Weg nach Timimoun - Hardcover

Roes, Michael

 
9783882218640: Weg nach Timimoun

Über die Autorin bzw. den Autor

Michael Roes wurde 1960 in Rhede geboren. Er ist Romancier, Dichter und Filmemacher, dessen Werke häufig Begegnungen mit nicht-europäischen Kulturen thematisieren. Roes ist viel und weit gereist – in den Jemen, nach Israel, Nordamerika, Algerien, Mali und China. Die Erfahrungen, die er auf seinen Reisen sammelt, schlagen sich auch in seiner Arbeit nieder. 1997 wurde Roes für seinen Roman Leeres Viertel der Literaturpreis der Stadt Bremen verliehen.

Aus dem Klappentext

Laid ist Fotograf und lebt in Bejaia, einer französisch geprägten Stadt an der Mittelmeerküste. Eines Tages erhält er einen Brief seiner Schwester, in dem sie ihn auffordert, nach Timimoun, seiner Heimatstadt, zurückzukehren, um seinen Vater zu rächen. Scheinbar willenlos folgt er dieser Aufforderung und macht sich zusammen mit seinem Freund Nadir auf den langen Weg durch die feindselige Wüste. Ihre abenteuerliche Fahrt ist nicht nur eine Reise zurück in Laids traumatische Vergangenheit, sie führt durch die brutale Gegenwart eines von politischen Konflikten und fundamentalistischem Terror zerrissenen Landes. Je tiefer sie in die traditionellen Stammesgebiete der Wüstenbewohner dringen und sich vom europäisch geprägten Norden entfernen, desto mehr erweist sich Laids zögerliche Willenlosigkeit als Stärke, während der souveräne und lebenskluge Nadir zu zerbrechen droht. Desto intensiver werden aber auch Laids schmerzhafte Erinnerungssplitter an die Kindheit. Sie erzählen vom kriegerischen Leben seines Vaters, der nach vielen Jahren nach Hause zurückkehrt und dort von seiner Frau getötet wird. Sie erzählen von seiner Schwester, seiner Mutter und deren Geliebtem. Wie Orest im antiken Mythos tritt Laid mit seinem Freund die gefährliche Reise an.Was bewegt ihn? Wird er die Familienehre retten und seinen Vater rächen? Wie tief geht seine Emanzipation, wie stark bestimmt ihn noch die Tradition? Michael Roes erzählt diese algerische Orestie poetisch dicht und unprätentiös, seine archaische Sprachgewalt hält den Leser in Atem. Er beweist einmal mehr, daß er zu den Großen der deutschen Gegenwartsliteratur zählt.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Sie schwimmen. Zwei ferne unscharfe Körper im Lichtschaum der unruhigen See. Sollten sie um die Wette schwimmen, dann ohne jede sichtbare Anstrengung. Für Nadir wäre es ein leichtes Spiel, ihm davon zu kraulen. Laid ist bereits an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit, während sein Freund mit kräftigen, ausdauernden Zügen das Wasser durchpflügt. Laid hat Mühe, mit derselben Unangestrengtheit an seiner Seite zu bleiben. Trotzdem will er nicht die vollkommene Harmonie stören, mit der sie sich wie ein Zwillingspaar durch das Wasser bewegen. Sie schwimmen auf eine einsam gelegene, von steilen Felsen umgebene Bucht zu, die nur durch einen fast verborgenen Ziegenpfad zu erreichen ist. Erschöpft wirft Laid sich in den feinkörnigen Sand. Nadir legt sich neben ihn. Sein Atem geht ruhig, als sei ihr Schwimmarathon nur ein harmloser Strandspaziergang gewesen. Die noch niedrige Frühjahrssonne bricht sich in den silbrigen Salzwassertropfen auf seiner glatten weißen Haut. Meine Schwester hat mir geschrieben. Laid versucht, seiner Stimme einen beiläufigen Klang zu geben. Ebenso beiläufig antwortet Nadir: Was will sie von dir? Sie bittet mich, endlich nach Timimoun zurückzukehren. Sie hält das Zusammenleben mit meiner Mutter und meinem Stiefvater nicht länger aus. Und wie kannst du ihr helfen? Soll sie doch endlich heiraten. Ich habe dir doch von dem Unglück erzählt, das meinem Vater zugestoßen ist, als er aus dem Krieg zurückkam! Er richtet seine Worte weiterhin in den fernen kalten Himmel über ihnen. Ich erinnere mich, antwortet Nadir. Sie gibt meiner Mutter und ihrem neuen Mann die Schuld. Sie will, daß ich unseren Vater räche. Abrupt richtet Nadir sich auf. Ein glitzernder Sandpanzer bedeckt seinen kräftigen Rücken und ein goldener Sandhelm das nasse schwarze Haar: So ein Unsinn! Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter! Die Menschen in Timimoun schon. Was willst du tun? Er zieht den Kleiderhaufen zu sich heran, fischt den Tabakbeutel aus einer Tasche seiner Jeans und dreht sich mit sandigen Händen eine Zigarette.

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