheinlich haben Sie recht. Wir sehen uns morgen.“ Ich spürte genau, dass Frau Spannowsky mich mit einem Kopfschütteln musterte, als sie mir nachrief: „Nun gut, dann geh eben!“ Ich verschwand durch die Hintertür der Küche nach draußen, um Tisch 1 nicht begegnen zu müssen.

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