Armut wird uns retten: Geteilter Wohlstand in einer Gesellschaft des Weniger - Softcover

Gensichen, Hans P

 
9783880951921: Armut wird uns retten: Geteilter Wohlstand in einer Gesellschaft des Weniger

Inhaltsangabe

Der Wachstumswahn stößt an Grenzen. Die von ihm ausgelöste tief gehende Finanz- und Wirtschaftskrise mit all ihren Folgen wird die Zukunft bestimmen. Ein 'Weiter so' verkünden die Unbelehrbaren. Doch die Wachstumsgesellschaft geht unaufhaltsam ihrem Ende entgegen. Der Kapitalismus stellt sich selbst infrage. Aus dem Sieger wird der Verlierer. Hoffnung kommt auf. Jede Krise hat ihre Chancen. Am Rande der gegenwärtigen Wachstumsgesellschaft, an Orten der Ausweglosigkeit entsteht aus dem 'weniger Haben' eine neue Zivilisation, eine Praxis des Überlebens. Ansätze der Befreiung aus dem scheiternden System werden erkennbar. Dort, am Rande, wird bescheidene Nachhaltigkeit gelebt, zukunftsfähig in Zufriedenheit. Von dieser Erkenntnis sollten sich die Regierenden leiten lassen. Weltweiter Wohlstand ist gestaltbar: Auskömmlich, sozial und ökologisch tragbar. Das heißt: In Westeuropa durch einen 'niedrigeren' Standard zugunsten der nichtprivilegierten Länder. Für eine solche Zukunft sollten sich die Christen und ihre Kirchen vorbildhaft einsetzen. Mit einer Theologie und Praxis der Befreiung, die diesen Namen verdient.

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Über die Autorin bzw. den Autor

Hans-Peter Gensichen ist 1943 in Pritzwalk (Land Brandenburg) geboren. Mit 16 Jahren versuchte er Kirchenmusik zu studieren, wurde aber im zweiten Anlauf evangelischer Theologe. Nach dem Studium in Ostberlin wurde er in Halle (Saale) 1978 zum Dr. theol. promoviert. Gensichen ging in die Lutherstadt Wittenberg, zuerst als Vikar an der Stadtkirche, dann als Prediger an der Schlosskirche und seit 1978 als Leiter des Kirchlichen Forschungsheimes, einer Stätte des Dialogs zwischen Theologie und Naturwissenschaften. In seiner Zeit machte Gensichen das Institut zum intellektuellen Zentrum der kritischen Umweltbewegung in der DDR. Hans-Peter und Verena Gensichen, seit 1968 verheiratet, haben drei Kinder, die in Rostock, Leipzig und Tübingen leben. Seit 2002 im Ruhestand realisierte Gensichen mehrere Buchprojekte, zuerst die Umweltethik 'tun-lassen' (Halle a. d. Saale 2003), dann mehrere Aufsätze über die Geschichte der kirchlichen Umweltbewegung in der DDR, 2005 dann den Zukunftsroman 'Uckermark' (im Eigenverlag). 2009 kam eine überarbeitete Version dieses Romans im PS-Verlag Eberswalde heraus (siehe www.zukunft-uckermark.de oder www.uckermark.zukunftsroman.de). Das Ehepaar Gensichen zog Anfang 2007 nach Tübingen. Dort arbeiten beide in der Kirchengemeinde, im Weltladen und im Umweltteam. Es gibt viel Freude an den Enkelkindern – und auch neue Buchprojekte.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

1. Eine Befreiungstheologie für den Nordwesten Am Beginn dieses Buches steht ein Zitat des Jesuiten Ignacio Ellacuría. Etwas ausführlicher – und in deutscher Übersetzung – lautet es: 'Die Zivilisation der Armut … macht die universale Befriedigung der Grundbedürfnisse zum Prinzip der Entwicklung und das Wachstum der gemeinsamen Solidarität zur Grundlage der Humanisierung.' Also einen in Nord und Süd etwa gleich hohen Entwicklungs- und Lebensstandard. Ellacuría, ein führender Befreiungstheologe, hat das 1989 geschrieben, kurz vor seiner Ermordung durch Soldaten, die in den Wohntrakt der von ihm geleiteten zentralamerikanischen Jesuiten-Universität in San Salvador eingedrungen waren. Der zitierte Satz ist eine hohe und gerechte Forderung, die man für essenziell halten muss, der man sich aber auch – wie jedem moralischen Imperativ – entziehen kann. Im Norden der Welt und in der Situation, in welcher wir uns 2009/2010 gerade befinden, mithin auch in dem hier vorgelegten Buch, verstehe ich Ellacuría etwas anders: 'Wir geraten de facto und unwillentlich in eine Zivilisation der Armut. Wir nähern uns im Nordwesten südamerikanischen Verhältnissen. (Ulrich Beck hat 1999 von der 'Brasilianisierung des Westens' und 2005 von der 'Gesellschaft des Weniger' gesprochen, zu der Deutschland sich zwangsläufig entwickele.) Dieser Entwicklung können wir uns nicht entziehen – nicht so, wie man sich einem moralischen Imperativ eben entziehen könnte. Angesichts dessen sollten wir die Befriedigung der Grundbedürfnisse anstreben und gut organisieren. Mehr sollten wir nüchternerweise nicht wollen. Insofern werden wir zu dem von Ellacuría geforderten Wachstum der gemeinsamen Solidarität geradezu genötigt. Mit diesem Wachstum – nur mit ihm – wird uns der Weg ins Weniger gelingen.' So übersetze ich den Gedanken von Ellacuría in die Situation des immer noch um so viel reicheren Nordwestens der Welt. Ein bekannter Gedanke wie der folgende kommt daher in diesem Buch nicht mehr vor: 'Da wir im Norden Wohlstandsgewinn haben vom Wirtschaftswachstum, sollten/wollen wir davon freiwillig und aus Überzeugung anderen, der Natur und den Ärmsten im armen Süden etwas abgeben und selbst auf etliches verzichten.' Sondern ich sage: Darum geht es nicht mehr. Wir haben keinen Wohlstandsgewinn vom Wirtschaftswachstum mehr – und nur noch wenig Spielraum für Freiwilligkeit. Es geht um ein alternativloses Verzichten-Müssen. Auch ein anderer oft gehörter Satz wird in diesem Buch umformuliert: Man müsse 'die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen bringen' (Antonio Gramsci). In den versteinerten 1980er-Jahren ist er in Westdeutschland häufig und sinnvoll verwendet worden. Heute würde ich ihn so umsprechen: Die ehemals versteinerten Verhältnisse sind total ins Taumeln und Kippen geraten und bringen uns ins Taumeln und Kippen. Da kommt es darauf an, dass wir aus dem Taumeln ein Tanzen machen, um nicht ganz abzurutschen. Wir müssen – müssen! – die neue Bewegung, die uns gar keinen Spaß macht, aufnehmen und mit Mühe und neuen Ideen in ein Tanzen verwandeln, das uns schließlich in ein neues Gleichgewicht bringt. Wenn das so ist, hätte ich auf den folgenden Seiten viel schreiben können über das Taumeln und Kippen und Abrutschen in der Mittelschicht: über deren schon absehbare schwere Verluste, über das Herausfallen aus ihr oder den Kampf, wenn man in ihr bleiben oder in sie zurückkehren will. Was da an privaten und betrieblichen Insolvenzen, an Scham, Depression, Neid, Entzugserscheinungen, Orientierungsverlust auf die Mittelschichtler – und gerade auf die jüngeren – zukommt, belastet schwer. Aber dieses Buch konzentriert sich auf etwas anderes, quasi auf die Situation danach. Auf den größer und größer werdenden Rand der Gesellschaft – und dort auf die neuen Ideen, die Neuanfänge, die schwer erfunden und erkämpft werden müssen, die aber auch glücken können. Speziell interessieren mich neue Koalitionen 'zwischen A und B' an der Peripherie: zwischen den Armen, die nicht aufgeben / den Ausgemusterten, die aktiv bleiben einerseits und den experimentierfreudigen Bildungsbürgern / den bewussten Umweltschützern andererseits. Wenn die sich an den Rändern der Gesellschaft treffen und finden und kooperieren, kann da die civilisación de la pobreza, die Ignacio Ellacuría meint, die Gesellschaft des Weniger, von der Ulrich Beck spricht, gestaltet, ja: neu erfunden werden. Da, am Horizont. Das ist die Grundthese dieses Buches. Ein kurzer Überblick – länger als das Inhaltsverzeichnis – nimmt in zwölf Thesen vorweg, was die Leserin, den Leser erwartet: 1. In Westeuropa, der Region des Mehr, entsteht gerade eine Gesellschaft des Weniger. Wir leben in Schrumpfung und Rückgang. Und das schon seit Jahren – und auf vielen Ebenen gleichzeitig. 2. Mit dem Ende der Wachstumsgesellschaft ist der Absturz des Kapitalismus verbunden. Dieser wird nicht von Kapitalismusgegnern willentlich gestürzt. Aber alle Menschen und die ganze Erde leiden darunter. Das kann kein Grund für Begeisterung sein. 3. Wachstumsdenken und Kapitalismus haben eine Religion, sind eine große Religion: 'Schneller – höher – weiter – und das für immer.' Nun enden beide gemeinsam. 4. In einer Theorie und Praxis der Befreiung kann das Desaster aufgehoben werden, in welches a) das vielfältige Schrumpfen sowie b) das Scheitern des Kapitalismus uns stoßen. Die hier vorgestellte Theorie ist eine Theologie. 5. Der Weg und das Ergebnis dieser Befreiung heißt: Zukunftsfähigkeit (sustainability) und Zufriedenheit jenseits von Wachstumssehnsucht und Wachstumsglück. Ich nenne sie auch 'arme Nachhaltigkeit'. 6. An den Orten der Ausweglosigkeit, dort, wo die Situation des Weniger am krassesten ist, entsteht sie schon: eine neue Zivilisation am Rand der schrumpfenden Wachstumsgesellschaft. 7. Ebendort, in der sozialen Brache, an den äußersten Rändern der alten Gesellschaft, erscheint der Gott von Jesus Christus. Dort, nicht in der Mitte, ist er wie immer zu finden. 8. Die Regierenden beschwören noch immer 'Wachstum und Verantwortung'. Sie müssten aber für 'Schrumpfung plus Vernunft' eintreten. 9. Ein Absinken in die Totalität der Armut darf es nicht geben und muss es auch nicht geben. Ein innovatives Instrument gegen ein solches Absinken ist ein bedingungsloses Grundeinkommen für jede und jeden. 10. Ein gemeinsamer Wohlstand von Süd und Nord ist in Zeiten der Globalisierung gar nicht vermeidbar. Und er ist auch gestaltbar: auskömmlich, karg und ökologisch tragbar. So wird er global gerecht – und für Westeuropa viel niedriger als jetzt. 11. Ohne ein programmatisches Lernen vom armen Süden wird der reiche Nordwesten auf dem Weg in diesen neuen gemeinsamen globalen Wohlstand kaputtgehen. Als Plattform für dieses Lernen vom Süden können die Kirchen dienen. Keiner hat so viele und so fundierte Erfahrungen in der Entwicklungshilfe wie auch im karitativen Handeln. Keiner kennt wie sie die Bibel, wo Armut = ArmSeligkeit = Seligkeit genannt wird. 12. Was ohnehin gerade im Kommen ist, erleiden wir entweder als Desaster – oder wir akzeptieren, moderieren und meistern es. So heben wir das Desaster auf. Das ist eine Art von Befreiung. In einer Befreiungstheologie zeigt sich dann die Befreiung durch Christus als Notfallseelsorge nach dem Entzug der Dopingmittel der sterbenden Wachstumsreligion.

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