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Wie ein Loch im Kopf: Mein Tumortagebuch - Hardcover

Noble, Ivan

 
9783822506745: Wie ein Loch im Kopf: Mein Tumortagebuch

Inhaltsangabe

Im August 2002 wurde Ivan Nobles Leben vollkommen auf den Kopf gestellt. Von einem Tag auf den anderen war er nicht mehr der Wissenschaftsjournalist der BBC-Website in London, der glückliche 35jährige, der sich auf die Geburt seines ersten Kindes freute, sondern ein todkranker Mann mit einem aggressiven Hirntumor. Sein Online-Tagebuch gehört zu den meistgelesenen im Internet. Hunderttausende verfolgten den beeindruckenden Überlebenskampf eines Mannes, der sich nie hat unterkriegen lassen. Noble gelingt das Unmögliche: sich trotz aller Verzweiflung nie der Angst hinzugeben und immer das vor Augen zu haben, was wirklich zählt: die Hochzeit mit seiner Freundin, die Geburt seiner beiden Kinder und eine Million kleiner Dinge. Indem Noble sie mit seinem einzigartigen schwarzen Humor beschreibt, lehrt er uns den Wert der eigenen Existenz.

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

Ivan Noble war Wissenschaftsjournalist in der online-Redaktion der BBC in London. Er starb in der Nacht vom 31. Januar auf 1. Februar 2005 im Alter von 37 Jahren an einem besonders aggressiven Hirntumor. Er hinterläßt seine deutsche Frau und zwei kleine Kinder – außerdem seine Aufzeichnungen, die er seit der Diagnose im Sommer 2002 auf der BBC-Website veröffentlicht hat.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Vorwort

Im September 2002 begann Ivan Noble, dieses Tagebuch zu schreiben. Es wurde dem Fortgang seiner Behandlung entsprechend in wöchentlichem, vierzehntägigem oder monatlichem Rhythmus auf der Website der BBC News (bbc.co.uk/news) veröffentlicht. Es ist hier weitgehend in seiner ursprünglichen Form abgedruckt. Die meisten Kapitel enden mit einer kleinen Auswahl aus den Tausenden von E-Mails, die von Leserinnen und Lesern des Tagebuchs an die Website geschickt wurden; ihr Abdruck wurde ausnahmslos von allen Absendern genehmigt. Die vier in das Tagebuch eingestreuten Betrachtungen wurden nachträglich von Leserinnen und Lesern geschrieben, die den Umgang mit Krebs aus ihrer ganz eigenen Perspektive sehen. Die BBC kam mit Ivan überein, daß die gesamten Tantiemen aus diesem Buch an eine Organisation seiner Wahl, Médecins Sans Frontières UK, gehen sollen.

Ein Neuanfang

Donnerstag, 12. September 2002
Mein Leben und das meiner Familie ist gerade völlig auf den Kopf gestellt worden.
Letzten Monat war ich noch ein gesunder junger Mann Mitte Dreißig; ich freute mich darauf, Teilzeit zu arbeiten, mich um unsere kleine Tochter zu kümmern und Pläne für das kommende Jahr zu schmieden. Und dann habe ich erfahren, daß ich einen schnell wachsenden Tumor im Gehirn habe. Zwischen den Zeilen habe ich herausgehört, daß ein älterer Mann bei so etwas kaum eine Chance auf Heilung hat. Mit Jugend, Entschlossenheit und einer Menge Unterstützung an meiner Seite habe ich die Absicht, es besser zu machen.
Es begann mit einer Woche zunehmend lästiger Kopfschmerzen, die frühmorgens so schlimm waren, daß ich davon wach wurde; im Lauf des Vormittags klangen sie allmählich ab, kehrten jedoch am Abend zurück und machten mich schläfrig. Bis zum Wochenende waren sie so stark geworden, daß mir schlecht davon wurde, und ich ging zu meinem Hausarzt, der mich in die Notaufnahme der örtlichen Klinik schickte, wo man sich beeindruckend schnell um mich kümmerte.
Schon nach wenigen Stunden hatte ich ein CT (Computertomogramm) von meinem Kopf, und das war der Moment, als ein charmanter junger Arzt mir sagte, sie hätten »etwas Interessantes« gefunden. Und ich Idiot fühlte mich auch noch geschmeichelt.
In meinem Alter seien Hirntumoren selten, sagte er, und es sei viel wahrscheinlicher, daß ich von einer erst kurz zurückliegenden Reportagereise nach Westafrika eine böse Infektion mitgebracht hätte. Diese Infektion habe sich vermutlich einen Weg zu meinem Kopf gebahnt und verursache jetzt dort eine Schwellung, die so schnell wie möglich behandelt werden müsse. Eine kleinere Gehirnoperation, eine Menge Antibiotika und Ruhe müßten die Sache eigentlich in Ordnung bringen.
An einem verlängerten Wochenende hatte das Klinikpersonal alle Mühe, ein Bett in einer neurochirurgischen Abteilung für mich zu finden. Doch schließlich gelang es ihnen, und nach einer kurzen Fahrt im Krankenwagen und ein paar bangen Stunden wurde ich um zwei Uhr morgens von einem gutgelaunten, vertrauenerweckenden Chirurgen operiert.
Um neun erhielt ich die Nachricht, die ich mir nicht gewünscht hatte. Es gab keinen Bazillus, keine Infektion, nur ein bißchen Flüssigkeit und etwas, was wie ein Tumor aussah. Es würde vier Tage dauern, um die kleine Gewebeprobe, die sie entnommen hatten, zu untersuchen.
Vier Tage später eröffnete mir ein etwas verlegener Arzt die Neuigkeit: »Gutartige Hirntumoren gibt es nicht«, sagte er, »und selbst wenn es sie gäbe, Ihrer wäre keiner.« Das sei aber noch nicht das Ende der Welt, fügte er hinzu.
Er überließ uns die Interpretation seiner Worte, und ich durfte nach Hause gehen.
Weniger als einen Tag nachdem ich in dem trostlosen »Schicksalszimmer« meine Diagnose gehört hatte, sprach ich mit einem Onkologen meine Behandlung durch. Er sagte mir genau das, was ich hören wollte: »Sie haben alles, wofür es sich zu kämpfen lohnt, und wir werden Ihren Tumor nach allen Regeln der Kunst fertigmachen.«
Der Schock war groß. Stundenlang lief ich umher, fing an, Tee zu kochen oder die Spülmaschine einzuräumen, und vergaß dann, was ich eigentlich hatte machen wollen. Ein paar Tage lang war die Angst lähmend. Oft wollte ich mich einfach nur hinlegen und schlafen. Aber mit der Zeit überwand ich die Angst. Gespräche mit Freunden, meiner Familie und allen, die bereit waren, mir zuzuhören, halfen mir dabei. Dasselbe gilt für die Mediziner in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, die mich mit ermutigenden Informationshäppchen versorgten.
Wir haben den Ärzten Löcher in den Bauch gefragt, und auch das war hilfreich. Ich habe nicht gefragt, wie meine Chancen stehen, ich will es gar nicht wissen, aus dem einfachen Grund, weil ich glaube, daß niemand es weiß. Den Ärzten ist klar, was ich habe und wie man es behandelt, aber niemand kann sagen, wie die Behandlung anschlagen wird. Keine Statistik der Welt wird ihnen verraten, was mit mir passieren wird, und ich bin dankbar für die Ungewißheit und die Hoffnung, die daraus erwachsen.
Dem National Health Service habe ich viel zu verdanken. Er rettete mir das Leben, als ich zwölf war, und auch diesmal war er für mich da, als ich Hilfe brauchte. Das Personal war ohne Ausnahme hervorragend, es gab zig Momente voller Freundlichkeit und Mitgefühl, die ich nie vergessen werde, aber als Organisation hat mich der NHS sehr enttäuscht. Ich brauchte dringend eine Strahlentherapie, und der früheste Termin, den ich vom NHS hätte bekommen können, wäre in sechs Wochen gewesen. Weil ich durch meinen Arbeitgeber krankenversichert bin, habe ich das große Glück, schon weniger als zwei Wochen nach der Diagnose eine auf privater Basis arrangierte Behandlung zu beginnen. Es gibt jedes Jahr Tausende solcher Fälle in diesem Land; nur den wenigsten dürfte diese Option offenstehen.
Ich habe wirklich großes Glück, und die Ausgangslage für das, was mir jetzt bevorsteht, könnte nicht besser sein. Ich bin entschlossen, den Tumor zu besiegen und meine kleine Tochter größer werden zu sehen.

Donnerstag, 19. September 2002
Das Geräusch des Strahlentherapiegeräts ist das beste.
Ich war jetzt viermal dort und finde es jedesmal inspirierend. Unmittelbar nachdem die Techniker den Raum verlassen haben, um hinter ihren Wandschirm zu verschwinden, geht es los und dauert ungefähr eine halbe Minute. Es ist eine mächtige Mischung aus einem Ticken und einem leisen Rauschen, und ich bin ganz sicher, daß es mir unglaublich guttut.
Ein Freund meinte, ich sollte mir vorstellen, wie der Tumor schmilzt, während ich bestrahlt werde, und so versuche ich, vor meinem inneren Auge einen Film ablaufen zu lassen, den ich einmal gesehen habe und in dem gezeigt wurde, wie der Körper Zellen los wird, die er nicht mehr braucht. Ich sehe, wie die Strahlen meine schnörkeligen Tumorzellen treffen, ihre DNA zertrümmern und sie zwingen, ihren Übernahmeversuch in meinem Kopf aufzugeben. Ich glaube, es funktioniert. Weitere sechsundzwanzig Sitzungen liegen noch vor mir.
Die ganze Angelegenheit ist völlig schmerzlos und dauert vom Betreten des Krankenhauses bis ich wieder gehe ungefähr fünfundzwanzig Minuten, außer an den Tagen, an denen ich mit dem Arzt und dem Pflegepersonal sprechen muß. Eine nach meinem Kopf geformte Plastikmaske sorgt dafür, daß ich jedesmal in der richtigen Position auf einer Metallbahre liege. Die Techniker stellen das starke Bestrahlungsgerät ein und feuern dann zwei Ladungen von jeweils einer halben Minute ab, eine von der Seite und eine von hinten. Jede zielt auf den Quadranten meines Kopfes, in dem der Tumor schlummert.
Mein Arzt sagt, wir würden erst ein oder zwei Monate nach Ende der Strahlentherapie, vielleicht im Dezember, wissen, wie gut sie angeschlagen hat. Erst dann würden wir den Tumor scannen und sehen können, wie groß er inzwischen ist, da er vermutlich erst einmal anschwellen und vernarben würde. Da er zu einer gefährlicheren Sorte gehört, werde ich eine Chemotherapie eine medikamentöse Behandlung, bei der das, was von dem Tumor noch...

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