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Hermann Rauhe – Musik für den Menschen: Ein Gespräch - Softcover

Eichel, Manfred

 
9783938017579: Hermann Rauhe – Musik für den Menschen: Ein Gespräch

Inhaltsangabe

der Musiker, Mittler und Manager im Gespräch mit Manfred Eichel ; mit DVD "Hermann Rauhe - Filmporträt von Gallus Kalt" 1 2006 170 S. Taschenbuch, Maße: 13.1 cm x 21 cm x 2.7 cm Murmann Verlag, Signiert ERSTAUSGABE

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

Hermann Rauhe hat wie nur wenige das Hamburger und norddeutsche Musikleben geprägt: Als Musikwissenschaftler und Pädagoge, Buch-, Rundfunk- und Fernsehautor. Über ein Viertejahrhundert war er Präsident der Hamburger Hochschule für Musik und Theater.

Manfred Eichel ist Historiker und Literaturwissenschaftler. Er leitete lange Jahre beim ZDF die Redaktion Literatur und Kunst.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Sechsunddreißig Vogelstimmen

MANFRED EICHEL:
Im Februar 2006 haben Sie das Bundesverdienstkreuz erhalten für Ihre
Verdienste um
das Musikleben in Deutschland. Aber auch in den Jahren davor sind Sie immer
wieder geehrt und mit einer Fülle von Preisen und Medaillen ausgezeichnet
worden. Es hat mich aber nun doch überrascht, als ich erfuhr, dass in Ihrem
Heimatort Wanna bereits eine Straße nach Ihnen benannt worden ist.
HERMANN RAUHE:
Ja, in Wanna ist eine Straße nach Hermann Rauhe benannt. Gemeint bin aber
nicht ich sondern mein Vater. Der war ein bedeutender Vogelkundler - und er
hieß wie ich Hermann Rauhe. Übrigens war das auch schon der Name meines
Großvaters. Aber ich muss bekennen: Mir gefällt die Vorstellung durchaus,
dass es in dem Ort, in dem ich geboren wurde, eine Straße mit unserem Namen
gibt.

Wanna, das klingt fast ein wenig afrikanisch. Wo liegt
dieser Ort?

Wanna ist ein friesischer Name. Das Dorf liegt in
Niedersachsen, etwa zehn Kilometer von Otterndorf
an der Niederelbe entfernt. Weiter im Norden liegt
Cuxhaven und im Westen Bremerhaven. Mein Vater
trat in Wanna als junger Mann die Stelle des Dorf-
schullehrers an. Er hat 1925 seine junge Frau aus
einem ganz bestimmten Grund dorthin, in die Provinz,
entführt - eben weil er Vogelkundler war und
die Gegend für Ornithologen ein ausgesprochenes Paradies
ist. Dort stoßen nämlich drei Biotope zusammen
- Marsch, Geest und Moor. Und dort gibt es
nicht nur die Vogelarten dieser drei Biotope, sondern
noch weitere, die nur in diesen Grenzbereichen von
Marsch, Geest und Moor leben. Es lebt in dieser Region
eine Vielfalt an Vögeln wie an kaum einem anderen
Ort. Das hat meinen Vater angezogen.

Und der hat Sie dann auch zum Vogelkundler gemacht?

Ja, die Vogelwelt hat von Anfang an auch meine Welt
geprägt. Weil mein Vater mich im Sommer oft schon
um halb vier aus dem Bett geschmissen hat, damit wir
bei Sonnenaufgang bereits im Wald sein konnten.
Und ich armer Kerl musste dann die Vogelstimmen
aufzeichnen - mit Stift und Papier. Es gab ja noch keinen
Kassettenrekorder. Aber ich habe es trotzdem geschafft,
immerhin sechsunddreißig Vogelstimmen in
einem selbstentwickelten Notationssystem zu notieren.
Ich habe musikalische Motive aufgeschrieben,
Kantilenen, Rhythmen und Triller. Die vogelkundlichen
Exkursionen mit meinem Vater waren die beste
Hörerziehung, die man sich überhaupt vorstellen kann.

Wie alt waren Sie da?
Zehn oder elf. Damals hat sich übrigens auch Olivier
Messiaen, der große französische Komponist, mit sol
chen Notationsproblemen herumgeschlagen. Er war
ja nicht nur der große Wegbereiter der Neuen Musik,
sondern bekanntlich auch Vogelkundler. Er hat in
mehrere seiner Werke Vogelstimmen hineinkomponiert.
Denken Sie an den langsamen Satz seiner großen
»Turangalîla«- Sinfonie.

Die aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg uraufgeführt
wurde.

Ja, ich habe schon eine eigene Tonhöhenschrift entwickeln
müssen. Ich habe Zeichen verwendet, die den
Neumen ähnlich waren, also den Notaten, die in der
Zeit vor Guido von Arezzo, vor der Erfindung der
Notenlinien, gebräuchlich waren. Das war in der Tat
die erste Notenschrift, die ich entwickelt und verfeinert
hatte. Richtige Noten habe ich erst sehr viel später
kennen gelernt.

Wie kommt das? Ihre Mutter war doch Musiklehrerin?

Hat die nicht den Ehrgeiz gehabt, frühzeitig auch für
die musikalische Ausbildung ihres Sohnes zu sorgen?
Ja, meine Mutter war staatlich geprüfte Musiklehrerin.
Sie hat Klavier, Blockflöte und Akkordeon unterrichtet
und natürlich wollte sie mich auch selber
unterrichten. Aber das hat nicht geklappt. Als Mutter
war sie sehr lieb, als Lehrerin war sie plötzlich sehr
streng. Das hat mich verwirrt und auch gestört. Sie
war ziemlich ungeduldig mit mir - und das hat mir
überhaupt nicht gefallen.

Und so viele Musiklehrer, um von der vielleicht etwas
überstrengen Mutter zu einem nicht ganz so engagierten
Lehrer wechseln zu können, gab es in einem Dorf
wie Wanna vermutlich nicht?

Nein, sie war die einzige. Wanna hatte damals fünfhundert
oder sechshundert Einwohner. Die Schule
in Osterwanna, an der mein Vater unterrichtete, bestand
aus zwei Klassen. Als ich zur Schule ging, saßen
vier Jahrgänge in einem Klassenzimmer zusammen -
so ungefähr fünf Kinder pro Jahrgang. Ich erinnere
mich gerne an diese Zeit, in der ich eine Menge gelernt
habe.

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