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Lipshitz: Roman - Hardcover

Cooper, T

 
9783936384338: Lipshitz: Roman

Inhaltsangabe

1907: Als in Russland Pogrome ausbrechen, entkommt Familie Lipshitz nur mit knapper Not. Vater Hersch und Mutter Esther wandern mit ihren vier Kindern nach Amerika aus. Doch als sie endlich Ellis Island erreichen, ist Ruben, der jüngste Sohn, verschwunden. Esther hofft, den kleinen Blondschopf im Meer der dunkelhaarigen Einwanderer schnell zu finden. Doch Ruben taucht nicht wieder auf. 1927, über zwanzig Jahre später, liest Esther in der Zeitung von dem jungen Charles Lindbergh, der gerade mit der Spirit of St. Louis als erster Mensch nonstop den Atlantik überflogen hat. Auf der Titelseite prangt sein Foto: blond, blauäugig, 25 Jahre alt. Es trifft Esther wie ein Blitz. Für sie ist jeder Zweifel ausgeschlossen: Lindbergh ist ihr verlorener Sohn. 2002: T Cooper, letzter Spross der Lipshitz, heizt in New York auf Bar-Mizwas den kreischenden Kids als Eminem-Double ein. Als Ts Eltern bei einem Autounfall umkommen, kauft sich T einen Modellbausatz der Spirit of St. Louis und beginnt, Stück für Stück Lindberghs Flugzeug zusammenzusetzen – fest entschlossen, in eine Familienchronik voller Fragezeichen endlich eine verdammte Antwort einzutragen. 'Ist das alles wahr?' The New York Times über Lipshitz 'Nicht ein Fitzel ist wahr, auch wenn einige Vorfälle stimmen, und andere auch, obwohl ich sie erfunden habe.' T Cooper

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

T Cooper ist kein Pseudonym. T wurde 1972 in Los Angeles geboren, zog nach New York, gründete die Boy-Band The Backdoor Boys und ging als T-Rok auf Welttournee. Danach begann T Romane zu schreiben und gab A Fictional History of the United States with Huge Chunks Missing heraus. T lebt mit Hund Murray (11) im East Village von Manhatten. Brigitte Jakobeit, Jahrgang 1955, übersetzt seit rund 15 Jahren englischsprachige Literatur, darunter die Autobiographie von Miles Davis sowie Werke von William Trevor, Alistair MacLeod und Audrey Niffenegger. Sie lebt in Hamburg.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Esther stand in der Einfahrt und spähte in den schönen winterlichen Himmel. Hellgraue Wolkenschichten türmten sich bis zum Horizont und wurden zunehmend dunkler, während es um sie herum rasend schnell Abend wurde. Hier ist alles endlos, dachte sie und konnte gut verstehen, wie man der Weite überdrüssig werden konnte. Ein Flugzeug am Himmel, wie wollte man da unterscheiden, was genau was war, Flugzeug oder Himmel? Flugzeug? Himmel? Vielleicht war das der Grund, warum es sich so lange über dem Meer zwischen New York und Paris halten konnte. Flugzeug und Himmel waren eins.

Heute flog Ruben wieder. Er war unterwegs nach Mexico City, um mit unseren Nachbarn im Süden Beziehungen zu pflegen , wie es so schön hieß. Seine Route führte über Texas vielleicht zieht den Jungen ja etwas zu diesem Bundesstaat, dachte Esther. Bestimmt erinnerte er sich, dass seine Familie unterwegs nach Texas war, als er verloren ging. Esther verlagerte ihr Gewicht von einem Bein aufs andere, atmete die schneidend kalte Luft ein und zog ihren Mantel fester um sich. Sie rieb ihre rissigen, trockenen Hände aneinander und versuchte, ein wenig Wärme zu erzeugen. Jedes Jahr im Winter wurden ihre Hände schrecklich trocken, und wenn sie sie aneinander rieb, hörte es sich an wie das Rascheln von verdorrtem Gras in einer leichten Brise. Außerdem bekamen sie immer mehr rote Stellen. An manchen Tagen aber nicht heute quoll eine wässrige, blutartige Flüssigkeit aus den Rissen. Sie sah aus wie Blut, war aber kein richtiges Blut.

Hersch würde bald zurückkommen. Sie ging ins Haus, um schnell etwas vorzubereiten es gab wieder ein Essen aus Resten. Er merkte ohnehin keinen Unterschied und war für alle Mahlzeiten gleichermaßen dankbar. So war er eben. Während sie an der Spüle stand und gelegentlich aus dem Küchenfenster in den dunklen Himmel blickte, wünschte sie, er würde noch eine Weile wegbleiben. Nur so lange, dass sie das einsame Motorbrummen des Flugzeugs, das ihr Junge am nächtlichen Himmel flog, allein genießen konnte. Nur sie beide, Mutter und Sohn. Sie fragte sich, ob er mit den Tragflächen wackeln oder über der Stadt kreisen würde, wie er es so oft bei seinen Flügen quer durchs Land machte. Er musste nach Süden fliegen: Esther wusste genau, warum. Sie wartete auf ihn.

Nachdem sie Herschs Abendessen vorbereitet hatte, ging sie wieder nach draußen und horchte in die Dunkelheit. Doch der Himmel blieb stumm, und das einzige Geräusch war ein unmittelbares Pulsieren vor ihren Ohren, wenn sie an Herschs drohende Rückkehr dachte. Vielleicht fuhr er ja auf dem Heimweg über einen kleinen Stein auf der Straße, und die Reifen des Lieferwagens gerieten ins Schlingern, sodass Hersch in einem flachen Straßengraben landete, ohne sich dabei schwer zu verletzen. Nur eine kleine Beule am Kopf, auf die Esther dann ein kaltes Tuch legen würde, dann wäre sie bis zum nächsten Morgen verschwunden. Vielleicht sprang dann der Motor nicht mehr an, und Hersch musste eine Zeit lang am Straßenrand sitzen, bis ein freundlicher Nachbar anhielt, um ihm zu helfen.

Und falls kein freundlicher Nachbar vorbeikam, würde Hersch den Rest zu Fuß nach Hause gehen nicht weit, nur von dort aus, wo die Straßen mit den Präsidentennamen anfingen: Washington, Monroe, Jackson, Van Buren, Harrison und schließlich ihr eigener, Tyler. Wenn ihr das nur vergönnt wäre!

Esthers Aufmerksamkeit wurde auf die raschelnden Gräser gelenkt, die entlang der Einfahrt und auf dem Nachbargrundstück wuchsen. Im Winter waren sie flachsartig und kniehoch, diese trockenen Gräser, die sie jetzt in der Dunkelheit nicht gut sehen konnte. Obwohl ihre Wurzeln stellenweise unter Schnee lagen, raschelten sie im Wind. Esther fragte sich, warum sie unter dem fremden Gewicht nicht knickten und abbrachen oder einfach ganz unterm Schnee verschwanden. Seltsam. Der Wind frischte auf, und sie machte sich Sorgen, wie es wohl in 1000 bis 5000 Fuß Höhe aussah. Sie mochte gar nicht daran denken, wenn das kleine silberne Flugzeug wie ein Kinderspielzeug unter Gottes weitem Himmel hin und her gerüttelt wurde.

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