Der Roman-Navigator: Die zweihundert Lieblingsromane von der "Blechtrommel" bis "Tristram Shandy" - Hardcover

Vollmann, Rolf

 
9783821805757: Der Roman-Navigator: Die zweihundert Lieblingsromane von der "Blechtrommel" bis "Tristram Shandy"

Inhaltsangabe

1998 240 S. Gebundene Ausgabe Eichborn, Berlin,

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Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

1955 Lolita von Vladimir Nabokov Das Buch entwickelte sich nur langsam", schreibt Nabokov in einem Nachwort, "ich unterbrach die Arbeit oft und befaßte mich mit andern Dingen. Etwa vierzig Jahre hatte es mich gekostet, Rußland und Westeuropa zu erfinden, und nun stand ich vor der Aufgabe, Amerika zu erfinden." Nabokov war fünfzig, als er ein altes Thema noch einmal aufgriff: "Das Nymphchen", schreibt er, "war noch immer so ziemlich das gleiche Girl, und die Grundidee, den Mann ihre Mutter heiraten zu lassen, blieb ebenfalls erhalten; doch im übrigen bekam das Buch ein ganz neues Gesicht, und heimlich waren ihm die Krallen und Schwingen eines Romans gewachsen." Krallen und Schwingen, das ist der Adler, der auf alten Bildern Ganymed entführt, auf manchen Bildern weint der, auf andern lehnt er sich entspannt an den Vogelflügel Jupiters, erhöht über die andern Sterblichen: der Leser also, hinweggehoben aus der sonstigen Welt von dem schreibenden Gott. Falscher als von denen, die es nicht lasen, ist selten ein Buch verstanden worden - als wäre die Liebe so viel ruchloser darin, als sie doch eigentlich immer ist, wenn man mehr als den Namen von ihr will. "In dem flüchtigen, sonnendurchschossenen Moment, als mein Blick über das knieende Kind glitt ... gelang es dem Vakuum meiner Seele, jede Einzelheit dieser strahlenden Schönheit in sich aufzusaugen und an den Zügen meiner toten Braut zu messen" - so der Liebende hier; George Eliot, in ihrem ersten Roman, ungefähr hundert Jahre vorher, sagt einmal, "Schönheit hat einen Ausdruck jenseits und weit hinaus über die Seele der einen Frau, die sie umkleidet", es sei keine Schwäche, von dem "süßen kindlichen Schmollen ihrer Lippen" bewegt zu werden, und "die nobelste Natur sieht am meisten von diesem unpersönlichen Ausdruck in der Schönheit". Sie sagt auch, diese nobelste Natur sei deshalb oft am blindesten für den Charakter der Seele der "einen Frau, welche die Schönheit umkleidet", aber, nicht wahr, was heißt blind, was heißt Charakter? Nabokov schreibt hier den vollendetsten Roman der großen Liebe, der wahren Liebe, möchte man sagen. "Ich denke an Auerochsen und an Engel", sagt der Liebende am Schluß, "an das Geheimnis zeitbeständiger Pigmente, an prophetische Sonette" (Humbert Humbert ist Literaturwissenschaftler, also: Leser), "an die Zuflucht der Kunst. Und dies ist die einzige Unsterblichkeit, an der du und ich gemeinsam teilhaben dürfen, meine Lolita." 1922 Ulysses von James Joyce An Gott kommt keiner vorbei, außer Libuda: das war ein Joke jener Jahre, in denen es unter den jungen Intellektuellen keinen Libuda gab, der an Joyce vorbeigekommen wäre, Joyce war der Gott. Das geht niemals gut, Literatur ist Vielgötterei; und so hat auch sein Ulysses keine ganzen Epochen des Erzählens zur Vergangenheit verdammt, sondern einfach vorgemacht, wie herrlich, und als ginge doch eine neue Welt auf, die Freiheit des Romanciers ist, wenn er sich und uns wieder einmal an die Schrankenlosigkeit erinnert, die das Genre gerade für die Gottlosen so groß macht. Manchmal ist Joyce ein bißchen langweilig und enervierend; das war aber Flaubert auch; nur, wenn er einmal loskommt, dann ist Joyce, wie damals Flaubert in der Education, der grandioseste dieser Alleinunterhalter, deren immer wieder fast unüberwindliches Problem doch ist, daß im Saal nur ein einziger Mensch sitzt, der Leser, den nichts ganz leicht amüsiert, wenn er die Schwere der Zeiten bedenkt und sein Alleinsein und was er alles schon weiß. Aber dann bringt Joyce Bloom mit in den Saal, Ulysses, hinüber-, hinabgerettet zu uns, den Freund der Nierchen am frühen Morgen, und in der noch dunklen Bühnennacht wartet Molly, der Trost der Welt. Das sind Bücher, von deren Art es immer nur eines gibt, man möchte das für einen Jammer halten bei soviel Genie ihrer Verfasser. Aber das scheint der Preis gewesen zu sein, und sie waren es schließlich, die ihn gezahlt haben - wir haben ein ganzes Jahrhundert noch. Joyce, 1882 geboren, fast wie Valery Larbaud (der auf Joyces Anraten zuerst Italo Svevo in Frankreich druckte, und dann auch Joyce selber übersetzte) und Virginia Woolf, wurde von Jesuiten erzogen, ging zwanzigjährig nach Paris, lebte dann dort und in Triest und später in der Schweiz, wo er, fast blind, 1941, im selben Jahr wie die Woolf, starb. 1899 Der Stechlin von Theodor Fontane Fontane sagt, in diesem Roman passiere nichts, nur zwei Junge heirateten und ein Alter sterbe. Was er nicht verrät (und das hätte ich auch nicht getan), ist, daß das Mädchen, das er da weggibt an den jungen Mann, eine Schwester hat, die er keinem gibt, Melusine; und die er keinem geben kann, weil sie allein für ihn da ist, seine Muse. Er sagt das nicht, das ist ja auch unnötig, unnötig in einem Buch, dessen Charme und immerwährender Zauber die wunderliche Dezenz ist, in welcher die Wahrheit in unausgesprochner Schwebe bleiben kann unter Leuten, denen mehr an ihr liegt als an ihnen selber. So bleibt die große Liebe des alternden Erzählers unangestaunt vom bloßen Leben allein für ihn da, und unbesorgt um alles kann er jetzt die Jugend und den Sozialismus und die Freidenkerei und alles, was sich neu vorkommt, seinen berechtigten Weg gehn lassen an ihm vorbei, von ihm weg aus dem einen Jahrhundert ins nächste, das ihn zum Glück nicht mehr kümmern muß. Schön auch, wie Melusine das letzte Wort hat in diesem schwerelosesten aller unsrer deutschen Romane: Es sei nicht nötig, sagt sie, daß die Stechline weiterleben, aber es lebe der Stechlin - das Erzählen, meint sie, das Schreiben, die Kunst, sie meint sich und ihren Erzähler, der sie aus allem hinaus mit sich fortnimmt, wohin? Jedenfalls erst einmal immer zu uns.

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