Plattform - Hardcover

Houellebecq, Michel

 
9783832156305: Plattform

Inhaltsangabe

"Plattform" protokolliert erbarmungslos ein Leben: Tristesse, Liebesglück und tragischen Tod. Der Erzähler Michel ist Beamter im Kultusministerium. Vierzig, farblos, frustriert und nach Dienstschluss einsamer Peep-Show-Erotomane und Experte im TV-Zappen. Die Urlaubspauschalreise ins Traumland Thailand verspricht diesem "ziemlich mittelmäßigen Individuum" paradiesisches Glück und Erlösung: Sexgenuss mit Asiatinnen. Die Mitreisende Valerie, eine erfolgreiche Managerin in der Tourismusindustrie, lernt er erst nach der Rückkehr ins lieblose Paris wirklich kennen - und mit ihr ein tiefes menschliches Glück voller Obsessionen, und ohne Bezahlung.
Zusammen erfinden Valerie und Michel ein rettendes Programm für die Reisebranche, die Plattform zum Glück: Wenn mehrere hundert Millionen alles haben, bloß kein sexuelles Glück, und mehrere Milliarden nichts haben als ihren Körper, dann ist das "eine Situation des idealen Tauschs". Michel und Valerie wollen die ver lorene Liebesfähigkeit des Westens in neuartigen Ferienclubs organisieren. Aber das gemeinsame Glück, nach dem Houellebecqs Erzähler Michel verzweifelt sucht, wird bei einem terroristischen Anschlag in Thailand von Islamisten zerstört.

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Über die Autorin bzw. den Autor

Michel Houellebecq wurde 1958 in La Réunion geboren und lebt in Irland. Von ihm sind 1999 auf Deutsch die Romane "Ausweitung der Kampfzone" und bei DuMont "Elementarteilchen" erschienen. Zuletzt veröffentlichte DuMont die Essays "Die Welt als Supermarkt. Interventionen" (1999), die Gedichtbände "Suche nach Glück" (2000), "Der Sinn des Kampfes" (2001) und "Wiedergeburt" (2001) sowie die Erzählung "Lanzarote" (2000). Der von Thomas Steinfeld herausgegebene Band "Das Phänomen Houellebecq" (2001) beleuchtet die Diskussionen, die Houellebecqs Werk weltweit ausgelöst hat.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.


Ich hatte Marie-Jeanne über den Trauerfall unterrichtet; sie empfing mich voller Mitgefühl und legte mir sogar die Hand auf die Schulter. Mein Urlaubsgesuch kam ihr völlig normal vor. »Du mußt einfach mal Bilanz ziehen, Michel«, erachtete sie, »dich wieder dir selbst zuwenden.« Ich versuchte, mir die vorgeschlagene Bewegung bildlich vorzustellen und schloß daraus, daß sie zweifellos recht hatte. »Cécilia kann die Budgetkosten an deiner Stelle fertig machen«, fuhr sie fort, »ich spreche mit ihr darüber.« Worauf spielte sie eigentlich an, und wer war diese Cécilia? Ich blickte mich um und entdeckte den Entwurf für ein Plakat, und dann fiel es mir wieder ein. Cécilia war eine dicke rothaarige junge Frau, die ständig Cadbury-Riegel aß und seit zwei Monaten in der Abteilung arbeitete: Sie hatte einen zeitlich befristeten Vertrag oder eine ABM-Stelle, kurz gesagt, sie war jemand, der ziemlich belanglos war. Und tatsächlich, kurz vor dem Tod meines Vaters hatte ich an den Budgetkosten für die Ausstellung »Hände hoch, ihr Schlingel!« gearbeitet, die im Januar in Bourg-la-Reine eröffnet werden sollte. Es handelte sich um Fotos vom brutalen Vorgehen der Polizei im Departement Les Yvelines, die mit dem Teleobjektiv aufgenommen worden waren; das Ganze war aber nicht als Dokumentation aufgezogen, sondern eher als Theatralisierungsprozeß des Raums, begleitet von kleinen Anspielungen auf verschiedene Krimiserien, die das Los Angeles Police Department als Rahmen hatten. Der Künstler hatte einen humorvollen statt des zu erwartenden gesellschaftskritischen Ansatzes privilegiert. Kurz gesagt, ein interessantes Projekt, das weder zu teuer noch zu komplex war; selbst eine Nulpe wie Cécilia war fähig, die Sollkostenrechnung dafür durchzuführen.

Wenn ich aus dem Büro kam, sah ich mir im allgemeinen erst mal eine Peep-Show an. Das kostete fünfzig Franc oder manchmal siebzig, wenn die Ejakulation auf sich warten ließ. Der Anblick von sich bewegenden Mösen brachte mich auf andere Gedanken. Die widersprüchlichen Tendenzen der zeitgenössischen Videokunst, das Gleichgewicht zwischen Erhaltung des Kulturguts und Unterstützung des lebendigen Kunstschaffens ... all das verschwand schnell vor der einfachen Magie sich bewegender Mösen. Ich entleerte gemächlich meine Hoden. Zur gleichen Zeit stopfte sich Cécilia in einer Konditorei in der Nähe des Ministeriums mit Schokoladenkuchen voll; unsere Motivation war in etwa die gleiche.
Nur ganz selten nahm ich mir eine Privatkabine für fünfhundert Franc; und zwar nur dann, wenn mein Pimmel nicht auf der Höhe war, wenn ich den Eindruck hatte, daß er einem kleinen anspruchsvollen, nutzlosen Fortsatz ähnelte, der nach Käse roch; dann war es mir ein Bedürfnis, daß ihn eine Frau in die Hand nahm und über die kraftstrotzende Steifheit des Glieds und seinen Samenreichtum in Ekstase geriet, auch wenn die nur geheuchelt war. Wie dem auch sei, ich war vor halb acht wieder zu Hause. Ich begann mit der Sendung »Fragen an einen Champion«, die ich auf meinem Videorecorder mit Hilfe der Vorprogrammierung aufgenommen hatte; dann folgten die Nachrichten. Die Krise des Rinderwahns interessierte mich nicht sonderlich, ich ernährte mich hauptsächlich von Kartoffelpüree mit Käse aus der Tüte. Dann ging der Abend weiter. Ich war nicht unglücklich, ich hatte hundertachtundzwanzig Kanäle. Gegen zwei Uhr morgens beendete ich den Abend mit türkischen Musikkomödien.
So verliefen ein paar Abende ziemlich friedlich.

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