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Combray: Aus d. Französ. v. Michael Kleeberg - Hardcover

Proust, Marcel

 
9783935890069: Combray: Aus d. Französ. v. Michael Kleeberg

Inhaltsangabe

Marcel Prousts Roman 'Auf der Suche nach der verlorenen Zeit' gehört ohne Zweifel zu den großen literarischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts. Fast fünfzig Jahre nach der ersten deutschen Gesamtausgabe liegt nun erstmals eine Neuübersetzung von 'Combray' vor, der Ouvertüre zur proustschen Recherche. Der schwerkranke Erzähler, der sich in seinen schlaflosen Nächten an seine Kindheit erinnert, der Geschmack der in Tee getauchten Madeleine, der Duft der Weißdornhecken, die Kirchtürme von Martinville. all diese Szenen aus 'Combray' sind unwiderruflich in die Geschichte der Weltliteratur eingegangen. Michael Kleebergs Neuübersetzung tritt mit dem Anspruch an, zum ersten Mal die ganze Vielseitigkeit und den Anspielungsreichtum der Sprache Marcel Prousts zu erfassen. Auch die stilistischen Besonderheiten des Werkes werden genauer wiedergegeben als bisher. Dass dabei die deutsche Sprache bis an ihre Grenzen getrieben wird, so wie Proust es mit der französischen tat, ist die große Leistung Michael Kleebergs. Sein 'Combray' ist ein bestechendes Sprachkunstwerk, das dem deutschsprachigen Lesepublikum einen neuen Blick auf das Werk Marcel Prousts eröffnet.

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

Marcel Proust wurde 1871 als ältester Sohn einer großbürgerlichen Familie geboren. Finanziell unabhängig, verkehrte er schon in jungen Jahren in den Salons der Pariser Aristokratie. Nach dem Tod der Eltern und der Verschlimmerung seines Asthmaleidens zog er sich völlig vom mondänen Leben zurück. Seine Beobachtungen der Gesellschaft verdichtete er in seinem Hauptwerk 'Auf der Suche nach der verlorenen Zeit', mit dem er nach seinem Tod 1922 Weltruhm erlangte. Michael Kleeberg, 1959 in Stuttgart geboren, lebt als freier Schriftsteller und Übersetzer in Berlin. Er ist Autor mehrerer Romane und zahlreicher Erzählungen. Aus dem Französischen übersetzte er u.a. Werke von Pascal Bruckner, Paule Constant und Joris-Karl Huysmans.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Lange Zeit habe ich mich zu früher Stunde schlafen gelegt. Zuweilen fielen mir die Augen, kaum war die Lampe gelöscht, so schnell zu, daß ich nicht dazu kam, mir zu sagen: Ich schlafe ein. Und eine halbe Stunde später weckte der Gedanke, es sei Zeit, Schlaf zu finden, mich auf; ich wollte den Band weglegen, den ich in Händen zu halten glaubte, und die Kerze ausblasen; ich hatte während meines Schlafs nicht aufgehört, mir Gedanken über das soeben Gelesene zu machen, doch diese Gedanken hatten eine etwas eigentümliche Wendung genommen; es kam mir vor, als sei ich selbst das, wovon das jeweilige Werk sprach: eine Kirche, ein Quartett, die Rivalität zwischen Franz I. und Karl V. Diese Gewißheit überdauerte meinen Schlaf einige Sekunden lang; sie schockierte keineswegs meinen Verstand, lag jedoch wie Schuppen auf meinen Augen und hinderte sie daran wahrzunehmen, daß der Leuchter nicht mehr brannte. Dann begann sie, mir unverständlich zu werden wie die Gedanken einer fr!
üheren Existenz nach der Seelenwanderung; das Thema des Buches löste sich von mir, es stand mir frei, mich mit ihm zu beschäftigen oder auch nicht; im selben Augenblick vermochte ich wieder zu sehen und war ganz erstaunt, mich in Dunkelheit gehüllt zu finden, die meinen Augen sanft und erholsam war, aber womöglich noch mehr meinem Geist, dem sie wie eine grundlose Tatsache erschien, unverständlich, wie etwas wirklich Dunkles. Ich fragte mich, wie spät es wohl sein mochte; ich hörte das Pfeifen der Züge, das, von näher oder fernerher kommend, mich wie der Ruf eines Vogels im Wald, die Distanzen überbrückend, die Weite der menschenleeren Landschaft ermessen ließ, durch die der Reisende dem nahen Bahnhof zueilt; und der kurze Weg, den er zurücklegt, wird sich durch die angeregte Stimmung, die er all den unbekannten Orten und ungewohnten Handlungen verdankt, der letzten Unterhaltung und dem Abschied im fremden Lampenschein, die ihm noch in der nächtlichen Stille nachgehen, der s!
üßen Gewißheit baldiger Heimkehr, in seine Erinnerung einprägen.
Ich schmiegte meine Wangen an die schönen Wangen des Kopfkissens, die in ihrer Fülle und Frische den Wangen unserer Kindheit gleichen. Ich riß ein Streichholz an, um einen Blick auf meine Uhr zu werfen. Bald Mitternacht. Dies ist der Augenblick, in dem der Kranke, der gezwungenermaßen auf Reisen gehen und in einem unbekannten Hotel nächtigen mußte, von einem Anfall aus dem Schlaf gerissen, voller Erleichterung einen Streifen Tageslicht unter der Tür entdeckt. Welche Freude, es ist schon Morgen! Jeden Moment werden die Bediensteten aufstehen, er wird läuten können, man wird ihm zu Hilfe kommen. Die Hoffnung auf lindernden Beistand macht ihm Mut zum Leiden. Hat er nicht eben Schritte gehört? Die Schritte nähern und entfernen sich wieder. Und der Streifen Tageslicht, der unter der Tür war, ist verschwunden. Es ist Mitternacht; man hat das Gas gelöscht; der letzte Bedienstete ist fort; und er wird die ganze Nacht über ohne eine Arznei leiden müssen.

Aus dem Französischen neu übersetzt von Michael Kleeberg

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