Solo: Roman - Hardcover

Dasgupta, Rana

 
9783896672438: Solo: Roman

Inhaltsangabe

Trägt jeder Mensch ein verborgenes Wissen in sich, das der Welt von Nutzen sein könnte? Auf der Suche nach einer Antwort auf diese Frage blickt Ulrich auf sein Leben zurück, das beinahe das gesamte turbulente zwanzigste Jahrhundert umfasst. Er erinnert sich an seine Leidenschaft für die Chemie und die Musik, eine starke Freundschaft und eine große Liebe. Doch seine Talente konnte er nicht ausleben, sein bester Freund starb jung, seine Frau verließ ihn und ging mit dem gemeinsamen Sohn nach Amerika. Der erblindete, nun fast hundertjährige Ulrich bricht noch einmal aus und lässt seine trostlose Plattenbauwohnung in Sofia hinter sich – zumindest in seiner Fantasie: In einem Tagtraum überwindet er politische und private Zwänge und erfindet sich ein neues Leben, das nicht im Bulgarien des zwanzigsten, sondern im New York des einundzwanzigsten Jahrhunderts angesiedelt ist – ein schnelles, buntes Leben voller Möglichkeiten und kreativer Energie.

Rauschhaft erzählt Solo die zwei großen Lebensgeschichten eines Mannes und ergründet so den Nutzen einer jeden menschlichen Existenz. Ein episches Meisterwerk voller lebendiger Figuren und ihrer ungewöhnlichen Geschichten, voller wundersamer Mythen und historischer Begebenheiten.

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Über die Autorin bzw. den Autor

Rana Dasgupta wurde 1971 in Canterbury geboren und wuchs in Cambridge auf. Er studierte französische Literatur und Medienwissenschaften in England und den USA. Nach seinem Studium war er einige Jahre als PR-Manager tätig. Er hat in Frankreich und Malaysia gelebt, und heute arbeitet er als freier Autor in Delhi. Sein Debüt „Die geschenkte Nacht“ kam auf Anhieb in die Top Ten der indischen Bestsellerliste und wurde für den Hutch Crossword Book Award nominiert, den bedeutendsten indischen Literaturpreis.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Der Mann ist plötzlich aufgewacht, in der Totzone der Nacht. Es ist ungewöhnlich heiß für die Jahreszeit, sein Hals schmerzt, und in jeder seiner Falten sammelt sich der Schweiß.
Er taumelt zum Waschbecken und trinkt Wasser. Dann setzt er sich in seinen Sessel und schnaubt ein paar Mal, um seine Nase frei zu machen.
Der Busbahnhof vor dem Haus wird modernisiert, und selbst zu dieser Nachtzeit heulen die Bohrmaschinen.
Im Interesse der Verbrechensbekämpfung hat man auf dem Bahnhofsvorplatz zwei gleißende Flutlichtlampen angebracht. Das Licht scheint die Vögel zu verwirren, denn sie stimmen ihren morgendlichen Gesang neuerdings mitten in der Nacht an, gerade wenn der Mann endlich in den Schlaf gefunden hat. Im Augenblick kreischen sie wie besessen.
Schwer atmend sitzt der Mann in seinem Sessel im sengenden Schein der Halogenlampen, obwohl im Zimmer Dunkelheit herrscht.
Unbekümmert um die nächtliche Stunde entfalten die Reisenden im Busbahnhof großen Einfallsreichtum darin, Lärm zu machen. Sie schreien herum, sie klappern mit Gegenständen und jagen die Motoren ihrer moribunden Autos hoch, als gäbe es niemanden, der zu schlafen versucht.
Der Mann nähert sich dem Ende seines zehnten Lebensjahrzehnts, und seine Wohnung liegt im vierten Stock.
Der Hauptraum misst vier auf dreieinhalb Meter. Auf einer Seite geht es ins Badezimmer, und hinten ist eine Kochecke. Das Fenster schaut auf die Verkaufsstände vor dem Busbahnhof hinaus, an denen Waren aus China feilgeboten werden: Wecker, Uhrenarmbänder, Plastikpflanzen, Batterien, T-Shirts, Souvenirs und vieles mehr. Daneben warten Devisenhändler auf Kunden, die mit dem Bus aus anderen Ländern kommen.
Wenn es regnet, dringt in einer Ecke des Zimmers Wasser durch die Decke. Es hat sich nach und nach in der Wand ausgebreitet in einer Form, die an die Landkarte Australiens erinnert, sodass der Putz abblättert und ständig ein Zisternengeruch im Raum hängt.
Das Fenster geht nach Westen; abends ist es in der Wohnung des Mannes am hellsten.
Der Staat hält es noch immer für angebracht, dem Mann eine monatliche Rente zu zahlen, um seine Armut zu lindern. Als er vor vielen Jahren in den Ruhestand ging, war dieses Geld ausreichend: Er lebte allein und brauchte wenig. Doch seit dem wirtschaftlichen Umbruch ist seine Rente kaum noch etwas wert, und seine Ersparnisse sind weggeschmolzen. Ohne die Großzügigkeit seiner Nachbarn, die ihm jeden Monat Lebensmittel und andere Dinge kaufen, wäre er in einer besorgniserregenden Lage. Es sind gute Menschen: Sie zahlen die Fernsehgebühren für ihn, und die Frau kocht ihm sogar sein Essen, denn das kann er nicht mehr selbst.
Doch er mag sie nicht jedes Mal belästigen, wenn er Kaffee oder Toilettenpapier braucht. Er hat bereits so viele Jahre auf dieser Welt verbracht, dass er mit Fug und Recht erwarten kann, so findet er, dass solche Dinge von selbst zu ihm kommen.
Durch gewisse Umstände ist der Mann erblindet. Sein Gehör aber ist weitgehend intakt, und er vertreibt sich die Zeit hauptsächlich mit Fernsehen. Er sitzt vor Schönheitswettbewerben, deren Teilnehmerinnen er nicht sehen kann, vor Dauerwerbesendungen, schlecht synchronisierten englischen Historienfilmen, Reisesendungen, deutschen Pornofilmen und allen möglichen anderen Ausdrucksformen moderner Weisheit.
Spätnachts, wenn sein Fernseher ausgeschaltet ist, hört er manchmal weiter unten im Haus endlos ein Telefon klingeln. Dann liegt er wach und fragt sich, wo auf der Welt diese Sehnsucht wohnen und was sie in diesem Haus so beharrlich suchen mag.
Nachmittags trägt der Wind einen schwachen Geruch nach altem Urin von der Mauer unter seinem Fenster heran. Alle Männer, die den Busbahnhof passieren, verschwinden hinter dieser Mauer, um sich dort zu erleichtern. Es gibt hier zwar öffentliche Toiletten, aber sie scheinen es mit der Mauer nicht aufnehmen zu können; auf jeden Mann mit voller Blase übt sie eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Selbst Männer, die zum ersten Mal hier sind und die stinkende Lache, die dort in zwanzig Jahren entstanden ist, nicht sehen, würdigen die windschiefen Kabinen am Rand des Platzes keines Blickes. Immer stehen einige Männer im Schutz der Mauer und schütteln die letzten Tropfen ab.
Frauen benutzen die kaputten Kabinen.
An heißen Tagen wird der Geruch unerträglich, und dann bringt ein Guss, der alles wegspült, Erleichterung. Wenn es draußen stark regnet, sitzt der blinde Mann am Fenster und lauscht den nahen und fernen Geräuschen: dem sanften Rieseln in den Bäumen, dem lauten Trommeln auf Plastikkanistern, dem harten Prasseln auf Asphalt und Kopfsteinpflaster, dem unterschiedlich klingenden, metallischen Aufschlagen auf Autodächern und Gullydeckeln, dem Baritontrillern auf Abdeckplanen, dem glitschigen Gurgeln von überquellendem Schlamm, dem konzertanten Sprudeln in den Abflussrohren. Einen Moment lang taucht dann die Umgebung vor seinem inneren Auge auf und erinnert ihn daran, wie es ist, sehen zu können.
Abgesehen von seinem Rücken, der ihn morgens plagt, ist der Mann bei leidlicher Gesundheit, doch rein rechnerisch kann der Tod nicht mehr allzu weit weg sein.
In seiner Kindheit hat seine Großmutter die Lebensgeschichten Verstorbener an die Bäume vor dem Haus geheftet. Sie stammte aus einem Dorf unweit des Schwarzen Meeres - jetzt ist es durch eine Grenze abgeschnitten -, und es waren die Toten aus diesem Dorf, deren Verdienste an den Stämmen der stolzen, in gleichmäßigen Abständen gepflanzten Platanen aufgelistet waren. Jeder Tag, so schien es, war der Todestag irgendeines Bewohners jenes fernen Ortes, und seine Großmutter erzählte ihm die Geschichte dieser Menschen, während sie beim Morgentee ihre Nachrufe verfasste. Sie band die Zettel mit einer Schnur an die Bäume, wo sie sich nach und nach im Regen auflösten, um im darauffolgenden Jahr erneut angebracht zu werden.
»Wie kommt es, dass du dich daran erinnerst?«, fragte Ulrich sie immer wieder, denn es schien ihm unfassbar, dass sie die gesamte Geschichte jener untergegangenen Dynastie im Kopf hatte. Sein Vater missbilligte den ländlichen Brauch jedoch, und so war ihr eigenes Leben nie an einem Baum zu lesen.
Empfänglich für das Jenseits wie alle Kinder, hatte der Mann in jenen Jahren ein starkes Gespür für die endlose Folge der Generationen gehabt. Er hatte Menschen mit geschlossenen Augen in der Erde liegen sehen, und er hatte sich den Planeten als Schnittmodell vorgestellt: Schichten schlafender Körper bis in so schwindelerregende Tiefen, dass es nicht schwerfiel zu glauben, die Leichtigkeit des Lebens an der Oberfläche sei nichts anderes als ihr kollektiver Traum. Denn die Träumer, für immer stumm in ihrem feuchten Refugium, waren den Menschen mit den geöffneten Augen zahlenmäßig bei Weitem überlegen.
Diese frühen Einsichten fanden vor Kurzem zu dem Mann zurück, als er eine Fernsehsendung über eine Stadt hörte, die nach dem Bau eines Staudamms in den Fluten versunken war. Achtzig Jahre später wurde der Damm außer Betrieb gesetzt und abgetragen. Der See floss ab, der Fluss kehrte in sein ursprüngliches Bett zurück, und die Stadt kam wieder ans Tageslicht.
Natürlich waren große Schäden entstanden. Der Putz an den Wänden hatte sich im Wasser aufgelöst, Dächer waren eingestürzt, Holzhäuser Stück für Stück weggeschwommen. Bäume waren abgestorben, und die ganze Stadt stank noch wochenlang nach toten Fischen und Flussalgen. Doch in den Straßen standen noch Autos - uralte Modelle, wie der Mann sie aus seiner Jugend in Erinnerung hatte -, Uhren waren zu unterschiedlichen Zeiten stehen geblieben, und an einem Kino waren noch die Titel der Filme von damals angebracht. Straßenschilder hatten die Zeit überdauert und unter Wasser den Weg gewiesen. In jedem Haus war etwas zurückgelassen worden. Ein Mann fand in einer Küche ein Glas Essiggurken, kostete davon und erklärte, sie seien noch gut.
Einige...

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Verlag: Heyne Verlag, 2012
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