Verwandte Artikel zu Generation Ally: Warum es heute so kompliziert ist,...

Generation Ally: Warum es heute so kompliziert ist, eine Frau zu sein - Hardcover

Kullmann, Katja

 
9783821839189: Generation Ally: Warum es heute so kompliziert ist, eine Frau zu sein

Inhaltsangabe

Sie sind erfolgreich im Job, kennen sich aus in Sachen Karriere, Lifestyle und Sex. Und Ally McBeal, die neurotische Anwältin aus der gleichnamigen Kult-Fernsehserie, ist ihre Heldin. Denn sie trifft genau das Lebensgefühl der Frauen um die 30. Die Generation Ally weiß vor allem, was sie nicht will: weder Karrieremonster sein, noch eine Backpflaumenexistenz, und schon gar kein Boxenluder. Sie will raus aus der Entweder-Oder-Falle, sich nicht entscheiden müssen zwischen Kind und Karriere, Kopf und Körper, und wartet deshalb in vielen Fragen erst einmal ab - manchmal zu lange. Doch wie kann sie aussehen, die souveräne, unangestrengte Weiblichkeit? Katja Kullmann zeigt, warum die Rollenbilder in unserer Gesellschaft an ihre Grenzen stoßen - und wie eine ganze Frauengeneration ein neues Selbstverständnis entwickelt. Was Generation Golf für die Männer war, ist Generation Ally für die Frauen, die in den Achtzigern großwurden.

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

"Manchmal bin ich überzeugender, wenn mir die Überzeugung fehlt."

(Ally McBeal, 1. Staffel, Folge 1)
Irgendwann zwischen 1980 und 1990 wurde ich vom Mädchen zur Frau. Davor kam die
Pubertät. Und davor die Vorpubertät. Bei diesem Wort muss ich immer an
Umkleidekabinen denken. Spinde, Kleiderhaken, Fußmatten, Schweiß. Ich denke an
Schwimmbäder, Landschulheime, Jugendherbergen. Und an die Mehrzweckhalle neben
meiner Grundschule in Friedrichsdorf, einer rund 20.000 Einwohner zählenden
Gemeinde im Vordertaunus, knapp 20 Kilometer nordwestlich von Frankfurt/Main. In
den Umkleideräumen dieser Halle ahnte ich Anfang der 80er zum ersten Mal, dass
es womöglich anstrengend ist, eine Frau zu sein. Dass es darauf ankommt, welcher
Typ Frau man ist. Ich begriff zum ersten Mal, dass ich eines Tages erwachsen
werden würde. Unweigerlich.
Abends trafen sich Heimatvereine oder Rock'n'Roll-Clubs in der Halle, tagsüber
nutzten die Kinder sie für den Schulsport. Wir ABC-Schützen, wie Grundschüler in
jenen Tagen noch genannt wurden, mussten dazu in Zweierreihen den örtlichen
Kirmesplatz überqueren, der die Schule, einen für damalige Verhältnisse
hochmodernen Glas-Beton-Bau, und die Halle miteinander verband. Innen
quietschten die Gummisohlen unserer Turnschuhe auf dem hellgrauen Linoleumboden
und hinterließen dunkle Streifen. Die Wände hatte man mit rotbraunen Holzlatten
verkleidet, die sicherlich mit Xyladekor oder einem anderen giftigen, vermutlich
Krebs erregenden Holzschutzmittel lackiert waren. Die Latten speicherten die
Sonnenstrahlen, die durch die Oberlichter hineinfielen, und zusammen mit dem
Kinderschweiß führte das zu dieser ganz speziellen Mehrzweckhallenhitze,
vielmehr zu einer mehrzweckhallenspezifischen Stickigkeit. Auch wenn es das Wort
"Turnbeutelvergesser" damals noch nicht gab, zählte ich zu eben dieser Spezies.
Meine Zehen waren chronisch blau angelaufen, weil mir die riesigen Medizinbälle
ständig auf die Füße fielen. Ich hasste Schulsport und kam bis zum Abitur nicht
über eine 3 hinaus, meist hatte ich eine 4.
Es war der Spätsommer 1980, ich ging in die vierte Klasse, die Sommerferien
waren gerade vorbei. Zwar turnten wir Mädchen damals noch mit den Jungs
gemeinsam, aber für jedes Geschlecht gab es einen eigenen Umkleideraum. Wir
waren neun oder zehn Jahre alt. Bis auf Ramona, die aus irgendwelchen Gründen
ein Jahr älter war. Ramona war etwas größer als wir anderen Mädchen und
insgesamt "weiter entwickelt", das heißt, sie hatte bereits deutliche Ansätze
eines Busens, worüber wir flachbrüstigen Mädchen mindestens ebenso fiese Witze
machten wie die Jungs. Anders als die meisten anderen Kinder wohnte Ramona nicht
mit ihren Eltern in einem Einfamilienhaus, sondern ohne Vater nur mit ihrer
Mutter und mehreren kleinen Geschwistern in einer Sozialwohnung. Wenn wir mit
Barbies spielten, passte sie auf ihre Brüder und Schwestern auf. Wenn unsere
Mütter an unserem Geburtstag eine Kinderparty veranstalteten und
Überraschungstüten mit Schokoriegeln, Filzstiften und Aufklebern an die Gäste
verteilten, war Ramona nie eingeladen. Wir sprachen Hochdeutsch, sie sprach
Dialekt. Ramona war schon immer anders, und jetzt, nach den sechswöchigen
Sommerferien, war sie sogar noch fremdartiger geworden. Ihr war ein körperliches
Detail gewachsen, welches mich erschaudern ließ.

„Über diesen Titel“ kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.