'Roter Stern über Russland' ist eine fesselnde visuelle Geschichte der UdSSR von 1917 bis zum Tode Stalins. Der aufrüttelnde, dem Cinéma Vérité ähnliche Stil versetzt den Betrachter mitten hinein in die umwälzenden Ereignisse, die für die Bürger des ersten Arbeiterstaates der Welt mit Hoffnungen, Chaos, Heroismus und Schrecken verbunden waren. Revolutionären Erschütterungen folgen Bürgerkrieg und Hungersnot; Stalins Großem Terror der 1930er Jahre die brutale Invasion der Nazis. Mit dem Intrigenspiel, das den Tod des Diktators 1953 umgab, schließt der Bildband. Mehr als 550 Plakate, Fotografien und Zeichnungen sind hier in höchster Qualität wiedergegeben, begleitet von kenntnisreichen und informativen Texten. Viele der Bilder sind hier zum ersten Mal zu sehen. Ausgehend von den großen historischen Ereignissen, richtet der Autor den Fokus auf einzelne Ereignisse und Schicksale. So entreißt er, gestützt auf das Wirken der hervorragendsten sowjetischen Designer, Künstler und Fotografen des 20. Jahrhunderts viele vergessene Helden und auch Verbrecher der Vergessenheit.
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David King (1943–2016) war ein britischer Künstler, Designer, Herausgeber, Fotohistoriker und Archivar – »eine der bemerkenswertesten künstlerischen und intellektuellen Persönlichkeiten unserer Zeit« (David Walsh). Er leitete das Kunstressorts bei der »Sunday Times« von 1965 bis 1975 und lebte in London. David King hat eine der bedeutendsten Sammlungen russischer revolutionärer Kunst aufgebaut. Zu seinen Werken zählen »Ganz normale Bürger – Die Opfer Stalins« (2012), »Roter Stern über Russland – Eine visuelle Geschichte der Sowjetunion« (2010) und »Russische revolutionäre Plakate – Bürgerkrieg und bolschewistische Periode, sozialistischer Realismus und Stalin-Ära« (2012).
EINFÜHRUNG KOMMUNISTEN SCHLAFEN NIE ROTER STERN ÜBER RUSSLAND Roter Stern über Russland ist eine visuelle Geschichte der Sowjetunion im Zeitraffer – unzählige Plakate, Fotografien, Zeichnungen und Textbeiträge über die revolutionären Umwälzungen von 1917, den anschließenden Bürgerkrieg, die Niederlage der Bolschewiki und ihrer Ideale, vom verhängnisvollen Aufstieg des Stalinismus bis zum heldenhaften Kampf und endgültigen Sieg des russischen Volkes über die Nazi-Invasoren im Großen Vaterländischen Krieg. Das Buch endet mit Stalins letzten Lebensjahren, mit den Intrigen, die seinen Tod umgaben, und dem Aufstieg von Nikita Chrustschow. Die darauf folgende „Phase der Stagnation” unter Leonid Breschnew war in politischer Hinsicht wie auch für die visuelle Kunst öde und unergiebig, weshalb sie hier nicht behandelt wird. Ebenso unberücksichtigt blieben die Jahre unter Michail Gorbatschow und Boris Jelzin, die letzten vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Der Leser sei gewarnt: Es wird ihm keine leichte Kost serviert. Während der vier hier behandelten Jahrzehnte litten Dutzende Millionen Russen unter den Folgen von drei Kriegen, zwei Hungersnöten und unter einem totalitären Diktator. Nach Lenins Tod gelangte Stalin zu solcher Machtfülle, dass er das Leben eines gewöhnlichen Bürgers, und besonders das eines hochrangigen Kommunisten, nach Belieben in einen Albtraum von Verhaftung, Verhör und Folter verwandeln konnte – mit anschließenden harten Jahren im Gulag oder dem Gang vors Hinrichtungskommando. Dieses Buch berichtet über das Leben einiger der Männer und Frauen, deren frühe revolutionäre Kämpfe sich in schier unfassbare Tragödien verwandelt hatten, und es präsentiert Hunderte unvergänglicher Bilder der Designer, Künstler und Fotografen, die die Bildende Kunst des ersten Arbeiterstaates prägten. Viele dieser Arbeiten, die von großem Können zeugen, jedoch oft ohne Angabe des Künstlernamens blieben, sind wenig bekannt oder seit langem in Vergessenheit geraten. In Stalins Russland konnte jemand noch Lob und Anerkennung erfahren, obwohl seine Hinrichtung kurz bevorstand. Chaos Während ich diese Zeilen schreibe, herrscht in meinem Dachstudio das Chaos. Tausende noch nicht gesichteter und verarbeiteter russischer Fotografien und Zeichnungen türmen sich zu hohen Stapeln auf Tischen oder liegen verstreut überall auf dem Boden herum. Beinahe einhundert gerade erst gerahmte Plakate stehen vor ihrem Abtransport ins Tate Modern Museum für die aktuelle Ausstellung von Bildmaterial aus meiner Sammlung. Bücher und Alben, frühe sowjetische Zeitungen und Zeitschriften stapeln sich in meiner russischen Bibliothek und blockieren den Zugang beinahe vollständig. Überall auf der Treppe stehen Kartons mit noch mehr Fotografien, die nicht in die Auswahl gekommen sind und wohl auch ungeordnet bleiben. Über vier Jahrzehnte hinweg habe ich die 250 000 Objekte der Sammlung zusammengetragen; zwei weitere Jahre habe ich mit dem Planen, Gestalten und Schreiben dieses Buches verbracht. Bestimmt wird es noch einmal sechs Monate dauern, bis alles in Kartons verpackt und verstaut ist. Auf den folgenden Seiten findet der Leser einige Aufzeichnungen, Begebenheiten und persönliche Erinnerungen, wie diese unüberschaubare Sammlung zustande gekommen ist, die die Vision des Kommunismus in einer aufgewühlten Zeit dokumentiert. Wo ist Trotzki? Im tiefsten Winter 1970 besuchte ich die Sowjetunion zum ersten Mal. Es war ein besonders trister und verschneiter Februar in Moskau, und das Thermometer fiel oft auf 30 Grad unter Null. Gelegentlich protestierten meine Nikon F2-Kameras gegen die Kälte und waren zugefroren, so dass ich ins Hotel gehen und sie zum Auftauen eine halbe Stunde auf den Heizkörper legen musste. Eines Abends war es wieder soweit, und als ich die Zimmertür öffnete, sah ich, wie jemand meine Aufzeichnungen durchblätterte. Das war nicht schlimm, denn ich hatte nichts zu verbergen und hatte im Grunde mit so etwas gerechnet. Er entschuldigte sich auf Englisch und verließ unverrichteter Dinge das Zimmer. Ich weiß noch, wie erleichtert ich war, dass die 1930er Jahre Vergangenheit waren. Alle waren sehr nett zu mir, besonders nachdem ich in einem Anruf nach London erwähnt hatte, dass das Essen zu wünschen übrig ließe. Damals dauerte es noch drei bis vier Stunden, ehe über die russische Vermittlungsstelle eine Auslandsverbindung zustande kam. Am folgenden Tag erkundigte man sich aufmerksam über meine Vorlieben beim Essen. Irgendwie entwaffnend. Bei diesem ersten Besuch in Russland wollte ich für zwei umfangreiche Bildreportagen des Londoner Sunday Times Magazine über das Leben Lenins recherchieren und fotografieren. Die revolutionären Museen waren damals etwas Außergewöhnliches und sehr beliebt. Ihre Räume waren voll von Gemälden, Skulpturen, Transparenten, Plakaten, Fotografien und großformatigen, hervorragend gestalteten Gedenkalben aus den 1920er, 1930er und 1940er Jahren. Doch die Person, die mich vor allem interessierte, war nirgendwo sichtbar. Deshalb fragte ich immer wieder: „Ja, schon, aber wo ist Trotzki?“ oder: „Das ist sehr interessant, und was ist mit Trotzki?“ In den amtlichen Fotoarchiven unternahm man schüchterne Versuche, wenigstens ein einziges Foto des zweiten Führers der russischen Revolution zu finden. Es gab keines. Man hatte ihn ganz und gar beseitigt, und, wie ich bald herausfinden sollte, mit ihm auch unzählige andere.
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