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Lichte Stoffe: Roman - Hardcover

Boehning, Larissa

 
9783821807379: Lichte Stoffe: Roman

Inhaltsangabe

Roman HC mit SU 2008 328 S. Gebundene Ausgabe Eichborn Verlag,

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

14:40 Uhr, JFK Airport

Am Ende des Ganges, der an das Innere eines aufgezogenen Blasebalgs
erinnerte, standen zwei Männer in Leuchtwesten. Einer
hielt ein Klemmbrett vor dem Bauch, der andere drückte mit
dem Daumen den Auslöser eines Zählgerätes, ein Schnappen
für jeden Passagier. Als Nele an ihnen vorbeiging, steckten
das Klemmbrett und der Zähler ihre Köpfe zusammen. Das
Klemmbrett flüsterte etwas. Auf der Brusttasche seiner Weste
stand Mr. Provoke. Obwohl sie sich mit aller Kraft vorgenommen
hatte - schon in dem Moment, da sie die kleine Valium
geschluckt und den Gang betreten hatte -, keine Zeichen zu
sammeln, wirklich, nie mehr Hinweise zu sammeln und auszudeuten;
obwohl sie sich das so sehr vorgenommen hatte, löste
das Vorhaben sich augenblicklich in Luft auf, als sie diesen
Namen las. Den Mann anschauen, die Zahl herausfinden, sagte
sie sich, dann weiß ich, wann wir vom Himmel fallen. Es war nur
noch eine Frage des Zeitpunktes. In jedem Falle über dem Atlantik.
Mr. Provoke kritzelte lächelnd auf seinem Klemmbrett
herum. Sie machte einige Schritte auf das Oval der Tür zu, das
Zählgerät klickte in ihrem Ohr, jetzt war sie eine Zahl, die auf
dem Grund des Ozeans unauffindbar bleiben würde. Die Stewardessen
im Eingang lächelten synchron, sie steckten mit Mr.
Provoke und dem Zählmeister unter einer Decke. Sie teilten
etwas. Sie waren keine Menschen.»Willkommen an Bord«, sagte
eine Tonbandstimme. Noch eine scheinheilige Stewardess kam
ihr entgegen, das perfekt geschminkte Gesicht starr, jedes Haar
am Hinterkopf verzurrt, als hätte ihr jemand befohlen, die
Glätte einer Flugzeugnase zu imitieren. Im Hintergrund die angeschlagenen
Aluminiumkisten. Zum Trost reichte die Stewardess
einen Korb mit Bonbons. Es roch nach Aufbackbrötchen,
kalkigem Tee, nach einem zu blumigen Parfum, nichts, was man
riechen wollte in den letzten Stunden seines Lebens. Sphärische
Klänge und das Plätschern eines Springbrunnens. Es rauschte
in Neles Ohren, seit man ihr die Bordkarte am Schalter ausgehändigt
und der tulpenrote Mund der Mitarbeiterin sie darauf
hingewiesen hatte, dass dieser Flug nonstop und für Nichtraucher
sei. Fenster oder Gang? Was machte es für einen Unterschied.
Ein Vorhang, und dann ein Kinosaal mit Sitzreihen und
Zwischengängen, erwartungsvolle Gesichter, aufrecht sitzende
Menschen, die sich eindeutig darauf freuten, über dem Atlantik
vom Himmel zu fallen. In der ersten Reihe saß ein Mann mit
Bürstenhaarschnitt, vor dem Gesicht ein Buch mit dem Titel:
Denke nach und werde reich . Mr. Provoke und die andere Sicherheitsweste
hatten ihre Arbeit jetzt schon erledigt, gingen ein Feierabendbier
trinken. Nele schaute zurück, sah das blaue Licht,
das den Ausgang kennzeichnete, die Bonbon-Stewardeß, ihr
eingefrorenes Gesicht, und machte kehrt. Es ging nicht mehr. Sie
stieß mit einem Mann zusammen. Unwirsch drückte er sich ihr
entgegen. Hinter seinem Rücken eine der Scheinheiligen, die
Nele den abgerissenen Teil ihrer Bordkarte aus der Hand nahm.
Der Bauch des Mannes schob sie tiefer in die Kinositzreihen.
»Hier, meine Dame, 92 A«, sagte die Scheinheilige. Nele suchte
in ihrem Kopf nach so etwas wie logischem Denken. Aber überall
nur wirres Zeug. »Jetzt setzen Sie sich doch endlich«, sagte
der Mann, den Oberkörper in Tweed, an den Beinen Jeans. »Der
Fensterplatz ist Ihrer. Ich hoffe, wir bleiben zu zweit in der
Reihe. Wäre komfortabel, nicht?«

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