Wildlinge sind Mémé, Frantz und Kamel, drei Jugendliche in dem Alter, in dem sich die Weichen für das weitere Leben stellen. Die bedrückende Welt, in die sie hineingeboren wurden, liegt im französischen Norden, nahe der belgischen Grenze – und könnte doch überall sein: Schule, exzessive Samstagabende, an denen die sexuellen Begierden sich Auslauf verschaffen. Fußball und Alkohol, Arbeitslosigkeit und Langeweile – nichts Aufsehenerregendes. Wäre Benjamin Berton nicht ein so begnadeter Beobachter der Riten der Pubertät.
Mémé stammt wie seine Freunde aus armen Verhältnissen, die verwitwete Mutter verbringt depressiv die Tage am Telefon und vor dem Fernseher, ihr Sohn fühlt sich als Erstgeborener für die Familie verantwortlich. Aber – er hat Träume. Er liebt die Fische und die Fischzucht.
Benjamin Bertons erster Roman „Wildlinge" webt mit Porträts aus einer Provinz ein beeindruckendes Gesellschaftsbild von großer visueller, poetischer und moralischer Kraft. Lebendig, ja zärtlich und in einer bildreichen und brillanten Sprache voll Witz und Ironie zeichnet Benjamin Berton in dramatischen Episoden mit großer Begabung fürs Szenische seine oft rührenden Figuren.
Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
Benjamin Berton, geboren 1974 im französischen Valenciennes, studierte Geschichte und Politische Wissenschaft. Heute lebt er in Le Mans und arbeitet in Paris für die Sécurité Sociale. "Wildlinge", sein erster Roman, erschien in Frankreich im Jahr 2000 und wurde mit dem Goncourt du Premier Roman ausgezeichnet. Es folgten die Romane "Classe affaires" (2001) und "Pirates" (2004)
Kamel schlug vor, sie könnten zur Umgehungsstraße radeln. Die anderen fanden das okay, und es war auch noch nicht zu spät dafür. Hast du Katzen? Ja. Ich besorge Tücher. Treffen in einer Viertelstunde. Sie trennten sich, jeder rannte wie verrückt nach Hause. Kamel war häufig der Ideengeber. Darum war er auch der Kapitän ihrer Fußballmannschaft und der Spielführer. Mémé drückte die Haustür auf und flitzte direkt in den Schuppen. Er sammelte ein paar alte Lappen zusammen und riss sie in Streifen. Seine Mutter sah telefonierend fern. Er stopfte die Lappen in eine Tüte und ging wieder durchs Esszimmer, diesmal mit seinem Fahrrad. Ich fahr zum Weiher. Natürlich fuhr er nicht zum Weiher, aber dass er zur Umgehungsstraße fuhr, konnte er auf gar keinen Fall sagen. Er stibitzte ein paar Erdnüsse von einem Teller neben dem Fernseher und verschwand türenschlagend. Seine Mutter sprach schon wieder ins Telefon. Mémé wunderte sich, wieviel sie am Apparat hing und mit wem sie wohl sprach die ganze Zeit. Seit dem Tod seines Vaters hatte sie niemals Besuch und redete immer mit angeblichen Freundinnen, die aber nie zu ihr kamen. Vielleicht war seine Mutter ja verrückt geworden und redete mit überhaupt niemandem. Er nahm eine Abkürzung, den Weg hinterm Zahnarzt durch, so matschig der war, und traf als erster ein. Fast wäre ihm die Tüte mit den Lappen zwischen die Speichen geraten und hätte ihn zu Fall gebracht. Ein paar Minuten später tauchte Frantz auf, der etwas weiter weg wohnte. Er rammte Mémés Fahhrad mit seinem Vorderreifen. Frantz´ Rad war ein schrottreifes Wrack. Ein altes Damenfahrrad mit Schonern überm Hinterrad, die die Hose vor Schlammspritzern schützte, aber an den Speichen scheuerte und die Fahrt bremste. Der Vorderreifen war halb platt und wölbte sich auf der Fahrbahn wie eine wulstige Lippe. Kamel brauchte geschlagene zehn Minuten. Als sie ihn oben vom Hügel runterflitzen sahen, schwangen die beiden anderen sich in den Sattel und radelten los, um keine Zeit zu verlieren. Kamel, der seinen Roller immer noch nicht zurückgeholt hatte, hatte mit Expandern einen weißen Weidenkorb auf den Gepäckträger geschnallt. Der Korb hielt, schwankte aber bedenklich. Der Junge lenkte mit einer Hand, mit der anderen sicherte er den Korb. Hast du welche? Kamel nickte, ja, zwei. Eine junge und eine normale. Mémé hob seine Tüte, zum Zeichen, dass er an die Binden gedacht hatte. Neben dem Schlackenförderband des Kraftwerks, das kaum noch jeden zweiten Tag lief, vertrieben sie sich die Zeit am liebsten an der Umgehungsstraße. Aber sie brauchten Katzen für das Spiel. Es fing an zu nieseln. Der Himmel war hellgrau, die Sonne kaum mal zu sehen. Dafür war es deutlich weniger kalt als letzte Woche, man brauchte nicht mal mehr Schal und Handschuhe. Der Wind schob sie von hinten an, bald kam die Landstraße in Sicht. Die Umgehung war vor gerade drei Jahren eröffnet worden, nach jahrelangen Bauarbeiten. Sie war nur dreispurig, aber unter der Woche floss hier zwischen Valenciennes und Douai beeindruckend viel Verkehr durch. Sie durchschnitt große Stücke der Landschaft, quer über die Gräben, immer geradeaus, senkrecht zu den Ackerfurchen. Beim Dorf umrundete sie das ehemalige Kloster, in dem heute der Boule- und der Jugendclub saßen, und erreichte dann den großen Kreisverkehr. Dahinter wurde sie zu einer mehrere hundert Meter langen Metallbrücke über das Eisenbahndepot hinweg und verließ schließlich das Gemeindegebiet. Die drei Räder fuhren bis zum Kreisverkehr über die alte Straße; über die Gleise hinweg veranstalteten sie ein Hindernisrennen. Am Rangierbahnhof wurde kaum mehr rangiert, höchstens noch ein paar Autotransporter für das Renault-Werk. Die meisten Gleise waren schon demontiert. Viele Schienen fehlten, manche lagerten unter Geröll und Brennnesseln, dem Rost und den Hasen überlassen. Zu beiden Seiten der streng parallel angeordneten Gleisanlagen, zwanzig oder dreißig an der Zahl, ragten riesige, wie Wassertürme anmutende Rundbauten empor, daneben ein Ensemble von Büros und anderen Anlagen, und wachten über die Weichen. Der TGV benutzte eine dieser Strecken, hielt aber nicht und fuhr hier auch nur mit der Geschwindigkeit eines normalen Zugs. Kamel musste stehen bleiben, um den Korb zurechtzurücken. Die beiden anderen warteten erst jenseits des Betriebshofs, kurz vor der Asphaltstraße. Über sich konnten sie die Brücke sehen, zwischen deren Beinen die übers Wochenende stillgelegten Güterzüge warteten. Stahlträger und Metallstränge ragten aus dem Brückenkörper. Gerüste an den Hauptpfeilern ließen erkennen, dass Bauarbeiten im Gange waren. Solche Brücken werden ununterbrochen repariert, aus Sicherheitsgründen. Die Brücke war von fragwürdiger Schönheit, die Lokalpolitik hatte die Möglichkeit eines Tunnels erwogen. Und sich dann für die Brücke entschieden. Die Räder bahnten sich einen gut fahrbaren Weg durch die Felder, trotz des feinen Regens, der jetzt von vorn auf die Gesichter traf. Von diesem Geniesel wurde man eigentlich nicht nass, nur Frantz mit seinem lahmen Rad und den platten Reifen hatte Mühe mitzuhalten. Er maulte aber nicht. Noch eine Linkskurve, dann trafen sie etwas weiter hinten wieder auf die Umgehungsstraße, über einen Pfad, der von der alten Straße abzweigte. Jetzt noch an einem überall löchrigen Gitter entlang, das zwei unsichtbare Dinge voneinander trennte, und sie befanden sich unter dicht belaubten Bäumen fünf Meter von der dreispurigen Straße entfernt. Hier war das ideale Versteck. Die Straße stieg leicht an, umhüllt von der Vegetation, die sie durchschnitt, das Gefälle sorgte dafür, dass der Standort der drei Jungs nicht einsehbar war. Sie lehnten die Räder ans Gesträuch und ruhten sich einen Moment aus, beobachteten schräg an die Leitplanke gekauert den Verkehr. Kamel zog den Korb heran und fragte, welche schicken wir als erste los? Die junge? Ja, stimmt, besser, sie fingen mit der jungen an. Mémé leerte seine Tüte ins Gras und breitete die mitgebrachten Stoffbahnen aus. Frantz wählte eine, die lang und breit genug war, um als Binde zu dienen. Da die Katze noch jung war, beschlossen sie, ihr nicht de Beine zu fesseln. Kamel öffnete den Korb auf einer Seite und nahm das Kätzchen in den Arm. Die anderen lächelten schon und wollten das Tierchen streicheln. Die kleine graue Katze machte ein paar schwankende Schritte im Gras und führte ein paar Pfotenhiebe in die Luft, als Rache für den unbequemen Transport. Dann wollte das Kätzchen wegrennen. Mémé fing es ohne weiteres ein und gab es Frantz, der ihm die Augen verband, mehrmals um den Kopf und mit einem doppelten Knoten, so dass sich das Tier seine Augen nicht mal mit den Krallen freimachen konnte. Dann setzte Frantz es ins Gras und sie sahen zu, wie es blind lostapste. Seine dicken, doch so kleinen Pfoten fuchtelten in der Luft herum, um sich zu befreien, aber als sie feststellten, dass es nicht ging, tasteten sie sich vorsichtig vor. Die Ohren waren gespitzt, um für jede Eventualität gewappnet zu sein und den fehlenden Sinn möglichst auszugleichen. Kamel griff das Kätzchen und setzte es auf die andere Seite der Leitplanke. Gerade fuhren mehrere Wagen vorbei, und das Tier wurde von dem Luftzug beiseite gefegt. Blind wie ein Maulwurf bewegte es seine bezaubernde Gestalt auf die andere Straßenseite zu. Es stolperte über die Fahrbahn, unschuldig, unwissend, dass es eines seiner neun Leben riskierte. Die Ellbogen auf die Leitplanke gestützt, verfolgten die Jungs aufmerksam und amüsiert seinen Weg. Ein Wagen verfehlte es um Haaresbreite. Ein anderer machte mit hundert Sachen einen jähen Schlenker, um ihm auszuweichen, federte in seinen Stoßdämpfern und geriet ohne Probleme wieder in die Spur. Das Kätzchen tapste unverdrossen weiter. Manchmal hielt es an, rieb sich die Augen und versuchte, die allzu enge Binde loszuwerden. Als es zwei Drittel geschafft hatte, wurde es überfahren. Die drei Jungs schlossen angewidert die Augen, aber das Kätzchen tauchte wieder auf, die Räder hatten es nicht erwischt. Schließlich...
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