Das etruskische Ritual: Roman - Hardcover

Manfredi, Valerio M.

 
9783822506011: Das etruskische Ritual: Roman

Inhaltsangabe

Der junge Archäologe, der im Museum von Volterra an einer rätselhaften etruskischen Statue arbeitet, hat nur eines im Sinn: das Geheimnis des Knaben zu lüften. Während Castellani bis nachts im Museum arbeitet, machen die Carabinieri in den Hügeln vor Volterra einen grausigen Fund: die bestialisch zugerichtete Leiche eines Grabräubers. Spuren deuten darauf hin, daß ein Ungeheuer mit Fangzähnen und Klauen die Tat verübt haben muß. Castellani ist sich sicher, daß es sich um eine Schimäre handelt, die mit einem über 2000 Jahre alten etruskischen Ritual verbunden ist. Doch wer sollte heutzutage jemanden auf so grausame Weise richten wollen? Und welche Rolle spielt die Knabenstatue in diesem geheimnisvollen Spiel? Zusammen mit seiner jungen Kollegin Francesca entdeckt er eine heiße Spur…

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Über die Autorin bzw. den Autor

Valerio M. Manfredi, geboren 1943 bei Modena, lehrt klassische Archäologie an der Universität von Mailand und hat zahlreiche Ausgrabungen im Mittelmeerraum geleitet. Inspiriert durch seine wissenschaftliche Arbeit, begann er vor fast 20 Jahren, Romane zu schreiben. Seitdem hat er zahlreiche Bestseller verfasst, die auf Deutsch alle im Piper Verlag erschienen sind. Zuletzt erschienen von ihm »Der Tyrann von Syrakus« und »Das Reich der Drachen«. 2007 kam die aufwendige Hollywood-Verfilmung seines Romans »Die letzte Legion« ins Kino.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Es war ein lauer Oktoberabend, als Fabrizio Castellani mit seinem Fiat Punto, zwei Koffern und der Hoffnung auf eine Anstellung als Archäologe an der Universität Siena in Volterra ankam. Ein Freund seines Vaters hatte ihm eine billige Unterkunft in einem Gehöft in Val d Era besorgt, nicht weit von der Stadt entfernt. Das kleine Anwesen, das früher an Bauern verpachtet worden war, stand seit längerem leer; der Besitzer wollte es von Grund auf renovieren und danach an irgendeinen deutschen Toskana-Liebhaber verkaufen.

Um einen alten Kern aus dem 13. Jahrhundert war während mehrerer Epochen ein hübsches Gutshaus entstanden. Im hinteren Teil befand sich ein schöner Innenhof mit Geräteschuppen und darüberliegendem Heuschober. Bei den neueren Mauern handelte es sich um Backsteinmauern, die älteren hingegen waren noch aus Naturstein, verkleidet mit fleckigen Ziegeln, die auf der Nordseite mit grünen und gelben Flechten bewachsen waren. Das umliegende Land war nach Süden hin bestellt: Rund zehn Reihen großer, knorriger Olivenbäume, dicht behangen mit schwarzen Früchten, zogen sich schnurgerade dahin, und daneben noch einmal zehn Reihen niedriger Rebstöcke, deren pralle, blaue Trauben verlockend aus dem herbstlich roten Laub leuchteten. All dies wurde von einer kleinen Steinmauer eingefaßt, die jedoch an mehreren Stellen eingestürzt war und dringend einer Reparatur bedurft hätte. Der Hügel hinter dem Haus war ganz mit Eichenwald bedeckt, aus dessen intensiver Ockerfarbe hier und da das Rot oder Gelb eines Bergahorns hervorstach. Ein uralter Buchsbaum schmückte den Eingang zur Rechten, während sich auf der andern Seite das Hausdach um einiges überragend zwei schlanke Zypressen in den Himmel reckten.

Ein kleines Stück entfernt sprudelte eine Quelle aus dem Boden; sie speiste einen kleinen Bach, der sich auf seinem blitzsauberen Kieselbett gurgelnd zum Straßengraben hinunterschlängelte, dort in einem Betonrohr verschwand, ein gutes Stück weiter unten wieder zutage trat und schließlich zur Era hinabfloß. Der Fluß selbst war völlig zugewachsen, man konnte ihn von dem Gehöft aus nicht sehen, wohl aber sein Rauschen hören, in das sich das Säuseln des Windes mischte, der sich in Eichen und Pappeln fing.

Das Haus gefiel Fabrizio auf Anhieb, vor allem wegen des herrlichen Geruchs nach Salbei, Heu und Minze, der die Abendluft erfüllte, während die letzten Schwalben in der Dämmerung umherschwirrten und sich nicht recht entschließen konnten, die leeren Nester endgültig zu verlassen. Fabrizio stellte nur kurz die Koffer neben der Haustür ab und vertrat sich dann ein wenig die Beine auf dem Zufahrtsweg, der das kleine Anwesen in zwei annähernd gleich große Bereiche teilte. Dann setzte er sich auf die niedrige Steinmauer und genoß selig den abendlichen Frieden und die zauberhafte, fast unwirklich anmutende Stimmung, die die Nacht ankündigte.

Er war fünfunddreißig Jahre alt und hatte noch immer keine feste Stelle. Wie so viele seiner Freunde und Kollegen hatte er sein Leben der Altertumswissenschaft verschrieben, ohne sich darüber klarzusein, wie schwierig es war, von der Archäologie zu leben selbst in einem Land mit dreitausendjähriger Geschichte. Trotzdem war er weder entmutigt noch deprimiert. Momentan fieberte er dem Augenblick entgegen, in dem er dem Objekt Auge in Auge, alleine und ungestört, gegenüberstehen würde, dem er sich seit geraumer Zeit leidenschaftlich widmete: der Statue eines Knaben nämlich, die im Etruskermuseum von Volterra aufbewahrt wurde.

Ein berühmter Dichter hatte der Skulptur einmal einen geheimnisvollen, sehr suggestiven Namen gegeben: Ombra della Sera, Schatten des Abends. Aber Dichter dürfen träumen, dachte Fabrizio, Wissenschaftler nicht. Er seufzte. Es war Zeit, sich an die Arbeit zu machen. Mit einem Ruck stand er auf und ging zu dem Haus zurück, das nun für ein paar Wochen seine feste Bleibe darstellen würde, mindestens bis er alle Nachforschungen beendet und genügend Material und Daten für eine Publikation beisammen hatte, die mit Sicherheit einiges Aufsehen erregen würde.

Dabei war alles ganz zufällig gekommen. Er hatte sich am nationalen Institut für Restaurierung in Florenz aufgehalten, um sich über moderne Techniken zur Behandlung antiker Bronzen zu informieren, und dabei war er auf Röntgenbilder der kleinen Statue gestoßen, die möglicherweise im Hinblick auf eine spätere Restaurierung angefertigt worden waren. Beim Betrachten der Aufnahmen war ihm eine Anomalie aufgefallen, ein seltsamer Schatten, etwa in Höhe der Leber des Knaben; aus einem bestimmten Blickwinkel nahm er sich aus wie ein länglicher, spitz zulaufender Gegenstand. Die Akte, der Fabrizio die Bilder entnommen hatte, stammte aus dem hintersten Winkel eines staubigen Karteischranks, und hätte er sie nicht zufällig ausgegraben, wäre sie vermutlich bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag dort geblieben, es sei denn, das Ministerium hätte sich entschlossen, irgendein Projekt neu zu finanzieren, was sehr unwahrscheinlich war.

Fabrizio hatte mit niemandem über seine Entdeckung gesprochen in der umfangreichen Literatur über die kleine etruskische Statue war nirgendwo davon die Rede , aber er hatte die Röntgenbilder vervielfältigen lassen, eingescannt und auf mehreren CDs abgespeichert, um sie danach mit dem Grafikprogramm seines Computers zu bearbeiten und entsprechend auszuwerten. Nach Abschluß dieser ersten Arbeitsphase hatte er bei der Museumsleitung um Erlaubnis gebeten, eine Reihe von Untersuchungen an der Statue selbst durchführen zu dürfen, und zu diesem Zweck war er nun hier, in Volterra. Mit etwas Glück würde er sogar eine Magnetresonanztomographie durchführen ein hocheffizientes Verfahren, mit dem sich das Rätsel des mysteriösen Schattens am ehesten lösen ließe.

Im ersten Moment hatte er an einen Schmelzfehler oder einen mißlungenen Guß gedacht, aber das machte nicht viel Sinn, da die betreffende Stelle eine glatte, relativ ebenmäßige Oberfläche aufwies, so daß eigentlich ausgeschlossen werden konnte, daß das geschmolzene Metall im Augenblick des Gusses vor annähernd zweieinhalbtausend Jahren durch irgendein Hindernis in seinem Fluß gehemmt worden war.

Fabrizio stand auf und ging ins Haus. Er hatte unterwegs bei einem Krämerladen angehalten, um etwas Brot, Käse, Schinken und eine Flasche Chianti zu kaufen, und damit setzte er sich nun an den blankgescheuerten Holztisch in der großen Küche, der fast so alt sein mußte wie das Haus selbst. Zur Unterhaltung las er beim Essen ein Buch von Jacques Heurgon über die Kultur der Etrusker. Später bezog er ein Bett mit der mitgebrachten Bettwäsche und legte sich gegen Mitternacht schlafen; das Zimmer hatte eine schöne Balkendecke und duftete nach frischem Kalk; von draußen drang das Lied einer Nachtigall herein, die wahrscheinlich in einem der vielen Goldregen- oder Robiniensträucher entlang des Bächleins hockte.

Er dachte an Elisa, seine Verlobte, die ihm vor drei Monaten den Laufpaß gegeben hatte. Die Sache ging ihm immer noch nach im Grunde war es abzusehen gewesen: Sie war ein verwöhntes Mädchen aus reichem Hause, das nicht den Mut besaß, sich gegen die Vorurteile der Eltern durchzusetzen und so ihre Beziehung zu einem Mann aufrechtzuhalten, der gebildet und wohlerzogen war, aber kein Krösus und sich eher nachlässig, wenn auch anständig kleidete. Fabrizio dachte mit Bitterkeit daran zurück, was für Illusionen er sich gemacht und wie sehr er sich durch Elisas Ablehnung gedemütigt gefühlt hatte; dabei wurde ihm wieder bewußt, daß er seit gut drei Monaten mit keiner Frau mehr geschlafen hatte, was für sein seelisches Gleichgewicht nicht gerade förderlich war. Doch hier auf dem Land sah plötzlich alles anders aus; die ruhige Stimmung, die schlichte Schönheit der Umgebung erfüllten ihn mit Frieden, und er fühlte sich stark wie ein Athlet, der vor einem entscheidenden Wettkampf steht. Sicher, er fragte sich, ob dieser Zustand der Gnade mittel- oder langfristig von Dauer sein konnte, ob...

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ISBN 10:  3492247377 ISBN 13:  9783492247375
Verlag: Piper Taschenbuch, 2006
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