Eines Nachts öffnet die Pathologin Maura Isles einen Leichensack – und findet darin eine Scheintote … Detective Jane Rizzoli wird kurz vor ihrer Niederkunft Opfer einer brutalen Geiselnahme …
Eine namenlose junge Frau in der Gerichtsmedizin – für Maura Isles nichts Ungewöhnliches. Doch als die Pathologin den Leichensack öffnet, erstarrt sie: Die scheinbar Tote schlägt die Augen auf. Maura reagiert sofort und fährt die unterkühlte Frau ins Krankenhaus. Dort überstürzen sich die Ereignisse: Kaum hat sie sich erholt, tötet die junge Frau einen Wachmann und nimmt erst Maura und, nachdem diese sich retten kann, andere Patienten als Geiseln – darunter Detective Jane Rizzoli, die kurz vor der Niederkunft steht. Lange bleibt unklar, was die Geiselnehmerin mit ihrer brutalen Aktion bezweckt. Erst als es Maura und Janes Ehemann, dem FBI-Agenten Gabriel Dean, gelingt, das Geheimnis ihrer Herkunft zu lüften, geraten die Dinge in Bewegung: Vertreter von Bundesbehörden sind plötzlich stark an dem Fall interessiert. Sofort erkennt Jane Rizzoli, dass hinter der Tat mehr steckt als eine gewöhnliche Geiselnahme. Denn sie stößt auf eine Verbrecherorganisation, die bis in höchste Regierungskreise reicht.
Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
So gekonnt wie Tess Gerritsen vereint niemand erzählerische Raffinesse mit medizinischer Detailgenauigkeit und psychologischer Glaubwürdigkeit der Figuren. Bevor sie mit dem Schreiben begann, war die Autorin selbst erfolgreiche Ärztin. Der internationale Durchbruch gelang ihr mit „Die Chirurgin”. Tess Gerritsen lebt mit ihrer Familie in Maine.
»Gerritsen schreibt besser und spannender als Kathy Reichs.«
Brigitte
»Eine Weltklasseautorin!«
ZDF
»Gerritsens Romane, mit stilistischer Eleganz geschrieben, wirken eindringlich, weil sie tiefe menschliche Ängste widerspiegeln.«
Der Spiegel
Ich heiße Mila, und dies ist meine Geschichte.
Es gibt so viele Orte, an denen ich die Erzählung beginnen könnte. Ich könnte in der Stadt anfangen, in der ich aufgewachsen bin, in Kryvichy am Ufer des Servach, im Bezirk Myadzyel. Ich könnte beginnen, als ich acht Jahre alt war, an dem Tag, als meine Mutter starb, oder als ich zwölf war und mein Vater vom Lastwagen des Nachbarn überrollt wurde. Aber ich glaube, ich sollte mit meiner Geschichte hier anfangen, in der Wüste Mexikos, so weit weg von meiner weißrussischen Heimat. Hier habe ich meine Unschuld verloren. Hier musste ich meine Träume begraben.
Es ist ein wolkenloser Novembertag, und große schwarze Vögel kreisen an einem Himmel, der blauer ist als alles, was ich im Leben je gesehen habe. Ich sitze in einem weißen Kleinbus. Der Fahrer und der Beifahrer kennen meinen richtigen Namen nicht, und sie scheinen sich auch nicht dafür zu interessieren. Sie lachen nur und nennen mich Red Sonja - den Namen haben sie mir in dem Moment gegeben, als sie mich in Mexiko City aus dem Flugzeug steigen sahen. Anja sagt, es sei wegen meiner Haare. Red Sonja ist der Titel eines Films, den ich nie gesehen habe, aber Anja kennt ihn. Sie flüstert mir zu, dass er von einer schönen Kriegerin handelt, die ihre Feinde mit dem Schwert fällt. Jetzt glaube ich, dass die Männer sich mit diesem Namen über mich lustig machen, denn ich bin nicht schön. Ich bin keine Kriegerin. Ich bin erst siebzehn, und ich habe Angst, weil ich nicht weiß, was als Nächstes passieren wird.
Wir halten uns an den Händen, Anja und ich, während der Bus uns und fünf andere Mädchen durch eine wüstenartige, mit dürren Sträuchern bestandene Landschaft fährt. Einen »Pauschalurlaub in Mexiko« - das hat die Frau in Minsk uns versprochen, aber wir wussten, was das in Wirklichkeit hieß: eine Möglichkeit zu entkommen. Eine Chance. Ihr nehmt ein Flugzeug nach Mexiko, erklärte sie uns, und am Flughafen werdet ihr von Leuten abgeholt, die euch über die Grenze bringen und euch helfen, euer neues Leben zu beginnen. »Was habt ihr denn hier für eine Zukunft?«, hat sie uns gefragt. »Hier gibt es keine guten Jobs für Mädchen wie euch, keine Wohnungen, keine anständigen Männer. Ihr habt keine Eltern, die euch unterstützen. Und du, Mila - du sprichst so gut Englisch«, sagte sie zu mir. »Du wirst dich in Amerika im Handumdrehen zurechtfinden. Nur keine Angst! Lasst euch die Gelegenheit nicht entgehen. Eure künftigen Arbeitgeber übernehmen alle Kosten - also, worauf wartet ihr beiden noch?«
Nicht auf das hier, denke ich, während die endlose Wüste an unseren Fenstern vorüberzieht. Während Anja sich eng an mich schmiegt und die anderen Mädchen im Wagen ganz still sind. Allmählich drängt sich uns allen dieselbe Frage auf: Worauf habe ich mich da bloß eingelassen?
Wir fahren schon den ganzen Morgen. Die zwei Männer auf den Vordersitzen reden nicht mit uns, aber der Beifahrer dreht sich immer wieder zu uns um und wirft uns merkwürdige Blicke zu. Immer wieder heften sich seine Augen auf Anja, und die Art und Weise, wie er sie anstarrt, gefällt mir ganz und gar nicht. Sie bekommt nichts davon mit, weil sie an meiner Schulter eingeschlafen ist. Das Mäuschen - so haben wir sie in der Schule immer genannt, weil sie so schüchtern ist. Sobald ein Junge sie auch nur anschaut, wird sie knallrot. Sie ist so alt wie ich, aber wenn ich in Anjas schlafendes Gesicht schaue, dann sehe ich ein Kind. Und ich denke: Ich hätte sie nicht mitnehmen sollen. Ich hätte ihr sagen müssen, dass sie in Kryvichy bleiben soll.
Endlich biegt der Bus von der Schnellstraße ab und rumpelt weiter über eine ungeteerte Piste. Die anderen Mädchen wachen auf und starren aus den Fenstern auf braune Hügel, übersät mit Felsbrocken, die wie ausgebleichte Knochen aussehen. In meiner Heimatstadt ist schon der erste Schnee gefallen, aber hier in diesem winterlosen Land gibt es nur Staub und blauen Himmel und dürre Sträucher. Wir halten an, und die beiden Männer drehen sich zu uns um.
Der Fahrer sagt auf Russisch: »Jetzt heißt's raus aus dem Auto und zu Fuß weitergehen. Das ist der einzige Weg über die Grenze.«
Sie öffnen die Schiebetür, und eine nach der anderen steigen wir aus, sieben Mädchen, die blinzeln und sich nach der langen Autofahrt recken und strecken. Trotz des strahlenden Sonnenscheins ist es kühl hier, viel kälter, als ich gedacht hatte. Anja birgt ihre Hand in meiner, und sie zittert.
»Hier entlang«, befiehlt der Fahrer und geht voran. Er biegt von der Schotterstraße ab und folgt einem Pfad, der hinauf in die Berge führt. Wir klettern um Felsbrocken herum, vorbei an Dornbüschen, die nach unseren Beinen krallen. Anja trägt offene Schuhe, und sie muss oft stehen bleiben, um die spitzen Steinchen hinauszuschütteln. Wir sind alle durstig, aber die Männer lassen uns nur einmal anhalten, um Wasser zu trinken. Dann geht es weiter; wie unbeholfene Ziegen klettern wir den steinigen Pfad hinauf. Wir erreichen den Hügelkamm und schlittern auf der anderen Seite bergab, auf eine Baumgruppe zu. Erst als wir unten ankommen, sehen wir, dass wir vor einem ausgetrockneten Flussbett stehen. Am Ufer verstreut liegen die Hinterlassenschaften derjenigen, die vor uns die Grenze überquert haben: Plastikwasserflaschen, eine schmutzige Windel und ein alter Schuh, der Kunststoff rissig vom Liegen in der prallen Sonne. An einem Ast flattert ein Fetzen einer blauen Zeltplane. So viele Träumer sind schon hier entlanggekommen, und wir sind sieben weitere, die ihren Fußstapfen in Richtung Amerika folgen. Plötzlich verfliegt meine Angst, denn der Müll, der hier herumliegt, ist der Beweis dafür, dass es nicht mehr weit sein kann.
Die Männer winken uns weiter, und wir machen uns daran, das gegenüberliegende Ufer zu erklimmen.
Anja zieht an meinem Arm. »Mila, ich kann nicht weitergehen«, flüstert sie.
»Du musst.«
»Aber mein Fuß blutet.«
Ich blicke auf ihre wunden Zehen hinunter, sehe das Blut, das aus der zarten Haut quillt, und rufe den Männern zu: »Meine Freundin hat sich den Fuß aufgeschnitten!«
»Ist mir egal«, sagt der Fahrer. »Los, weitergehen.«
»Wir können nicht weitergehen. Sie braucht einen Verband.«
»Entweder geht ihr jetzt weiter, oder wir lassen euch beide zurück.«
»Geben Sie ihr wenigstens Zeit, sich andere Schuhe anzuziehen!«
Der Mann dreht sich um. In diesem Augenblick geht eine Verwandlung mit ihm vor. Sein Blick lässt Anja ängstlich zurückweichen. Die anderen Mädchen stehen stocksteif und mit weit aufgerissenen Augen da, wie Schafe, die sich furchtsam zusammendrängen. Er kommt langsam auf mich zu.
Der Schlag trifft mich so plötzlich, dass ich ihn nicht kommen sehe. Plötzlich knie ich auf der Erde, und ein paar Sekunden lang ist alles dunkel. Dann registriere ich den Schmerz, das Pochen in meinem Kiefer. Ich schmecke Blut. Ich sehe es in leuchtend roten Spritzern auf die Steine im Flussbett tropfen.
»Steh auf. Los, steh auf! Wir haben schon genug Zeit verloren.«
Ich rappele mich schwankend auf. Anja starrt mich entsetzt an. »Mila, gib einfach Ruhe!«, flüstert sie. »Wir müssen tun, was sie uns sagen! Meine Füße tun auch gar nicht mehr weh, ehrlich. Ich kann gehen.«
»Habt ihr's jetzt endlich kapiert?«, sagt der Mann zu mir. Er dreht sich um und mustert die anderen Mädchen mit finsterem Blick. »Habt ihr gesehen, was passiert, wenn ihr mich auf die Palme bringt? Wenn ihr mir so frech kommt? Jetzt geht endlich weiter!«
Und plötzlich haben es alle Mädchen sehr eilig, das Flussbett zu durchqueren. Anja packt meine Hand und zerrt mich weiter. Ich bin zu benommen, um mich zu wehren, und so stolpere ich hinter ihr her, schlucke das Blut hinunter. Ich kann den Pfad vor uns kaum sehen.
Es ist nur noch ein kurzes Stück. Wir erklimmen die Uferböschung auf der anderen Seite, schlängeln uns zwischen ein paar Bäumen hindurch, und plötzlich stehen wir wieder auf einer Schotterstraße.
Dort...
„Über diesen Titel“ kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
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