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Land ohne Horizont: Reisen in das unentdeckte Tibet - Hardcover

Peissel, Michel

 
9783890292502: Land ohne Horizont: Reisen in das unentdeckte Tibet

Inhaltsangabe

Schon als Kind träumte Michel Peissel von dem Land hinter dem Horizont, dem unangetasteten, ursprünglichen, dem verlorenen Paradies. Jahre später hatte er es gefunden: Changtang, die große Hochebene von Tibet. Nach der Antarktis ist Changtang die größte unberührte Landmasse auf unserem Planeten; nicht mehr als ein Dutzend Europäer haben bisher den Fuß dorthin gesetzt. Peissel lernt dort die Sengo-Nomaden kennen, die noch immer so leben wie in der Vorzeit. Die weite Wildnis ist auch das Refugium des wilden Tibet-Grizzlys und vieler anderer Tiere, die dort ungestört von Menschen leben können. Als erster Europäer durchquerte Peissel die gesamte Ebene von Ost nach West, nicht als Entdecker, sondern als behutsamer Beobachter, der sich bemüht, Teil dieser strengen und zugleich wunderbaren Landschaft zu werden – einer fremden und faszinierenden Welt.

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

Michel Peissel, Jahrgang 1937, Anthropologe, Autor, Dokumentarfilmer, zählt zu den größten Abenteurern unserer Tage. Der Franzose, der Englisch schreibt, Tibetisch spricht und sein Leben unter anderem der Erforschung der entlegendsten Regionen Tibets gewidmet hat, erforschte als erster das Königreich Mustang, durchquerte Bhutan, leitete zahlreiche Himalaja-Expeditionen und hat 15 Bücher über seine Reisen und Forschungen geschrieben, die in 16 Sprachen erschienen sind.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Dies ist der Bericht einer langen Reise auf der Suche nach der kaum bekannten Welt der wilden, weiten Hochebene im Norden Tibets. Es ist die Geschichte einer Sehnsucht, die mich vierzig Jahre lang nach Tibet und in den Himalaja getrieben hat, wo ich einem Kindheitstraum nachjagte, einem Traum, den wir wohl alle irgendwann einmal hegten: daß irgendwo hinter dem Horizont ein verlorenes Paradies existiert, eine bessere Welt, in der die Zeit stehengeblieben ist.

Schon als Kind war ich fasziniert von unseren Ahnen, den Menschen der Steinzeit, die mir so nahe schienen, als wären sie leibliche Verwandte. Ich zweifelte nicht, daß sie in einer besseren Welt gelebt hatten, daß sie dieses Paradies auf Erden, aus dem wir vertrieben wurden und nach dem ich mich so leidenschaftlich zurücksehnte, gekannt hatten. Was für ein Leben hatten sie geführt? Wie dachten sie? Waren sie glücklich? Würden wir es je wissen?

Schon früh erlag ich dem Zauber der Felsmalereien in der Höhle von Lascaux. Der verblüffend realistisch dargestellte große Bison sieht aus, als wäre er erst gestern entstanden. Als ich die Zeichnung kopierte, empfand ich eine geheimnisvolle Verwandtschaft mit meinen fernen Vorfahren, und dieses Gefühl hat mich mein Leben lang nicht mehr verlassen.

Von den Ethnobiologen erhielt ich später die Bestätigung, daß sich die sogenannten »Primitiven« der Altsteinzeit tatsächlich kaum von uns unterscheiden. Nach Darwins Evolutionstheorie hat sich der Homo sapiens während der letzten 100000 Jahre weder körperlich noch geistig wesentlich verändert. Die Evolution war und ist ein sehr langsamer Prozeß. So hat beispielsweise die Entwicklung des Pferdes vom vielzehigen Vierfüßer bis zum Einhufer Jahrmillionen gedauert, und die Menschen von Lascaux, die vor 35000 Jahren die Wände ihrer Höhle bemalten, waren biologisch und intellektuell kaum von uns verschieden.

Das war mir schon im Alter von acht Jahren klar, als ich hinter den hohen Mauern eines englischen Internats eingesperrt war. Dort wurde ich ständig mit wenig schmeichelhaften Bildern unserer Vorfahren konfrontiert, die mir als struppige, ungehobelte Burschen präsentiert wurden, halbe Menschenaffen, die sich gebückt fortbewegten und sich in Tierfelle hüllten. Die Botschaft meiner viktorianischen Erzieher war einfach und unverblümt: Von einem Paradies auf Erden konnte keine Rede sein; in Wahrheit hatten die Menschen der Steinzeit in der Hölle gelebt, waren verdreckte Wesen ohne Kultur und Bildung und infolgedessen nicht nur dumm, sondern auch sündig, nicht anders als die australischen Ureinwohner. Ohne Sauberkeit kein Seelenheil. Auf hinterhältige Weise hat sich diese sehr britische Anschauung bis heute gehalten: Wir leben unter der Herrschaft der Chemiekonzerne, die im Namen der Hygiene unsere Umwelt verseuchen. Den Steinzeitmenschen als primitives Geschöpf hinzustellen ist zweifellos eine wirksame Methode, um uns der vielfältigen Errungenschaften und Verbesserungen der Neuzeit zu versichern.

Als ich dreizehn war, lebten wir in den Vereinigten Staaten, und mein Vater, ein Diplomat, war mit dem Jesuitenpater Teilhard de Chardin befreundet, der regelmäßig zu uns nach Hause kam. Theologe und Philosoph zugleich, versuchte er Darwin mit den Lehren der Kirche in Einklang zu bringen und hatte ein umstrittenes Theoriegebäude errichtet, wonach sich der Mensch kraft göttlichen Willens im Verein mit den Gesetzen der Evolution auf den Zustand der Vollkommenheit zubewegt. Ich hatte ihm nichts entgegenzuhalten. Bedeutete Evolution also die Entwicklung vom Einfachen zum Komplexen, von der Amöbe, die sich durch Verformung ihres Körpers fortbewegt, bis hin zum Kraken, dem dasselbe mit Hilfe von acht Armen gelingt? Über die jeweilige Intelligenz mögen sich andere den Kopf zerbrechen ich frage mich heute noch, ob eine Vielzahl von Beinen beziehungsweise Armen ein Segen oder ein Fluch ist.

Mit zunehmendem Alter und wachsender Freiheit konnte ich mich eingehender mit der Steinzeit befassen. Ich begann mich für die Ethnologie zu interessieren und erfuhr, daß auf unserem sogenannten modernen Planeten zahlreiche Stämme überlebt haben, die der Steinzeit noch recht nahe sind. Die Erkenntnisse der Ethnologen und Archäologen einerseits und der Biologen andererseits belegen zweifelsfrei, daß unsere Vorfahren sehr viel intelligenter waren, als wir bislang angenommen hatten. Ihre herausragenden Kunstwerke und geheimnisvollen Symbole zeugen von einem hochentwickelten geistigen und spirituellen Bewußtsein. Leider können die leblosen Relikte aus der Vergangenheit nicht sprechen: Auch wenn wir die prähistorischen Höhlenmalereien noch so lange betrachten, erfahren wir kaum etwas über die Gedanken, Gefühle und Überzeugungen der Künstler. Mit der Zeit gelangte ich zu dem Schluß, daß die Archäologie eine stumme Wissenschaft ist und mir auf die vielen Fragen, die ich mir stellte, nur unbefriedigende Antworten geben konnte. Ich hatte ohnehin immer weniger Zeit dafür übrig, denn die Schule und meine weitere Ausbildung nahmen mich zunehmend in Anspruch: Ich mußte der Vergangenheit den Rücken kehren, um mich auf die Zukunft vorzubereiten.

Eine Reihe unvorhergesehener Ereignisse lehrte mich, daß Steine sehr wohl sprechen können. Mit einundzwanzig, vier Monate vor Beginn meines Studiums an der Harvard Business School, reiste ich nach Mexiko, in den Dschungel von Yucatán. Dort entdeckte ich mitten im Urwald 14 Maya-Stätten. Die von Lianen überwucherten Pyramiden bargen in ihrem Inneren dunkle Geheimgänge, durch die ich im Licht einer Fackel aus dürren Palmwedeln zwischen Staub und zuckenden Schatten, Fledermäusen und Taranteln, in unterirdische Höhlen vordrang, wo ich Jadebeile und Tonfiguren ausgrub. Zum ersten Mal in meinem Leben stieg in mir die Ahnung auf, daß irgendwo auf der Welt das verlorene Paradies noch existierte.

Acht Monate später, im Mai 1959, brach ich gemeinsam mit dem Anthropologen Alain Thiollier, der vom Yen Ching-Institut nach Harvard abgeordnet worden war, nach Osten, zum Himalaja, auf. Mein Ziel dem der Dekan der Business School nur widerwillig zugestimmt hatte war das damals noch kaum bekannte und verschlossene kleine Königreich Bhutan.

Gleich nach meiner Ankunft in Indien bekam ich die Auswirkungen der Kämpfe zu spüren, die zwei Monate zuvor in Lhasa ausgebrochen waren. Der Dalai Lama war ins Exil geflohen, und Tibet stand unter Militärkontrolle. Bhutan hingegen fürchtete eine chinesische Invasion, und trotz des Empfehlungsschreibens, das uns der ältere Bruder des Dalai Lama mitgegeben hatte, wurde uns an der Grenze die Einreise verweigert.

Schließlich fuhren Alain Thiollier und ich weiter nach Nepal, um das Volk der Sherpa zu studieren, von denen damals nichts weiter bekannt war, als daß sie in Darjeeling lebten und dort von den Engländern die bis dahin sechs Expeditionen zum Everestgebiet organisiert hatten als Bergführer und Träger im Hochgebirge angeworben wurden.

Auf dieser Reise erhielt ich zum ersten Mal Einblick in die faszinierende Welt des tibetischen Hochlands und faßte den Entschluß, der Erforschung dieses geheimen Kontinents Tibet mein Leben zu widmen. Statt in Harvard mein Wirtschaftsstudium fortzusetzen, schrieb ich mich in Oxford für Anthropologie ein. Ich studierte bei Professor Evans Pritchard, dem kultivierten, kosmopolitischen Vater der modernen Anthropologie und Konkurrenten von Lévi-Strauss. Unersättlich lauschte ich seinen langen, brillanten Vorträgen nicht nur über die sogenannten primitiven Völker, sondern auch über französische Weine und das Mittelalter, und manchmal fiel es mir schwer zu glauben, daß er Afrikaspezialist war und mehrere Jahre bei dem Stamm der Nuer im Sudan gelebt hatte so schlicht wie sie und, wie gemunkelt wurde, so nackt wie sie.

Ich verließ Oxford, um meine Feldforschungen im Himalaja und mein Ethnologiestudium an der Pariser Sorbonne fortzusetzen. Im Lauf der Jahre glaubte ich mehrmals, ich hätte das verlorene Paradies...

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