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Marcel Reich-Ranicki: Geschichte eines Lebens - Hardcover

Wittstock, Uwe

 
9783896672742: Marcel Reich-Ranicki: Geschichte eines Lebens

Inhaltsangabe

Wolf Biermann liebt ihn, denn »anders ist er nicht auszuhalten«. Und Wolfgang Koeppen sagte einst: »Er schreibt über mich, also bin ich.« Marcel Reich-Ranicki – kein anderer Kritiker ist so berühmtberüchtigt bei Lesern wie Nicht-Lesern. Am 2. Juni 2005 feiert er seinen 85. Geburtstag.
Uwe Wittstock, ein glänzender Journalist und profunder Kenner des Literaturbetriebs, eröffnet einer breiten Leserschaft den Blick auf Reich-Ranickis Leben anhand zahlreicher bislang unveröffentlichter Informationen – ein Leben, in dem sich die deutsche Geschichte spiegelt.

»Sie kenn ich aus’m Fernsehen.« Der Taxifahrer musterte den Mann auf dem Rücksitz, dann hellte sich sein Blick auf. »Ja«, brummte er, »Sie sind der Kritiker.« Nicht: ein Kritiker. Auch nicht: dieser Kritiker. Sondern: der Kritiker.
Nahezu alle Deutschen kennen Marcel Reich-Ranicki – zum Zeitpunkt dieser Taxifahrt war er auf einem Gipfel der Prominenz angelangt, den vor ihm noch kein anderer Kritiker erklommen hatte. Es war der 14. Dezember 2001, der Tag, an dem das »Literarische Quartett« letztmalig ausgestrahlt wurde. Bundespräsident Rau hatte Reich-Ranicki darum gebeten, die Abschiedssendung in seinen Amtssitz zu verlegen. Auf eine so offizielle Bühne wurde die Literaturkritik noch nie gerufen. Und dessen nicht genug: Zu Reich-Ranickis 85. Geburtstag wird die Stadt Frankfurt federführend für die Bundesrepublik ein Bankett ausrichten – zu Ehren des Mannes, der sich mit obsessiver Leidenschaft und Konsequenz für die deutsche Literatur eingesetzt hat.
Uwe Wittstock, der Reich-Ranicki aus langjähriger Zusammenarbeit kennt, nähert sich einfühlsam diesem Kritiker, der die Literatur hierzulande popularisiert hat wie kein anderer zuvor. Entlang vieler Gespräche, die er mit Reich-Ranicki, aber auch mit Weggefährten und Gegnern wie Günter Grass, Joachim Fest und Walter Jens geführt hat, zeigt er ungeschönt und trotzdem voller Sympathie das Leben dieses Mannes, den die Nazis verbannten. Aus dem Verfolgten ist eine der prägendsten – und auch schillerndsten – Personen der deutschen Nachkriegskultur geworden.


Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

Uwe Wittstock, 1955 in Leipzig geboren, war von 1980 bis 1989 unter der Ägide von Marcel Reich-Ranicki Literaturredakteur der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Danach arbeitete er als Lektor im S. Fischer Verlag. Heute ist der Theodor-Wolff- Preisträger Kulturkorrespondent für "Die Welt".

Aus dem Klappentext

"Wittstocks Buch praktiziert auf beeindruckende Weise die journalistischen Tugenden einer lebendigen und illustrativen Schreibweise und der sorgfältigen Recherche."
Frankfurter Allgemeine Zeitung

"Eine Biografie, die die private sympatische Seite MRRs genauso zeigt wie die oft skrupellose Ausübung seiner Macht ..."
Hannoversche Allgemeine Zeitung

"Reich-Ranicki selbst hat in 'Mein Leben' genau und offen Auskunft gegeben ... Wittstock kann aber ergänzen. Motivationen aufdecken, die Reich-Ranicki selber nicht bewusst waren oder die er verschweigen wollte. Und der Biograf kann die Geschichte weitererzählen."
Focus

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Bellevue

»Sie kenn ich ausm Fernsehn.« Der Taxifahrer mustert im Rückspiegel den Mann, der sich am Berliner Gendarmenmarkt auf den hinteren Sitz seines Wagens hat fallen lassen. Er zögert einen Moment, wendet den Kopf, studiert das Gesicht seines Fahrgasts und läßt Sendungen, Serien, Shows vor dem inneren Auge vorüberziehen. Dann hellt sich sein Blick auf. »Ja«, brummt er und nickt befriedigt, »Sie sind der Kritiker.« Dreht sich wieder nach vorn, fährt zur gewünschten Adresse und sagt kein weiteres Wort.
Nicht: ein Kritiker. Auch nicht: dieser Kritiker. Sondern: der Kritiker. Wenn die Kritik, die in Deutschland traditionell zu den meist mißverstandenen, oft verhaßten Institutionen zählte, heute ein Gesicht hat, ein populäres Gesicht, dann ist dies das Verdienst von Marcel Reich-Ranicki. Ihm ist gelungen, was hierzulande zuvor undenkbar schien: Er hat die Kritik zu einem vom Publikum gespannt verfolgten, nicht selten bewunderten und in vollen Zügen genossenen Schauspiel gemacht. Er hat die Debatte über Literatur – also über so luftige, schwer faßbare Fragen wie die, ob der Roman X des Autors Y nun gelungen sei oder nicht – konsequent demokratisiert. Er hat den öffentlichen Streit über Bücher aus dem Zirkel der Fachleute, Akademiker und Intellektuellen herausgeführt und zu den gewöhnlichen Lesern gebracht – und das in Zeiten, in denen der Literatur nachgesagt wird, sie sei im Begriff, alle Ausstrahlungskraft einzubüßen.
Zum Zeitpunkt jener Berliner Taxifahrt war Reich-Ranicki auf einem Gipfel der Prominenz und Wirkungsmacht angelangt, den vor ihm wohl kein anderer Kritiker in Deutschland erreicht hatte. Nicht einmal der legendäre Alfred Kerr in der Blütezeit der Berliner Theater zwischen den Weltkriegen. Schon als Literaturkritiker der Zeit und als Chef der Literaturredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wuchs Reich-Ranicki zu einer beherrschenden, den Kulturbetrieb zuverlässig polarisierenden Gestalt heran. Mit einer kaum noch überschaubaren Zahl von Sammel- und Essaybänden, Monographien und Anthologien, Reden und bücherfüllenden Gesprächen manifestierte er über Jahrzehnte hinweg seinen Anspruch auf umfassende literaturkritische Zuständigkeit. Und mit dem von ihm konzipierten und dominierten Literarischen Quartett begann schließlich in den neunziger Jahren seine Karriere zum Popstar der Kritik. Er krönte sie 1999 mit seiner Autobiographie Mein Leben, die inzwischen beinahe anderthalb Millionen Käufer fand und mit der er auch noch zu einem der meistgelesenen deutschen Autoren jener Jahre avancierte.
Wenn also Bundespräsident Johannes Rau im Dezember 2001 vorschlug, die Abschiedssendung des Literarischen Quartetts in seinen Berliner Amtssitz zu verlegen – und Reich-Ranickis eingangs erwähnte Taxifahrt deshalb vom Gendarmenmarkt zum Schloß Bellevue führte –, dann war dies zweifellos in erster Linie als politische Geste zu verstehen. Dreiundsechzig Jahre nachdem der Jude Marcel Reich achtzehnjährig von den Nationalsozialisten aus Berlin deportiert worden war, bereitete ihm das Oberhaupt des Landes nun in ebendieser Stadt die große offiziöse Bühne für einen weithin beachteten, im Literaturbetrieb noch nie dagewesenen Auftritt: eine Verbeugung Deutschlands vor der nicht nur beruflichen Lebensleistung Reich-Ranickis.
Aber darüber hinaus war diese Einladung des Bundespräsidenten natürlich auch als geschickter Schachzug eines auf Öffentlichkeitswirkung bedachten Politikers zu verstehen. PR-Fachleute sprechen in solchen Fällen von positivem Imagetransfer: Rau wollte einen Abend lang an dem kulturellen Ansehen teilhaben, das Reich-Ranicki genießt, wollte sich vorteilhaft mit ins Bild setzen, wenn die Kameras den großen Schlußapplaus für das Quartett einfingen. Wann hat es so etwas je gegeben: Der höchste Repräsentant des Landes und ein Literaturkritiker stehen sich in der Öffentlichkeit nicht allein auf Augenhöhe gegenüber, sondern es liegt der Verdacht nahe, der Kritiker könnte gar der Prominentere von beiden sein.
Selbstverständlich ist die Versuchung groß, Reich-Ranickis unbeirrbaren Aufstieg zum mächtigsten Mann des deutschen Literaturbetriebs biographisch durch sein Schicksal zu erklären, durch seine Erfahrung, ohnmächtiges Opfer von Deportation und Verfolgung gewesen zu sein. Fünf Jahre mußte er im Warschauer Getto und auf der Flucht vor den Nationalsozialisten tagtäglich mit seiner Ermordung rechnen – seine Eltern, sein Bruder und die Eltern seiner Frau Teofila, genannt Tosia, überlebten den Holocaust nicht. Derartige Erlebnisse erschüttern einen Menschen bis in den Kern der Persönlichkeit. Kein Zweifel, Reich-Ranicki ist, auch wenn er selten darüber spricht, tief geprägt durch die Zeit, in der er Freiwild war für Rassisten in deutschen Uniformen. Noch heute wählt er in jedem Restaurant oder Café seinen Sitzplatz so, daß er die Eingangstür im Blick hat – wie in den Jahren, in denen er mit möglichen Razzien rechnen mußte. Noch heute gehört seine ganze Leidenschaft den jeweils neuesten Nachrichten – wie in der Zeit, in der er als Mitarbeiter der Warschauer Gettoverwaltung lernte, daß von verläßlichen Informationen das Überleben abhängen kann. Noch heute rasiert er sich zweimal täglich – wie in jenen Tagen, in denen deutschen Soldaten schon ein Bartschatten ausreichte, um einen Juden im Getto als heruntergekommen auszusondern und den Transporten zuzuteilen, die im Gas endeten.
Doch selbstverständlich läßt sich aus einem in der Vergangenheit erlittenen Trauma der spätere Lebensweg nicht zureichend erklären. Reich-Ranicki trat nie als bedauernswertes, hilfsbedürftiges Verfolgungsopfer auf, sondern eher als Verfolger, glaubt man den Schriftstellern, die sich von ihm mißverstanden fühlen. Er hat die Literatur zu seiner Fluchtburg gemacht und sich selbst in dieser Festung zweifellos den Part eines Herrschers zugedacht. Doch zugleich ist er kein weltferner Träumer, vielmehr verfügt er über einen strengen Realismus, der ihn die Wirklichkeit sehen läßt, wie sie ist, und nicht so, wie er sie gern hätte oder wie sie nach idealistischen Vorstellungen sein sollte. Sein energisches Engagement für das Fernsehen ist ohne diesen kühlen Realitätssinn nicht zu begreifen. Denn natürlich zieht der Thomas-Mann Verehrer Reich-Ranicki jedes geschriebene literaturkritische Wort einem Dutzend in die Kamera gesprochener Sätze vor. Doch er hat erkannt, daß er mit keiner gedruckten Rezension einen so großen Einfluß ausüben kann wie mit einem effektvollen Auftritt im Fernsehen. Die Konsequenz, mit der er nach dieser Einsicht gehandelt hat, unterscheidet ihn von fast allen seinen Konkurrenten im Literaturbetrieb. Und so widerfährt ihm, den die Nationalsozialisten einst aus der deutschen Kultur verbannten und ermorden wollten, heute die Genugtuung, für viele Menschen überhaupt erst zu definieren, was deutsche Kultur ausmacht.
Aber Reich-Ranicki ist mehr als nur der erfolgreichste Kritiker der deutschen Literaturgeschichte, er ist zugleich in manchen Zügen ein exemplarischer Intellektueller des zwanzigsten Jahrhunderts. An seiner Biographie werden, wie nur am Schicksal weniger anderer Menschen, die politischen Katastrophen und kulturellen Umbrüche der Epoche sichtbar. Er war Opfer des nationalsozialistischen Terrors, verspürte vorübergehend die geistige Verführungskraft des Totalitarismus kommunistischer Prägung und bekannte sich schließlich entschieden zur offenen, pluralistischen Gesellschaft. Und wie viele Juden und Literaten gehörte er zeitlebens zu den Außenseitern und war schon deshalb beständig auf Heimatsuche. Er hat diese Heimat, wie er immer wieder betont, nicht in einer Region, nicht in einer Stadt, nicht in einem Staat gefunden, sondern in der deutschen Literatur. Allerdings stilisiert er die Literatur deshalb nicht, wie viele andere Intellektuelle des vergangenen Jahrhunderts von Theodor W. Adorno über Herbert Marcuse bis hin zu George Steiner, zu einer elitären, hermetischen, lebensabgewandten Gegenwelt. Sondern sein...

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