1837 publizierte Heinrich Laube 'Eine Fahrt nach Pommern' in den Neuen Reisenovellen. Die Reise führte den Autor über Stettin und Swinemünde auf die Insel Rügen, die er ausgiebig besichtigte. Die stilistische Eigenart des Textes - geistvoll, witzig und anspielungsreich - macht Laubes Reisebeschreibung noch heute zu einer vergnüglichen Lektüre. Der Text folgt in Gestalt, Orthographie und Interpunktion dem Original, wurde aber, um der besseren Lesbarkeit Willen, neu gesetzt. Michael Huesmann (Hrsg.) erklärt seltene oder veraltete Ausdrücke und erläutert Personen, Werke und Bezüge des Laubeschen Textes. Eine biographische Miniatur skizziert Leben und Werk Heinrich Laubes, 20 zeitgenössische Abbildungen ergänzen den bibliophilen Band.
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1. Bis Stettin
Der Kondukteur war ein dicker, leidenschaftsloser Mann, der ein wenig schwer hörte. Ich saß dicht neben ihm, und die vorfallenden Rippenstöße wurden keines Wortes gewürdigt. Solch eine abgehärtete Reisegleichgültigkeit, ich möchte sagen: diese Objektivität der Post ist Leuten sogar sehr angenehm, die viel gereis t sind, jedenfalls angenehmer als die Süßlichkeit einer sorglichen Teilnahme, deren Ursprung selten anderswo als in ausgewaschener Manier oder in Hoffnung auf ein Trinkgeld zu suchen ist. Die meisten Damen denken anders darüber, sie wünschen Sympathie quand même, Sympathie um jeden Preis.
Es war Abend und dunkelte schon, als wir aus Berlin heraus kamen, und ein witzloser Spaßvogel, der mit uns im Kabriolet saß, fragte den Kondukteur, ob wir auch in Pommern sicher wären. Da er den schlechten Spaß wegen Harthörigkeit des Empfängers wiederholen musste, so wurde er noch schlechter, denn Scherz und Witz sind wie weiße Wäsche, sie könne nur einmal auftreten. Der Kondukteur hob blos die Hand und sagte oh! Man kann auch den Pommern eher alles Andere zutrauen, als Spitzbüberei, dafür sind sie zu einfach. Wir waren auch noch lange nicht in Pommern, und hatten gar keine Aussicht des Nachts hinzukommen. Der Kondukteur nahm aber hiervon Gelegenheit, das Wort zu ergreifen, und ein für allemal zu sprechen. Früher nämlich habe er den Cours von Koblenz nach Gießen gemacht, und da habe wohl so etwas passieren können, da sei der Kondukteur seines Lebens nicht sicher gewesen. Es muß vorausgeschickt werden, daß er Kondukteur und Man und Ich für gleich bedeutend hielt und er sich streng in den absoluten Begriff eines Kondukteurs hineingereis t. Was also irgend einem Kondukteur in der Welt begegnet war, das erzählte er in der ersten Person. [...]
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