"Er war nicht engelsgleich. Nur tränenreich. Gar nicht schön."
Eine berückende Poesie der Grausamkeit, oder: Selten zuvor hat eine Autorin für
den Konflikt zwischen Bevormundung, Macht und Freiheit schmerzhaftere Bilder und
eine strahlendere Sprache gefunden.
Max Tinker mochte die Menschen nicht. Nicht die exaltierte, morbide Diva Holly,
die sich seine Mutter nannte, nicht die Künstler und Musiker, die ihre Wohnung
bevölkerten, sich selbst nicht - und auch die Frauen nicht, die ihn immer
übersahen. Nur manchmal, da mochte Max die kleinen Teile an den Frauen. Ein
Fußnagel in Maigrün. Eine Hand ohne die andere. Die Vanilleknie. Mal einen
Schlüpfer. Aber nie die ganze Frau. Das ganze Schwein. Das ganze Brot konnte
doch auch keiner essen. Bis er Natalie gegenüberstand. Die mochte er sofort.
Erst von fern, dann immer näher. Die Lila-Brünette mit Minirock und den
Goldsandalen. Max ist verliebt - und bringt sich und Natalie in Teufels Küche.
Denn Holly mag es überhaupt nicht, wenn ihr jemand das Terrain streitig macht.
Nicht bei Max. Doch je mehr er versucht, den Ansprüchen seiner Mutter zu
entkommen, desto mehr zerstörerische Energien setzt sie frei.
Mit gewaltiger und gewalttätiger Sprache schildert Andrea Rothaug einen
Beziehungsreigen, bei dem Zwänge, Machtansprüche, Einsamkeit, Sex und Liebe die
Choreographie übernommen haben.
Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
Da war es. Das schöne Mädchen mit dem karierten Minirock und den Goldsandalen.
Max hatte auf sie gewartet. Erst konnte es gar nicht schnell genug gehen, dachte
Max, und jetzt war es ihm fast zu schnell gegangen. Wie sie da auf einmal so vor
ihm stand. Er rieb sich den Schritt. Das schöne Mädchen. Das so schön aussah und
so gut roch. Er hatte nicht gedacht, dass jemand so gut riechen konnte. Er hatte
auch nicht gedacht, dass er so gut riechen konnte. Gut riechen und gut riechen.
Das waren zwei verschiedene Dinge, aber jetzt passten sie ganz gut zusammen.
Max Tinker drehte sich um. Die Leute drängen und schubsen immer so, dachte er.
Die meisten von ihnen trugen diese Studentenbrillen und schauten klug. Sie
standen an für Henry Rollins' Spoken Words. Diese blasierten Gesichter, denen
das Privileg, hier warten zu dürfen, ausreichte, um andere an die Seite zu
drängeln. Die Menschen machten Max ganz verrückt. Obwohl es genug Platz gab,
rieben sich alle aneinander. Er schob sich einen Block Erdnüsse in den Schlund.
Statt dass sie Abstand hielten. Sicherheitsabstand. Einen Meter vielleicht. An
jeder Ampel platzierten sie sich einen Meter voneinander entfernt. In
Menschenschlangen gingen alle auf Tuchfühlung. Max begann sich abzupuscheln. In
Gedanken. Abpuscheln. Erst die rechte Schulter, dann die linke Schulter. Mit
scharfer Handkante den Bauch abklopfen. Jedes Hosenbein vom Ende aufwärts und
von der Bügelfalte mit beiden Händen nach außen streichen. Das war gut so.
Zurück zum Mädchen. In Gedanken. Wo war sie. Da war sie. Direkt vor ihm. Sie
würde ihn kennen lernen. Heute. Sie, die Lila-Brünette mit dem karierten
Minirock und den Goldsandalen im Sommer.
Max kannte das Mädchen nur von fern, aber er hatte ein schönes Bild von ihr in
seinem Kopf. Erfahren war sie sicher, ganz erfahren in allen Dingen und
praktisch. Vor allem in Lebensdingen praktisch. Sie hatte einen Hund. Nur
praktische Leute hatten einen Hund. Und von einer Reinheit war sie, die er an
den meisten Mädchen vermisste. So glockenrein wie ihre Stimme, wenn sie sang.
Schmetterlingsgesang am Fischmarktrand. Er hatte genau hingehört. Hinhören und
weghören. Abhören und Zuhören. Ab und zu weghören war auch gut. Max pfiff Do you
think J' m sexy. Rod Stewart, die Sau. Warum einem immer die schlimmen Stücke
zum Singen oder Pfeifen einfielen. Gesummt hatte sie. Schön gesummt und dabei in
die Luft geschaut. Wo soll einer auch sonst hinschauen, wenn sich vor ihm im
Sekundentakt das menschliche Grauen abbildet. Der Fischmarkt Schwitzige Bäuche
mit »Free Cannabis«-T-Shirts und pro Minute 5.000 Mütter Beimer in ärmellosen
Blusen. Dort hinein steckte das betrunkene Proletariat dann seine
Patschehändchen. Max fiel das erste Blondie-Konzert ein. In der Musikhalle. Acht
oder so war er gewesen. Holly hatte ihn mitgenommen. Die Leute hatten einfach
die Stühle rausgerissen. So, dachte er, müsste einer das auch mit diesen Leuten
hier machen. Einfach rausreißen und beiseite werfen. Dann hatten er und das
Mädchen freie Bahn.
»Hau ab da, Alter!« Max wurde aus seinen Gedanken gerissen. Ein dicker Manager
mit dickem Arsch und dicker Nudel wollte durch die Menge. Max machte einen Satz
und prallte gegen das Mädchen. Immer sprang er in die falsche Richtung. Immer.
Das war ein Gesetz. Gewiss, träumte Max unverdrossen weiter und schaute das
Mädchen von der Seite an, spielte sie gern »nicht auf die Striche treten«. Und
hoffentlich, so betete Max, würde sie kleine Tiere und nachcolorierte
Heimatfilme so mögen wie er. Seinetwegen auch französische Heimatfilme. Max
wusste, sie kam von irgendwo weit her, wahrscheinlich Frankreich. Frankreich. Da
gehen die Mädchen ohne Schlüpfer spazieren. Jedenfalls in Paris, erzählte man
sich. Das wusste jeder. Sie war wie er, wusste Max, nur ohne Schlüpfer, aber
sonst genau wie er.
Das Mädchen, hatte Max erfahren, hieß Natalie und mochte Kunst. Kunst in
Maigrün. In der Kunsthalle hatte er sie getroffen. Vielleicht nicht direkt
getroffen. Als sie morgens aus ihrem Haus kam und in Richtung Schanzenbahnhof
ging, war Max ihr gefolgt. Die Nacht im Gebüsch am Park war eh vorbei.
Frühlingsnächte in Hamburg in ihrem Bladerunnergrau waren kalt. Max hatte sich
aufwärmen wollen. Vielleicht ein bisschen S-Bahn fahren mit dem Mädchen, das da
gerade aus dem Haus kam und so lustig aussah. Und warm werden mit ihr. Und sie
anschauen, hatte er gedacht. Mit ihr in der S-Bahn sitzen und ihre Schamhaare
durchzählen. Von weitem. Plötzlich war sie ausgestiegen. Hauptbahnhof. Auch ohne
Junkies deprimierend. Max überlegte, was ihm weniger gefiel. Die Junkies, die
früher hier gestanden hatten, oder die neue klassische Musik. Nein, die neue
klassische Musik war es. Die Welt war krank, wusste Max. Eine Welt, in der einer
Menschen mit ernster Musik vertrieb. Die war wirklich ganz krank. Armer Strauss.
Und armer Strauß. Und Beethoven war auch arm.
Max war Natalie ins Freie gefolgt. Er mochte keine Kunst. Natalie schon. Sie
blieb gern vor den grünen Bildern stehen. Ungezählte grüne Bilder zählte Max. Er
hatte nicht erkennen können, was darauf war. Er versteckte sich hinter den
Stellwänden und beobachtete, wie Natalie die grüne Kunst betrachtete. Vor allem
in Maigrün mochte sie Kunst. Das war gut so.
„Über diesen Titel“ kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
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