Miriam Schmitt betreibt in der Klinik Bad Hochwald das Café Schmittchen. Manchmal schreibt sie Texte über Literatur, gibt auch Lyrikbücher heraus, wie das einer Freundin, Dichterin und Journalistin, die Klinikangestellte und Rehabilitanden interviewt. Miriam erzählt den ersten Teil des Romans, erzählt Geschichten von Patienten, die, wie auch sie einst, in der Arbeitswelt scheiterten, nach Burnouts nicht mehr weiterwussten. Doch die schicke, hochmoderne Klinik entpuppt sich als Vorzeigeunternehmen der heutigen Arbeitswelt ... Miriam erzählt auch ihre eigene Geschichte und von ihrer heimlichen Liebe zu Morten, einem angestellten Therapeuten, der oft in ihr Café kommt. Doch die Controler haben Morten im Visier ... Auch Miriams Schwester Manuela war Patientin in der Klinik. Der zweite Teil des Romans handelt von Manuela, von ihrer der Zeit nach der Klinik, einer neuen Liebesgeschichte, sie hat geschafft, ihr Leben zu ändern. Erzählt wird auch, wie es dazu kam, dass sie in Bad Hochwald landete, von Kontrollwahn und Mobbing.Der dritte Teil des Romans ist das von Miriam herausgegebene Buch der Freundin der Schwestern, Mara Prochazka. Das Muster, das die meisten hierhertreibt, das auch mich einmal nach Bad Hochwald getrieben hat, ist einfach: mit fünfzig, mit plus minus fünfzig passen wir nicht mehr zu unserer Arbeit. Wir versuchen wieder und wieder, uns passend zu machen und schaffen es nicht. Unser Leben verändert sich in einer Geschwindigkeit, bei der viele nicht mehr mitkommen. So schnell, wie es von uns verlangt wird, können wir uns gar nicht neu erfinden.Sonja Ruf erzählt von der Diktatur der Fremd- und der Selbstkontrolle, und auch von den vielen kleinen Fluchten, von Würde, Freundlichkeit, Partnerschaft. Liebesgeschichten. Die Lust an der Sabotage. Die Kraft der Menschen, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Drei Leben, drei Geschichten, die Echos aufeinander werfen.
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Sonja Ruf lebt z.Z. in Saarbrücken. Geburt 1967, wuchs in einem 350-Seelen-Dorf im Nordschwarzwald auf. Seit 1990 Veröffentlichungen, Stipendien und Auszeichnungen, zuletzt u.a. Stadtschreiberin in Gotha und Stipendiatin in Wiepersdorf. Sie arbeitete, sofern sie nicht in ein Künstlerhaus eingeladen war, als Lektorin, Kindermädchen, Ghostwriterin, Lokaljournalistin, Postausträgerin, Dramaturgin, in Anwaltsbüro, Geschichtsverein, Buchhandlung, Ab dem Alter von acht Jahren Tagebuch, das zu einem literarischen Notizbuch geworden ist. Seit 2015 Erzieherin (an drei Wochentagen) in städtischen Grundschulen.
Aus dem ersten Teil :... Wer aufgerufen wurde, trat an unsere lange Theke mit ihren zwölf Schaltern, wo ihn eine Blaukittlerin freundlich anlächelte. Er sagte seinen Namen und sie injizierte ihm einen winzigen Dau in das Fett direkt unter die Haut des Oberarmes, wo er vor Diebstahl, vor Verlust und Missbrauch geschützt war. Der Dau war zugleich Datenträger und Schlüssel, hätte auch einfach Chip oder Stick heißen können. Das Wort Dau stand für eine Abkürzung, deren Bedeutung niemand mehr kannte. Wer nicht gestochen werden wollte, bekam eine größere, etwa reiskorngroße Version ausgehändigt, die er an Piercing, Ohrring, Kette oder Zahnersatz befestigen konnte. Dabei halfen die Blaukittler. Möglichst sollte der Dau auch nachts am Körper getragen werden. Nun brauchtest du kein Bargeld mehr, keine Papiere, keine Schlüssel. Der Dau öffnete dir alle erlaubten Türen, übernahm die Zahlungsfunktionen und sammelte alle Daten, die die Klinik für sich benötigte oder verkaufen konnte. Die Daten, die uns dein Hausarzt übermittelt hatte, waren auf dem Dau schon gespeichert. ... Der implantierte Dau, den du vergaßt, sobald die kleine Wunde nicht mehr juckte, befreite dich von allem, was dich davon ablenken konnte, deine wichtigste Aufgabe zu bewältigen, deinem Leben selbst einen Sinn zu geben und nach vorne zu schauen. Denn das konnte zwar nur rückwärts verstanden werden, musste aber nach vorne gelebt werden, ... Einmal saß eine Frau bei mir im Schmittchen, die beim Rundfunk gearbeitet und noch per Hand ihre Sendungen geschnitten und Bänder geklebt hatte. Sie erzählte. Die Dozentin hatte schon beim ersten Digitalisierungs-Workshop gesagt: „Sie schaffen das nicht mehr. Nichts gegen Sie persönlich, aber Menschen über fünfzig können das nicht mehr schaffen!“ Da war die Journalistin wütend geworden. Sie war zweimal als Kriegsberichterstatterin unterwegs gewesen. Sie war zweimal im Krieg. Sie hatte ihrem Kameramann, der nach rückwärts, nach rechts und links taub und blind war, während er die Kamera vor Augen hatte, mehrfach das Leben gerettet. Sie war sein Auge gewesen und sein Bewacher, sein Schutzengel auch. „Mädchen“, dachte sie wütend, „sag du mir nicht, was ich schaffen kann und was nicht! Ich schaff das!“ Und sie hatte sich nachts im Sender einschließen lassen und geübt und geübt und geübt. Aber schaffte es nicht. Hat versagt, hat versagen müssen, versagte weiter und auf anderen Gebieten, entwickelte irgendwann eine Überempfindlichkeit, Nervosität, einen Tick, eine Störung, eine Krankheit (ich weiß nicht mehr, was). Kam zu uns. Als sie mir ihre letztlich sinnlosen Nachtschichten im Sender schilderte, lächelte sie grimmig,
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