Geschichte und Gegenwart eines europäischen Stroms
Kaum ein anderer Fluss hat in den letzten Jahrzehnten seine Bedeutung für die Deutschen so sehr gewandelt wie die Oder. Galt sie lange als Strom, der die – ungeliebte – Grenze zwischen Polen und Deutschland markierte, rückt sie seit dem Ende des Kalten Kriegs ins Herz des erweiterten Europas und wird von den Menschen beiderseits des Flusses wiederentdeckt. Uwe Rada folgt dem Lebenslauf der Oder und erzählt die Geschichten dieses Stromes, die von Krieg, Trennung und Versöhnung, vor allem aber von der Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft handeln.
Die Oder, die in Tschechien entspringt und durch das Stettiner Haff in die Ostsee mündet, hat für uns Deutsche eine ganz besondere historische Bedeutung. Bereits vor tausend Jahren trennte der Fluss Deutschland und Polen, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 wurde die Oder sogar zum Symbol einer Grenze schlechthin. Über die Jahrhunderte hat dieser Fluss Völker eher geteilt als verbunden.
Doch seit dem Fall der Mauer in Deutschland und dem Verschwinden des Eisernen Vorhangs ist für die Oder nun ein neues, europäisches Kapitel ihrer Geschichte angebrochen. Der Strom konnte zu einer verbindenden Lebensader in Mitteleuropa werden, an seinen Ufern leben Städte wie Breslau, Frankfurt oder Slubice auf, die sich auf ihr multikulturelles Erbe besinnen. Der Journalist und Buchautor Uwe Rada hat sich auf eine Reise entlang der Oder gemacht und schildert, illustriert mit eindrucksvollen Fotos, die wechselvolle Kulturgeschichte dieses Flusses. Eine Biographie der Oder und ein Buch über die Schicksale der Menschen an beiden Ufern.
Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
Uwe Rada, geboren 1963, ist Redakteur der »taz« und Buchautor. Er lebt in Berlin. Für seine publizistische Arbeit hat er verschiedene Stipendien und Preise erhalten, unter anderem von der Robert-Bosch-Stiftung und dem Goethe-Institut. Er hat mehrere Bücher zur Geschichte Osteuropas veröffentlicht, zuletzt »Die Memel« (Siedler 2010).
»Die Oder ist eine Enzyklopädie. Zwischen Mährischer Pforte und Oderhaff bekommt man fast alles zu sehen, was die Welt Mitteleuropas zu bieten hat.«
Karl Schlögel
Es gibt Fl�sse, die kennt man, bevor man zum ersten Mal an ihre Ufer tritt. Der Rhein zum Beispiel, jener Grenzfluss, der einst die R�mer von den Germanen, sp�r dann die rechtsrheinischen Kleinstaaten von den Truppen Napoleons trennte, hat sich fr�h ins kollektive Ged�tnis der Deutschen geschrieben. Als "Vater Rhein" steht er zun�st f�r g�ttliche Erhabenheit und mit Rheinwein begossene Sinnesfreude. Sp�r dann, mit dem beginnenden 19. Jahrhundert, wird er national aufgeladen und als "Wacht am Rhein" zum Symbol f�r den deutschen Kampf gegen den "Erbfeind Frankreich". Zum weiblichen Pendant des "Vaters Rhein" wird die Loreley, diese - je nach Sichtweise - zauberhafte Elfe oder m�ermordende Sirene auf dem 112 Meter hohen Felsen bei Sankt Goarshausen. Ihr haben Clemens von Brentano, Heinrich Heine und Friedrich Silcher zu literarischem und musikalischem Ruhm verholfen.
Die Donau verlieh einst einer ganzen Monarchie ihren Namen und trug, wie Claudio Magris in seiner Geistesgeschichte dieses europ�chen Flusses gezeigt hat, die vielstimmige Melodie (und die kaiserlichen und k�niglichen Anordnungen) der �sterreichisch-ungarischen Doppelmonarchie von Wien und Budapest bis fast ans Schwarze Meer. Anders als der Rhein symbolisiert die Donau weniger eine Grenze zwischen "Zivilisation" und "Barbarei". Vielmehr steht sie bei Magris f�r das friedliche, wenn auch nicht konfliktfreie Zusammenleben im ehemaligen Vielv�lkerreich �terreich-Ungarn.
Die Weichsel wiederum ist jedem Schulkind in Polen als der "polnischste aller polnischen Fl�sse" bekannt. Schon im 16. Jahrhundert wurden ihr Hymnen wie diese gewidmet: "Flie�, meine liebe Weichsel, bis zum Seehafen und helfe so gut du kannst dem K�nigreich Polen." Als man dieses K�nigreich 1772 erstmals zwischen Preu�n, Russland und der Habsburgermonarchie aufteilte, wurde die Weichsel zum Symbol des nationalen �erlebenswillens und hat sogar Einzug gehalten in die polnische Nationalhymne.
Auch die Moldau ist ein nationaler Mythos. Als blaues Band ist sie die Schlagader B�hmens, ein Fluss, der im B�hmerwald entspringt und in seinem Lauf St�e und Erinnerungsorte wie an einer Perlenkette aneinander reiht: Cesky Krumlov (Krummau), Cesk�ud�vice (Budweis), Praha (Prag). Bedrich Smetana hat der Moldau in seiner Symphonie "M�last" - "Mein Vaterland" - ein musikalisches Denkmal gesetzt, das ebenfalls nicht frei ist von den nationalen T�nen des 19. Jahrhunderts. Zugleich ist der Patriotismus von Smetana auch ein Verweis auf die schwierige Nationalit�npolitik und die Br�chigkeit im Selbstbild der Donaumonarchie, der B�hmen bis zum Ende des Ersten Weltkriegs angeh�rt hatte.
In diesen Flussbildern spiegeln sich die vielstimmigen und oft widerspr�chlichen Selbstverst�nisse jener, denen der Fluss Lebensader ist oder auch nur Sehnsuchtsort. Sie sind Ausdruck kollektiver Erz�ungen einzelner Nationen wie an der Weichsel, nationaler und kultureller Grenzerfahrungen wie am Rhein oder vielsprachigen Alltags wie an der Donau, deren geographischer Bezugsraum das einst vergessene und nun "wiederentdeckte Mitteleuropa ist.
Vergleichbares l�t sich von der Oder nicht sagen. Kein Mythos, wie der des "Vaters Rhein" ist ihr zu eigen, kein Komponist vom Range eines Bedrich Smetana hat ihr eine Symphonie gewidmet, keine Untiefe hat es an der an Untiefen beileibe nicht armen Oder zu literarischem Ruhm gebracht wie die unterm Felsen der Loreley. Nicht einmal eine Eisenbahn f�t an ihren Ufern und gibt dem Reisenden wie an Rhein, Elbe und Moldau Gelegenheit, durchs Fenster hindurch von seinem Fluss zu tr�en. Selbst der Flussgott der Oder, der "Viadrus", der sp�ich bekleidet, daf�r mit einem Paddel in der Hand vom barocken Hafentor in Stettin und der Aula Leopoldina in Breslau auf die Touristen herabschaut, ist nur wenigen Eingeweihten bekannt. Wenn der Oder ein Ruf vorauseilte, war es der von M�he und Schwei� Das haben auch die wenigen Dichter erkannt, die der Oder einige Zeilen gewidmet haben. In seinem 1912 erschienenen "M�hen von den deutschen Fl�ssen" verlieh der deutsche Volksdichter Paul Keller denselben Menschengestalt. W�end ihm die Elbe dabei zur sch�nen Gr�n wird, bleibt der Oder nur das Schicksal eines Bauernweibes:
"Die Oder ist ein edles Bauernweib. Mit stillen, sicheren Schritten geht sie durch ihre Lande. Kalk- und Kohlestaub liegen manchmal auf ihrem Kleid, zu ihrem einf�rmigen Lied klopft der Holzschl�r den Takt. Sie hat immer Arbeit, schleppt ihren Kindern Kohle und Holz, Getreide und hundertfachen Lebensbedarf ins Haus. Zu Gr�nberg nippt sie ein gutes, bescheidenes Haustr�lein. Die bei ihr wohnen, sind geborgen und gl�cklich, und wenn sie ans Meer kommt, breitet sie angesichts der Ewigkeit weit und fromm ihre Arme aus."
Zeichnet Keller die Oder immerhin als durchgehende Flusslandschaft von der Quelle bis zur M�ndung, bereist Theodor Fontane in seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" das "Oderland" lediglich von Frankfurt bis Schwedt. G�nter Eich wiederum konzentriert sich in seinem Gedicht "Oder, mein Fluss" auf den Ort seiner Kindheit: "Glockengel� aus Frankfurt und die Sagen der Reitweiner Berge, die F�e in Lebus und das Haus rechts an der Oder, wo ich geboren bin." Gustav Freytags Oder, das ist die enge (und nicht selten antisemitische) Welt der Breslauer B�rger. In den Bildern und
Selbstbildern ihrer Dichter und Denker kommt die Oder zumeist als Ausschnitt, als Fragment vor. Manchmal, wie bei Joseph von Eichendorff, verschwindet sie sogar ganz aus dem Blickfeld. Am 14. November 1809 notierte der in Schloss Lubowitz bei Ratibor geborene Romantiker, der wegen Geldmangels auf einem Oderkahn in Richtung Berlin reisen wollte:
"Es war ein heller Tag und Schiff und Gegend des Morgens mit Reif geschm�ckt. Wir waren noch nicht weit gefahren, als unser erstes Schiff auf eine Sandbank lief. Wir warfen daher alle in der Mitte des Stromes die Anker aus, aber erst gegen Mittag gelang der vereinten Kraft der Knechte aller Schiffe jenes Schiff wieder flott zu machen, w�end welch langweiliger Pause ich wieder Tagebuch schrieb."
Bereits einen Tag sp�r folgte das n�ste Ungl�ck:
"Gleich beim Umwenden auf die Crossener Br�cke zu (...) segelte das Schiff des Herrn Beyers einen am Ufer stehenden beladenen Kahn samt einem darauf sitzenden Weibe in Grund und Boden und st�rzte mit der Spitze noch zur Zugabe einen Gartenzaun mit f�rchterlichem Geprassel um, welches alles uns nachher solche Grobheit und langwierige H�el zuzog, dass wir, zu unserem gr��en �ger, heute hier �bernachten mussten. Wir beide latschten daher vor Abend noch im gr��en Regen und Kot durch alle Gassen Crossens, das gr��r und besser als Ratibor ist."
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