Kriegsende und Befreiung (Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland) - Softcover

 
9783861082668: Kriegsende und Befreiung (Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland)

Inhaltsangabe

Aus dem Editorial: Über fünf Jahrzehnte sind vergangen, seit die Streitkräfte der Anti-Hitler-Koalition die Vorherrschaft der Nationalsozialisten in Europa brachen, Land um Land von der Deutschen Besatzung befreiten, das Mordregiment der SS beendeten und die Lagertore von Auschwitz, Buchenwald und Dachau öffneten. Die Bilder von der Befreiung Bergen-Belsens - Leichenberge und Massensterben, Überlebende, die ihre Befreiung nicht zu begreifen schienen und zutiefst erschütterte britische Soldaten - gingen um die Welt. Berichte ehemaliger Häftlinge, Filme und literarische Auseinandersetzung folgten. (.) Der zweite Band der 'Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland' enthält zum Schwerpunkt 'Kriegsende und Befreiung' Untersuchungen über die häufig mit dem problematischen, sinnentstellenden Begriff Evakuierung bezeichneten Räumung der Konzentrationslager, über Todesmärsche und Mordverbrechen der Endphase, über die Befreiung durch die alliierten Truppen und die Lebenssituation der 'Displaced Persons' in den Nachkriegsjahren.

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Kriegsende und Befreiung - Beiträge, Heft 2 Editorial

50. Jahrestag der Befreiung:

Neue Qualität in der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit oder Schlußstrich-Inszenierungen auf hohem Niveau?

Fünf Jahrzehnte sind vergangen, seit die Streitkräfte der Anti-Hitler-Koalition die Vorherrschaft der Nationalsozialisten in Europa brachen, Land um Land von deutscher Besatzung befreiten, das Mordregiment der SS beendeten und die Lagertore von Auschwitz, Buchenwald und Dachau öffneten. Die Bilder von der Befreiung Bergen-Belsens Leichenberge und Massensterben, Überlebende, die ihre Befreiung nicht zu begreifen schienen und zutiefst erschütterte britische Soldaten - gingen um die Welt. Berichte ehemaliger Häftlinge, Filme und literarische Auseinandersetzungen folgten. In großen Teilen der internationalen Öffentlichkeit wurden die Verbrechen Hitlerdeutschlands, das KZ-System, vor allem der Massenmord an den Juden und die nationalsozialistische Kriegsführung als tiefe Einschnitte in die Menschheitsgeschichte verstanden, die Fragen nach den Ursachen und nach den Wegen zur Verhinderung einer Wiederholung hervorriefen. Die Gründung der Vereinten Nationen, die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse und die aliierten Nachkriegsplanungen waren von diesem Geist geprägt.

In Deutschland jedoch, das in der Not der ersten Nachkriegsjahre mit der Beseitigung der Kriegszerstörungen, der Aufnahme von Flüchtlingen und Vertriebenen und mit dem Wiederaufbau beschäftigt war, wollten viele die Berichte der KZ-Überlebenden nicht zur Kenntnis nehmen, erinnerten sie doch an eigene Schuld, an Unterlassungen oder stillschweigende Duldung des seit 1933 - von Anbeginn an -im »Dritten Reich« gegen Andersdenkende, gegen Regimegegner, gegen die jüdische Bevölkerung und seit Kriegsbeginn gegen Kriegsgefangene und ausländische Zwangsarbeiter vollzogenen Unrechts. Das eigene Kriegsleid wurde herausgestrichen, das von Deutschen anderen zugefügte Leid hingegen eher verdrängt. Der 8. Mai 1945 galt vielen als Tag des »Zusammenbruchs« und der »Katastrophe«. Von »Befreiung« sprachen meist nur die ehemals Verfolgten.

Die nach Kriegsende unter der Ägide der Besatzungsmächte einsetzenden Aufarbeitungsbemühungen, die zumeist auf Initiative KZ-Überlebender erfolgten Denkmalsetzungen und die auch in Deutschland zunächst in großer Zahl publizierten Erinnerungsberichte gerieten schon bald in Vergessenheit. In den fünfziger Jahren war die Erinnerung an die Opfer des NS-Regimes gesellschaftlich nicht gefragt. Statt dessen wurden vor allem Heimkehrer und Vertriebenendenkmale gesetzt. Zudem lieferten neue historische Ereignisse, wie die Blockade Berlins oder die deutsche Teilung, Anlässe zum öffentlichen Gedenken. Die Gemeinden brachten an den örtlichen Kriegerdenkmalen für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges zusätzliche Tafeln für die getöteten Wehrmachtsoldaten (in der Regel unter Einschluß der Namen von Waffen-SS-Angehörigen) an, an denen nicht selten Ansprachen gehalten wurden, die in der Verklärung des Soldatentodes im Zweiten Weltkrieg als »Pflichterfüllung für das Vaterland« Erinnerungen an Heldengedenktagsfeiern vergangener Tage weckten.

An den seit 1952 jährlich am Sonntag vor Totensonntag durchgeführten »Volkstrauertagen« blieben die Totenehrungen oft unbestimmt, so, daß sie in gleicher Weise jenen galten, die sterben mußten, weil sie der Sache des Nationalsozialismus im Wege standen, wie denen, die im Glaube an diese Sache und für sie starben. Die seinerzeit auf Gedenksteinen beliebte Inschrift »Den Opfern« erlaubte es, die Unterschiede zwischen den durchaus auf verschiedene Weise von Tod und Gewalt Betroffenen zu nivellieren. Tatumstände und Täter blieben ungenannt, der Krieg erschien als Schicksalsmacht.

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