"Cziffra hat seinem einstigen Freund einen guten Dienst erwiesen: In diesem Buch ist von Joseph Roth immer mit Respekt und Mitleid die Rede. Vor allem aber: Es weckt größtes Interesse für das Werk eines Erzählers, dessen Bücher sich durch eine sonderbare Mischung aus Naivität und Skepsis auszeichnen; aus östlicher Phantasie und westlicher Paradoxie, aus christlicher Demut und jüdischem Zweifel."
MARCEL REICH-RANICKI
Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
Géza von Cziffra, geboren 1900 im ungarischen Arad, ist bekannt vor allem als Regisseur erfolgreicher, beliebter Filme wie "Kauf dir einen bunten Luftballon", "So ein Millionär hat's schwer", "Lana - Königin der Amazonen", "Die Fledermaus" und "Die Abenteuer des Grafen Bobby". Er war aber auch Reporter, Dramaturg, Bühnen- und Drehbuchautor und veröffentlichte in seinen späteren Jahren eine Reihe Bücher, darunter mehrere Memoirenbände. Als Stammgast der Berliner und Wiener Cafés in den zwanziger und dreißiger Jahren machte er dort u.a. die Bekanntschaft von Else Lasker-Schüler, Egon Erwin Kisch, Bertolt Brecht, Alfred Polgar und vor allem Joseph Roth. Géza von Cziffra starb 1985 in Dießen am Ammersee.
Kennengelernt habe ich Roth in Berlin in dem legendären
Romanischen Café Ende des Jahres 1924; es kann aber auch
dies nur für Genauigkeitsfanatiker Anfang 1925 gewesen sein.
Unsere erste Begegnung war eine Groteske, sein Tod eine Tragödie. Zwischen
dem ersten Händedruck und dem kurzen Nekrolog, den ich in einer Budapester
Zeitung in ungarischer Sprache in seiner Sprache, die er so meisterhaft
beherrschte, hat man über ihn nicht schreiben dürfen abfaßte, lagen nur
vierzehn Jahre. Als ich zum erstenmal ihm gegenüberstand, wußte ich nichts
von ihm; ich wußte nicht, wer er war, und bei seinem Tode ahnte ich es nur.
Auch die Nachwelt brauchte Jahrzehnte, um seine wirkliche Größe zu erkennen
und gleichzeitig zu verkennen.
Um die Komik unserer ersten Begegnung überhaupt für möglich zu halten, muß
man die allerdings schon sehr oft beschriebene Atmosphäre des Romanischen
Cafés kennen. Das »Romanische« war das Caféhaus der unbegrenzten
Möglichkeiten, der Treffpunkt unzähliger Menschen gegensätzlicher oder auch
gleichgesinnter Lebensauffassung. Um hier ein Außenseiter zu sein, mußte
man schon sehr aus dem Rahmen fallen; und Joseph Roth war ein Außenseiter.
Das Café erhielt den Namen von einem im pseudoromanischen Stil erbauten
Eckhaus, in dem es sich befand. Die eine Seite des Cafés, mit der großen
Terrasse, lag zur Tauentzienstraße, die andere, weitaus kleinere, zur
Budapester Straße. Wenn man durch die Drehtür, die unentwegt in Bewegung
blieb, das Café betrat, stand man vor der Entscheidung: links oder rechts.
Dies war kein politisches Problem; im »Romanischen« war man immer links, in
welche Richtung man auch ging. Hier saßen keine Vertreter der Rechten,
dafür aber die verschiedensten Schattierungen der Liberalen, Sozialisten,
Kommunisten und Anarchisten.
Vor der Drehtür links, im kleineren Raum, standen die Stammtische der mehr
oder weniger arrivierten Schriftsteller, Maler, Journalisten und
Schauspieler. Man nannte diese linke Seite »Schwimmbassin« oder
»Schwimmerabteilung«, da die Gäste, die Tag für Tag hier saßen, wenn sie
schon nicht in gesicherten Positionen waren, sich zumindest finanziell
immer über Wasser halten konnten. Einige waren schon damals prominent, die
Mehrzahl auf dem Wege zur Berühmtheit; und manche sind es erst Jahre oder
auch Jahrzehnte später geworden.
Ich würde Seiten dazu brauchen, um alle Namen aufzuzählen, die dort
verkehrten, angefangen von dem Komponisten Paul Abraham über Bert Brecht
bis zu Carl Zuckmayer. Nur: Abraham hatte noch keine einzige Operette in
Berlin lancieren können, Brecht hatte die »Dreigroschenoper« noch nicht
geschrieben und Zuckmayer nicht den »Fröhlichen Weinberg«, vom »Hauptmann
von Köpenick« gar nicht zu reden. Für mich waren sie, und noch viele
andere, nichts weiter als nette oder weniger nette Menschen, flüchtige
Bekannte oder gute Freunde, die Glorie der Berühmtheit überstrahlte ihre
Namen erst viel, viel später. Vorläufig waren sie nichts weiter als
Tischgenossen, Kumpel in der Nacht. Ich sah sie aus unmittelbarer Nähe als
Menschen mit kleinen und großen Fehlern, sympathischen oder unausstehlichen
Eigenschaften. Meistens kannte ich ihre Intimsphäre, ihre Geldnöte, ihren
Kampf ums Dasein oder um den Erfolg. Meine Erinnerung sieht sie aus einem
ganz privaten Blickwinkel; auch Joseph Roth, der eine Weile, wenn auch mit
größeren Unterbrechungen, zu den Stammgästen des »Schwimmbassins« gehörte.
Zuerst saß er allerdings rechts von der Drehtür, in der sogenannten
»Nichtschwimmer«-Abteilung. Auch diejenigen, die hier die Tische
stundenlang besetzt hielten, waren Stammgäste. Sie hatten jedoch keine
Stammtische, sie saßen immer wieder woanders, möglichst weit von dem Rayon
des Kellners entfernt, dem sie am Tag zuvor die Zeche schuldig geblieben
waren.
In einer Hinsicht war die Schwimmerabteilung unbequem; die Toiletten
befanden sich am anderen Ende des Lokals, man mußte das ganze
Nichtschwimmer-Bassin durchqueren, um dorthin zu gelangen. Ein langer und
gefährlicher Weg für jeden Schwimmer, die allesamt in dem Ruf standen,
wenigstens einigermaßen bei Kasse zu sein; sie wurden auf dem meist
dringenden Weg fast immer angepumpt.
So erging es eines Tages auch mir, als mich ein kränklich aussehender
Mensch vor der Toilettentür anhielt:
»Sie sind doch der Géza von Cziffra, der in der Welt am Abend schreibt?«
»Gelegentlich«, sagte ich.
»Geben Sie mir fünfzig Pfennig!« forderte mich der Unbekannte sehr
energisch auf und hielt die Hand hin.
Ich erkundigte mich:
»Wollen Sie einen Kaffee trinken?«
»Im Gegenteil! Machen Sie schnell, sonst mach ich in die Hosen. Ich
schulde dem Kerl da drin so viel, daß er mich nicht mehr auf die Brille
läßt.«
Ich gab ihm eine Mark, und der Mann verschwand im Klo.
Ich wandte mich an Richard, den buckligen und fuchsroten
Zeitungskoordinator, der in der Nähe stand, und erkundigte mich bei ihm,
wer der Mann sei.
»Er heißt so, wie ich aussehe«, sagte er und deutete auf seine Haare.
»Roth, Joseph Roth.«
»Ein Schnorrer?«
Richard protestierte.
»Aber nein! Er ist Journalist und hat auch schon ein Buch geschrieben. Wenn
er Geld hat, schmeißt er es mit beiden Händen heraus, und dann ist er
tagelang pleite.«
»So pleite, daß er keine fünfzig Pfennig hat?«
»Der alte Kalle ist sauer auf ihn«, erklärte mir Richard. »Roth hat schon
ein paarmal seinen Laden vollgekotzt. Er säuft nämlich wie ein Loch.«
Das waren die Auskünfte, die ich über die Persönlichkeit Joseph Roth
erhalten habe.
Einige Tage später, am frühen Nachmittag, als das »Romanische« noch leer
war, erschien Roth im Schwimmbassin, legte eine Mark und ein Buch auf den
Tisch und setzte sich. Das Buch hieß »Hotel Savoy«, es war Roths erster
Roman, erschienen in dem jungen Verlag »Die Schmiede«.
»Sie kennen Gott und die Welt«, sagte er zu mir, »und ich kenne hier keinen
Menschen. Die Kerle boykottieren mich, Sie können sicher einige Ihrer
Freunde überreden, eine Besprechung über mein Buch zu schreiben.«
»Das sollte doch Ihr Verleger tun«, meinte ich.
»Der Salter hat viele Feinde, und die sind jetzt auch meine Feinde.«
Ich versprach, eigentlich ohne viel Hoffnung, mein Möglichstes zu
versuchen.
Roth klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter und begann, mich über
mich auszufragen. Viel war da nicht zu erzählen, aber als ich ihm
berichtete, daß ich eine Kadettenanstalt absolviert hatte und als Fähnrich
entlassen worden war, leuchteten seine Augen auf.
»Ich habe es bis zum Leutnant gebracht und zur großen Silbermedaille! Waren
Sie auch im Krieg, Fähnrich ?«
Die Frage mußte ich verneinen. Ich war nur sechs Tage lang Fähnrich, dann
brach in Ungarn die Oktoberrevolution aus, Matrosen überfielen mich auf der
Straße und rissen meine goldenen Streifen herunter.
»Das waren schlimme Zeiten«, seufzte Roth, dann dachte er eine Weile nach
und fragte: »Oder waren es gute Zeiten? Wer weiß?«
Nun betraten Egon Erwin Kisch, »der rasende Reporter«, und der
B.Z.-Redakteur Dr. Georg Fröschel das Lokal. Als sie an unserem Tisch
vorbeigingen, schüttelte Kisch Roths Hand.
»Servus, Joseph!«
Auch Dr. Fröschel begrüßte ihn freundlich.
Im Lauf der nächsten Viertelstunde erschienen nacheinander die Stammgäste,
und jeder, aber wirklich jeder bedachte Roth mit einem Gruß.
Zum erstenmal tauchte in mir der Verdacht auf, daß mein neuer Freund ein
Lügner sei. Ich hielt ihm vor: »Und Sie haben mir erzählt, Sie kennen
keinen Menschen hier!«
»Sind das Menschen?« fragte Roth und beantwortete gleich die Frage: »Das
sind neidische, bösartige Kollegen.«
„Über diesen Titel“ kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
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23 x 17 cm, Halbleinen. Zustand: Befriedigend. 138 Seiten, illustriert, Einband leicht berieben, am Rücken geringfügig gestaucht. Im hinteren Teil leicht gewellt und wasserfleckig. Akzeptabel. Sprache: Deutsch Gewicht in Gramm: 450. Artikel-Nr. 47386
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