Der Illuminator: Roman - Softcover

Vantrease, Brenda

 
9783809024958: Der Illuminator: Roman

Inhaltsangabe

England um 1380 – um ihren Söhnen das Erbe zu retten, nimmt Lady Kathryn den Buchmaler Finn bei sich auf. Sie ahnt nichts von seiner geheimen Arbeit für den Kirchenkritiker John Wycliffe...

England um 1380. Das Volk ist den Launen von Adel und Klerus hilflos ausgeliefert. Bücher sind rare Kostbarkeiten – für gewöhnliche Sterbliche nahezu unerreichbar. Zudem werden sie nur in Latein oder normannischem Französisch verfasst. Aber die alte Ordnung zeigt erste Risse...
Um ihren beiden Söhnen das Erbe zu sichern und selbst den Schutz des Klosters zu gewinnen, lässt sich Lady Kathryn auf einen Handel mit dem mächtigen Abt von Broomholm ein: Auf Drängen der Abtei nimmt sie den Illuminator Finn und dessen Tochter Rose bei sich auf. Finn, ein Meister der Buchmalerei, wurde für eine große Aufgabe ausgewählt: Er soll das Johannes-Evangelium des Klosters illustrieren.
Was Lady Kathryn nicht ahnt: Finn arbeitet heimlich für den Kirchenkritiker John Wycliffe, der die Bibel erstmals ins Englische übersetzen und so auch dem einfachen Volk zugänglich machen will. Zunächst freunden sich Kathryn und Finn nur zögerlich an, doch dann entwickelt sich eine leidenschaftliche Liebe – die jedoch einem Sturm aus tragischen Verwicklungen, Intrigen und Verrat ausgesetzt ist…

Farbenprächtig, opulent und auf unwiderstehliche Weise fesselnd – ein großer Roman über eine faszinierende historische Epoche!

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

Brenda Vantrease promovierte an der Middle Tennessee State University in englischer Literatur. Sie arbeitete viele Jahre als Englischlehrerin und Bibliothekarin. Doch ihre wahre Leidenschaft galt der englischen Geschichte und Literatur. Ausgiebig bereiste sie Großbritannien und Irland. Nach zahlreichen Essays und Kurzgeschichten verfasste sie mit »Der Illuminator« ihren ersten Roman. Nach diesem Debüterfolg ist »Die Schriftenhändlerin« ihr zweiter großer historischer Roman. Brenda Vantrease lebt in Nashville, Tennessee.

Aus dem Klappentext

"In einem Atemzug zu nennen mit 'Der Name der Rose` - aber weitaus romantischer und charmanter!"
Kirkus Reviews

"Die mit beeindruckendem Detailwissen temporeich erzählte Geschichte zieht den Leser unwiderstehlich in ihren Bann."
Publishers Weekly

"Brenda Vantrease breitet diese komplexe Epoche mit Einfallsreichtum und Hingabe vor dem Auge des Leser aus - sehr zu empfehlen!"
Library Journal

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

PROLOG

Oxford, England 1379

John Wycliffe legte seine Feder zur Seite und rieb sich die müden Augen. Die Kerze war schon fast heruntergebrannt und spuckte kleine Wölkchen aus Rauch. In wenigen Minuten würde sie endgültig erloschen sein. Das war seine letzte Kerze. Es war erst Mitte des Monats, aber er hatte den ihm zugeteilten Vorrat bereits vollständig aufgebraucht. Als Dozent am Balliol College der Universität von Oxford stand ihm eine gewisse Anzahl von Kerzen zu. Die anderen Kleriker, die bei Tag arbeiteten und nachts schliefen, kamen damit meistens auch aus. Wycliffe aber schlief nachts kaum. Sein Vorhaben trieb ihn zeitig aus dem Bett und hielt ihn lange davon fern.
Das orangefarbene Glühen des Kohlenbeckens vermochte die Dunkelheit, die sich in den Ecken seines spartanischen Zimmers auszubreiten begann, nicht zu vertreiben. Die Kerze zischte und verlosch. Bald würde das Mädchen kommen, um sauber zu machen. Er würde sie zum Kerzenmacher schicken und die Kerzen aus eigener Tasche bezahlen. Er wollte keinesfalls Aufmerksamkeit auf seine Arbeit lenken, indem er den Quästor, den Schatzmeister, um Nachschub bat oder sich von seinen Kollegen ein paar Kerzen geben ließ.
Zumindest konnte er sich jetzt, während er auf das Zimmermädchen wartete, eine kleine Pause gönnen. Die hatte er auch dringend nötig. Seine Hand tat ihm vom stundenlangen Schreiben weh. Er hatte Kopfschmerzen, weil er seine Augen in dem matten Licht zu sehr angestrengt hatte, und die gebeugte Sitzhaltung vor seinem Schreibpult hatte seine Glieder steif werden lassen. Auch sein Geist war erschöpft. Wie immer, wenn er müde wurde, begann er seine Mission in Frage zu stellen. War es möglicherweise gar nicht Gott selbst, der ihn zu dieser gewaltigen Aufgabe berufen hatte, sondern lediglich sein Stolz und seine intellektuelle Arroganz? Oder hatte er sich einfach nur durch den Herzog von Lancaster auf diesen tückischen Pfad locken lassen? Der Herzog war gerade dabei, die Herrschaft über ein ganzes Königreich zu erlangen, und verspürte dabei keineswegs den Wunsch, seinen Reichtum mit einer gierigen Kirche zu teilen. Aber es konnte keine Sünde sein, so sinnierte Wycliffe, einen solchen Mann als Gönner zu akzeptieren, jedenfalls dann nicht, wenn sie auf diese Weise gemeinsam die Tyrannei der Priester, Bischöfe und Erzbischöfe brechen konnten. John of Gaunt, der Herzog von Lancaster, handelte aus purem Eigennutz, John Wycliffe, um die Seele Englands zu retten.
König Edwards Tod war für das Land ein Segen gewesen, und das trotz der politischen Machtkämpfe, die jetzt zwischen den Onkeln des minderjährigen Königs tobten. Edward hatte ein lasterhaftes Leben geführt, der Makel der Sünde hatte seinen Hof zerfressen. Er hatte sich sogar in aller Öffentlichkeit mit seiner Mätresse Alice Perrers gezeigt, von der es hieß, dass sie eine große Schönheit sei. Wycliffe hielt sie jedoch für nichts anderes als ein Werkzeug des Teufels. Welcher schwarzen Kunst hatte sich dieses intrigante Frauenzimmer wohl bedient, um die Seele eines Königs zu gewinnen? Zumindest hatte mit Edwards Tod auch Alice Perrers die Jauchegrube verlassen, zu der sein Hof geworden war. Jetzt war John of Gaunt Reichsverweser. Und John of Gaunt stand auf seiner Seite.
Vorläufig jedenfalls.
Wycliffe schob seinen Stuhl ein Stück zurück und stand vom Schreibpult auf. Er sah zum Fenster hinaus, das ihm einen wunderbaren Blick über Oxford bot. Unten auf der Straße grölte eine Gruppe betrunkener Studenten, für die der Abend offensichtlich noch lange nicht zu Ende war. Woher sie das Geld für den nicht versiegenden Nachschub an Bier hatten, blieb ihm ein Rätsel. Er vermutete, dass sie stets das billigste Ale, den letzten Ausschank, tranken, obwohl sicher weit mehr Ale nötig war, als es der Bauch eines dicken Mannes fassen konnte, um eine so ausgelassene Stimmung zu bewirken. Einen Moment lang beneidete er die bierseligen Studenten beinahe um ihre Unschuld, ihre zügellose Freude und ihre einzigartige Ziellosigkeit.
Das Mädchen sollte eigentlich schon längst da sein. Sie hatte sich jetzt bereits um eine Stunde verspätet, das sagte ihm das tiefe Indigoblau, das sich im Fenster spiegelte einem verglasten Fenster, das zugleich Zeichen seines hohen Ranges war. Er hätte in dieser Zeit zwei ganze Seiten der Vulgata übersetzen können zwei Seiten mehr, die er auf das Päckchen hätte legen können, das er morgen nach East Anglia schicken würde. Die Arbeit des Illuminators gefiel ihm gut. Nicht zu überladen, aber sehr schön und des Textes würdig. Ganz anders als der Stil der Pariser Gilde mit ihren protzigen Farben und der verschwenderischen Ausgestaltung. Wie er diese gotteslästerlichen, grotesken Ornamente hasste, die wilden Tiere, Vögel und närrischen Figuren, die zur Belustigung des Lesers in die Marginalien eingefügt waren. Sein Illuminator hier arbeitete auch noch billiger als die Pariser Meister. Und der Herzog persönlich hatte ihm versichert, dass man auf seine Diskretion vertrauen konnte.
Stimmen hallten jetzt wieder von unten herauf, Lachen, Liedfetzen, und verklangen dann in der Ferne. Das Mädchen würde gewiss bald kommen. Er musste heute Nacht unbedingt noch weiter arbeiten. Die Hälfte des Johannesevangeliums hatte er bereits übersetzt. Schatten flackerten durch das Zimmer. Seine Lider wurden schwer.
Jesus hatte sich mit den Priestern im Tempel angelegt. Wycliffe konnte sich mit einem Papst anlegen. Oder mit zweien.
Die Kohlen im Becken fielen in sich zusammen und flüsterten ihm dabei zu. Während du trödelst, verderben viele Seelen.
Dann schlief er vor der Kohlenglut ein.
Joan wusste, dass sie zu spät kam, als sie die Treppe zu Master Wycliffes Zimmer hinaufhastete. Sie hoffte inständig, dass er zu sehr mit seiner Arbeit beschäftigt war, um es zu bemerken. Sie hatte hinter seinem Fenster jedoch keinen Kerzenschein gesehen. Manchmal registrierte er ihre Anwesenheit kaum, während sie seine schmutzige Wäsche einsammelte, den Fußboden fegte und seinen Nachttopf leerte. Aber wenn sie Pech hatte, war er, was allerdings nur selten vorkam, in gesprächiger Stimmung. Dann erkundigte er sich nach ihrer Familie, fragte sie, wie ihre Verwandten die Sonntage verbrachten, und wollte wissen, ob von ihnen jemand lesen könne.
Nicht, dass ihr seine Neugier unangenehm gewesen wäre. Denn trotz seiner schroffen, abweisenden Art hatte er sehr freundliche Augen, und immer wenn er sie »Kind« nannte, erinnerte er sie an ihren Vater, der letztes Jahr gestorben war. Aber heute wollte sie nicht mit ihm reden. Sie war sich nämlich sicher, dass sie dann zu weinen anfangen würde. Abgesehen davon würde er das hier nicht gutheißen, dachte sie, als sie die Reliquie betastete, die wie ein Rosenkranz an ihrer Taille hing. Sie hatte sie mit ihrem roten Band an der Hanfschnur befestigt, die ihr als Gürtel diente.
Sie strich sich das lose Haar unter der schäbigen Leinenkappe glatt, holte tief Luft und klopfte dann leise an die Eichentür. Als sie keine Antwort vernahm, klopfte sie noch einmal, diesmal lauter. Sie räusperte sich. »Master Wycliffe, ich bin s, Joan. Ich bin gekommen, um Eure Wohnung sauber zu machen.«
Sie drückte die Türklinke herunter und öffnete die Tür einen Spalt.
»Master Wycliffe?«
Aus dem düsteren Inneren tönte es ihr barsch entgegen: »Komm herein, Kind. Du bist spät dran. Wir verschwenden Zeit.«
»Es tut mir wirklich Leid, Master Wycliffe. Aber es war wegen meiner Mutter, wisst Ihr. Sie ist sehr krank. Und außer mir ist niemand da, der sich um die Kleinen kümmern könnte.«
Sie huschte im Zimmer umher, zündete die Binsenlichter an. Die Flammen flackerten, als sie das Fenster öffnete und den Inhalt seines Nachttopfs in weitem Bogen hinausschüttete. Sie raffte seine schmutzige Wäsche zu einem Bündel zusammen und spürte dabei, wie sein Blick auf ihr ruhte. Die Papiere auf seinem Schreibpult rührte sie niemals an. Sie hatte auf schmerzhafte Weise lernen müssen, dass das nicht erlaubt war.
»Soll ich eine...

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