Die Gänge waren leer. Ein typisches Appartementhaus in den besseren Bezirken Brooklyns. Eiligen Schrittes führte Tony das drei Mann starke Trupp durch das Treppenhaus. Vierter Stock. "Warum musste sich Frederico unbedingt im vierten Stock niederlassen?", ging es Tony durch den Kopf, als der dritte Stock bewältigt war.
"Hört mir zu, Jungs. Gleich vorweg genommen: Ich will die Angelegenheit schnell hinter mich bringen. Machen wir keine großartige Sache draus. Wir gehen rein, bringen die Sache hinter uns, gehen raus. Klar?" "Klar, Boss." "Gut. Frederico wird versuchen, sich da herauszureden. Aber ich habe Kopfschmerzen, und keinen sehnlicheren Wunsch, als wieder ins Bett zu schlüpfen. Dafür muss er Verständnis haben." Tony wollte wirklich wieder ins Bett. Er verfluchte, dass er sich heute bei der Familie melden sollte. Hätte er nicht einfach im Bett bleiben können? Immerhin. Noch diese Sache zu Ende bringen, ein kleines, stärkendes Mittagessen im Familienkreis und das war's auch schon.
Dumpf hämmerte Muffin gegen die Appartementtür. "Bringen wir's hinter uns." "Die Tür ist offen", dröhnte es durch das Holz der Tür. Tony öffnete.
Die Arme in Richtung des im Sessel sitzenden Frederico ausgebreitet, betrat Tony die Wohnung, von seinen zwei energisch folgenden Handlangern begleitet. "Frederic....o" Im Wort unterbrachen ihn Pistolenschüsse. Eine Kugel um die andere bohrte sich in Frederico, dessen Gesicht noch nicht einmal die Zeit gehabt hatte, Überraschung zu zeigen. Wie fanatisch, doch mit einem regungslosen Gesicht, hielten die beiden Killer ihre Waffen auf das arme Opfer gerichtet, bis auch die letzte Kugel aus den Magazinen verschossen war. Ein entrüsteter Tony, die Schulter nach oben hin verkrampft, starrte sie entsetzt an.
"Was sollte das, verdammt?" Das morgendliche Lärmen der Straßen übertönte Tonys Wutausbruch. Bis jetzt, bis zu ihrem Rückweg, hatte er kein Wort herausgekriegt. Zu geschockt war er gewesen. Doch langsam gewann er die Fassung wieder. "Ich hab euch was gefragt!", kam es erneut, als ihre Antwort die Schweigsamkeit gewesen war. "Ihr, ihr habt ihn einfach so abgeknallt! Ohne nichts, ohne, dass ich auch nur ein einziges, nur ein verdammtes Wort hatte rausbringen können! Was zum Teufel ist in euch gefahren!" Die Killer blickten sich wieder fragend an. Jenkens übernahm das Wort. "Aber sie sagten doch schnell..." "...Schnell, schnell ja. Ich sagte schnell, aber doch nicht so! Ich glaube das ja nicht. Außerdem war das eher für mich selber gedacht. Ich hab sozusagen nur laut mit mir selbst gesprochen - und dieses Selbstgespräch zufällig an euch adressiert. Ich wollte mir selbst noch einmal vor Augen halten, das kommende Gespräch auch ja nicht eskalieren zu lassen. Versteht ihr?" "Nein." Natürlich nicht. Wie auch. Selbst Tony musste sich eingestehen, dass diese Argumentation ein wenig dünn war. "Scheiße." Tony schüttelte den Kopf. "Ihr habt ihm nicht einmal die Zeit für sein Schlussplädoyer gelassen. Ich meine, verdammt, jeder Mensch verdient ein Schlussplädoyer. Etwas, was er den Menschen, die er zuletzt sieht, sagen kann, bevor er die Welt verlässt. Eine letzte, zynische Kritik an der Welt, wie er sie kennen gelernt hat. Ihr seid doch Filmfreaks? Da müsstet ihr das kennen. Das ist - Tradition. Das hat man schon immer so gemacht. Ich meine, das ist es doch. Er weiß es, du weißt es. Er hat keinen Ausweg mehr. Doch er hat das Recht, sich noch zu artikulieren, bevor er exekutiert wird. Versteht ihr, was ihr getan habt? Ihr habt einem Menschen ein Recht genommen. Ihr habt die Tradition gebrochen." Die Killer schwiegen. "Außerdem hatte ich mir schon einen kleinen Text im Kopf zurechtgelegt. Habt ihr schon jemals so was gemacht? Oh, vergesst's. Natürlich nicht. Auf jeden Fall kann ich euch sagen, dass das verdammt schwierig ist. Und ihr habt die Arbeit sinnlos gemacht. Ihr seid einfach nur Stümper." Eine weitere Pause trat ein. Die Killer schienen betreten. "Und abgesehen von allem - musstet ihr denn unbedingt eine ganze Magazinladung verschießen? Hätten es zwei Schüsse nicht auch getan? Ich meine, ich bin vielleicht eine andere Generation als ihr, aber wir lernten noch: Einen Schuss ins Herz und einen Sicherheitsschuss darunter, macht zwei Schüsse, und keine ganze verdammte Magazinladung! Der arme Frederico ist jetzt eine Altmetallhalde. Er muss aufpassen, dass er vor lauter Gewicht nicht in das nächste Stockwerk kracht... Aber euch stört das ja nicht. Ihr müsst die Munition ja nicht selbst bezahlen. Übernimmt alles die gutmütige Familie. Wisst ihr Jungs eigentlich, wie teuer so eine Kugel ist? Hmm, wisst ihr's?" Jenkens und Muffin starrten ihn an. "Ein Dollar vielleicht? Jenkens hat mal eine Familienpackung gekauft, da gab's so ne Art Massenrabatt. Da muss jede Kugel..." "...so an die fünfzig Cent gekostet haben. Hat sich echt rentiert. War aber nur ein Sonderangebot. Normalerweise kriegt man die nicht so billig." Tony fing wieder an, den Kopf zu schütteln, während er wild gestikulierte. "Versteht ihr mich überhaupt? Ich rede hier von Effizienz. Vom Nutzfaktor. Diese Schau eben war nicht effizient. Und sie war teuer. Nur einmal angenommen, kurz einmal angenommen, jedes Mitglied der Familie würde so einen Auftrag mit diesem Aufwand erledigen. Also, eine kleine Rechnung: Durchschnittlich zehn dieser Jobs monatlich, zwei Mitglieder, die ihn ausführen und fünfzehn Kugeln pro Mitarbeiter bei einem Durchschnittspreis von zwei Dollar, nicht einem, macht insgesamt... hm, sechshundert Dollar monatlich. Na? Könntet ihr euch das leisten? Wohl kaum! Versteht ihr, worauf ich hinaus will?" "...Ähm, nicht so richtig, Boss..." "Dass ihr in Zukunft keine beschissenen fünfzehn Kugeln mehr in jemanden reinjagt!" "Klar, Boss." "Kein Problem." "Ich glaube, ich sollte euch umschulen lassen. Auf etwas, wo ihr gar nichts falsch machen könnt. Das wäre, glaub ich, billiger und weniger zeitaufwendig, als wenn ich euch nach jedem Auftrag dieselbe Scheiße wieder predigen muss... Messer wären ganz gut. Verschwenden keine Munition."
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