Ausgabe zu Klangkunst, Elektronik und Ambient. Von Luigi Russolo zu John Cage, von Morton Feldman zu Kraftwerk, von den Beach Boys bis zu Zoviet France. Artikel über Dub, Geräusche in den Filmen von David Lynch und vieles mehr.
Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
"testcard", Anthologie zur Popkultur und Popgeschichte, erscheint seit 1995 und hat sich als in dieser Form einzigartige Buchreihe etabliert. Für "testcard" schreiben führende Kulturwissenschaftler und Journalisten aus dem In- und Ausland. Die Beiträge zu Popmusik, Film, Kunst und Gesellschaft stehen in Tradition der "Cultural Studies" und bilden eine kritische Plattform für Themen und Meinungen, die sich in den Mainstream-Medien kaum mehr finden.
Editorial
Sound - ein eher vager Begriff - findet sich mit all seiner Ungenauigkeit in der gegenwärtigen Debatte um 'Sound' vs. 'Song', 'Klangkunst' vs. 'Rock', 'Sampling' vs. 'Gitarre' wieder, um hier nur einige mögliche Polaritäten zu nennen, mit denen derzeit hitzig jongliert wird. Dabei wird gerne vorgetäuscht, die Musik der letzten vierzig Jahre sei in ihrer Entwicklung ausschließlich von derartigen Gegensatzpaaren bestimmt gewesen. Wen wundert da, daß Bands wie Tortoise und Stereolab, die sowohl zum Saiteninstrument wie zum Sampler greifen, allenorts als Antwort auf alle Fragen übertrieben gefeiert werden.
Inzwischen ist diese Debatte so beliebig geworden, daß die Plattenfirma 'Intercord' im Waschzettel zur neuen MOBY-CD "Animal Rights" ankündigt, daß nur diejenigen, "deren Köpfe noch frei von Kultur-Faschismus sind", verstehen würden, weshalb MOBY nun wieder zur Gitarre greift und R.O.C.K. spielt. Fahrlässiger Umgang mit Sprache und infamste politische Denunziation haben längst Eingang in einen Streit gefunden, der sich mehr denn je als ästhetisches Scheingefecht im Kampf um bloße Marktinteressen entpuppt.
Grund genug, sich dem Thema über Peripherien zu nähern, die keine Mitte vorgeben, schon gar keinen Erfüllungsort. Was gegenwärtig fehlt, ist das Nachdenken über die Möglichkeiten im Umgang mit Sound und eine Rekonstruktion der Geschichte vom Umgang mit Sound in der Musik, wobei Sound (dt. u.a. Ton, Klang) selbstredend Klangerzeuger wie Gitarre, Moog, Turntable und Telefonklingel neben sehr vielen weiteren gleichwertig einschließt.
In testcard 3 werden vergessene Strömungen und wenig bekannte Klangkonzepte vorgestellt, aber auch bereits bekannte Künstler (wie die Beach Boys oder John Cage) unter neuen Fragestellungen betrachtet; historische und politische Diskurse einmal nicht an der Frage festgemacht, ob eher Drum'n'Bass oder eher Oasis den 'Sound der ausgehenden Neunziger' mustergültig repräsentieren, bzw. ob Atari Teenage Riot eher als Green Day dazu fähig sind, die Kids auf dem Weg zum Riot zu vereinen. Die Texte von Roger Behrens und Martin Büsser gehen mit je eigenem Ansatz einer Frage nach, deren Beantwortung anderen (etwa den russischen Futuristen, über die in diesem Band auch zu lesen ist)selbstverständlich scheint: Ist 'Sound' politisch eindeutig kodierbar?
"Es geht ja nicht darum, wie Kunst kommunikativ werden kann. Die Frage sollte lauten: Wie kann Kunst so lange als möglich es vermeiden, kommunikativ zu werden? Will Musik Unverstandenes wahrnehmbar machen, und nicht Verstandenes, dann ist jedes Gelingen verdächtig, sofern es Bestätigung findet", heißt es im Beitrag von Rigobert Dittmann, einem Text, der wohl auch sprachlich am ehesten die Uneindeutigkeit von Sound zu spiegeln versucht. Im Gegensatz dazu geht das Greiffswalder Autorenkollektiv - am Beispiel der extrem 'unkommunikativen' Band Zoviet France - gerade der Frage nach, inwieweit Sound, bei aller Schwierigkeit, nicht doch begrifflich faßbar ist.
Wir hätten das Thema zu dieser Ausgabe etwas eingrenzen können: auf 'Elektronische Musik' beispielsweise,'Ambient', oder - ganz sophisticated - 'Klanginstallationen', oder - vielsagend - auf 'Geräusch'; doch es hat sich nachträglich als günstiger erwiesen, mit dem offensten aller Begriffe zu arbeiten, weil beim Schreiben über ihn besonders deutlich wurde, wie schwer hier Kodierungen greifen und wie willkürlich es ist, dem jeweiligen Sound eine eindeutige Wirkung zuzuschreiben. Sämtliche der hier versammelten Beiträge bemühen sich deshalb, die Hybris einer allzu fixen Bestimmung ebenso zu vermeiden wie das modische Ärgernis, in der Sprache von Promoabteilungen den je hauseigenen Sound als Spitze dessen anzusehen, was im Umgang mit Sound(s) nur möglich ist.
testcard 3 handelt von Morton Feldman, Hans Eisler, Gilles Deleuze, Zoviet France, Kraftwerk, Francis Bacon, Brian Wilson, David Lynch, Marcel Beyer, Carl Craig, John Cage, Luigi Russolo, Adrian Sherwood, Theodor W. Adorno und den Beatles, vereinbart Unvereinbares und stellt damit nicht zuletzt die eingangs erwähnten Gegensatzpaare in Frage. Das kann uns als Stärke, aber auch als Schwäche ausgelegt werden.
Die Redaktion.
„Über diesen Titel“ kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
Anbieter: Powell's Bookstores Chicago, ABAA, Chicago, IL, USA
paperback. Zustand: Used-Very Good. Pap. Minor shelf wear. Else a bright, clean copy. Artikel-Nr. 1964871
Anzahl: 1 verfügbar