Der Mann mit dem Fagott: Roman - Softcover

Jürgens, Udo; Moritz, Michaela

 
9783809024828: Der Mann mit dem Fagott: Roman

Inhaltsangabe

Ob in Dur oder Moll - mit ihrem opulenten Roman um die Geschichte einer deutschen Familie treffen Udo Jürgens und Michaela Moritz mit beinahe traumwandlerischer Sicherheit den Ton einer bewegten Zeit.

Bremen 1891: Nachdenklich schlendert Udo Jürgens‘ Großvater, Heinrich Bockelmann, über den Weihnachtsmarkt. Er steht vor einer schwierigen Entscheidung. Soll er nach Amerika aufbrechen, um sein Glück zu suchen, oder nach Russland, das sein Vater ihm als Land der unbegrenzten Möglichkeiten geschildert hat? Da hört er den anrührenden Klang eines Fagotts, der ihm wie das Echo seiner eigenen Gefühle erscheint: die russische Weise »Kalinka« – für Heinrich Bockelmann ein Zeichen des Schicksals ...

Udo Jürgens-Bockelmanns biographischer Roman, in dem die faszinierende Geschichte seiner Familie sowie sein eigenes Leben die großen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts widerspiegelt: Der Bogen spannt sich dabei vom Glanz der Zarenzeit über die russische Revolution, die beiden Weltkriege, das Dritte Reich, die deutsche Teilung und das Ende des Kalten Krieges bis hin zum Fall der Berliner Mauer.

„Die Geschichte meiner Familie hat mich seit meiner Kindheit geprägt und mein Weltbild entscheidend mitbestimmt, die Suche nach ihren Spuren hat mich seit vielen Jahren begleitet, die Idee zu diesem Buch trage ich schon beinahe mein ganzes Leben mit mir herum. Es erzählt die Wahrheit und ist doch ein Roman: Es erzählt die Geschichte so, wie ich sie sehe, sie recherchiert oder erlebt, sie aus den Erzählungen meiner Kindheit und Jugend rekonstruiert habe.“ Udo Jürgens


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Über die Autorinnen und Autoren

Udo Jürgens-Bockelmann, geb. am 30.9.1934 in Klagenfurt, Komponist, Interpret, Musiker und Entertainer. Mit diesem Buch macht er sich auf die Suche nach seinen Wurzeln und erzählt die Geschichte seiner Familie, die ihm von Kindesbeinen an zum wichtigen und prägenden Lebensthema wurde – eine literarische Spurensuche in diesem politisch aufgewühlten Jahrhundert zwischen Monarchie, Kommunismus, Faschismus und Demokratie, zwischen Glanz und Elend, Krieg und Frieden.

Michaela Moritz, geb. 1970, erhielt 1994 unter Pseudonym den österreichischen Nachwuchsförderpreis für Literatur. Die Autorin lebt am Bodensee.

Michaela Moritz, geb. 1970, erhielt 1994 unter Pseudonym den österreichischen Nachwuchsförderpreis für Literatur. Die Autorin lebt am Bodensee.

Aus dem Klappentext

"Udo Jürgens hat ein wunderschönes, spannendes Familienepos geschrieben."
Kultur

"Der Musiker als Autor - Udo Jürgens beweist sich auch auf diesem Gebiet. Er kann wunderbar erzählen; er hat gründlich recherchiert, was die Familien- und Zeitgeschichte betrifft. Ein Mann also mit vielen Eigenschaften. Und welchen Anteil Michaela Moritz an diesem Buch haben mag - auch sie hat eine großartige schriftstellerische Leistung vollbracht."
Kölnische Rundschau

"Ihm ist ein trefflicher Schmöcker gelungen, ein spannender Mix aus eigenem Leben, seiner Familie bis hin zum Stammvater, dem Großvater Heinrich Bockelmann, Banker im Moskau der Zarenzeit."
Die Bunte

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Wahrheit oder Lüge? – Das Leben als Roman

Die Geschichte meiner Familie hat mich seit meiner Kindheit geprägt und mein Weltbild entscheidend mitbestimmt, die Suche nach ihren Spuren hat mich seit vielen Jahren begleitet, die Idee zu diesem Buch trage ich schon beinahe mein ganzes Leben mit mir herum.
Es erzählt die Wahrheit und ist doch ein Roman: Es erzählt die Geschichte so, wie ich sie sehe, sie recherchiert oder erlebt, sie aus den Geschichten meiner Kindheit und Jugend rekonstruiert habe. Aber jede Geschichte enthält so viele Wahrheiten wie Personen, die dabei waren oder darüber erzählen.
Ich war nicht dabei, als mein Großvater im Jahre 1912 durch Moskau fuhr, als mein Vater seinen ersten Theaterbesuch erlebte, als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach und mein Großvater in St. Petersburg den Jubel der Massen sah und hörte oder als mein Vater 1945 in Klagenfurt in Gestapohaft saß. Ich weiß nicht, bei welchem Satz genau mein Onkel Werner die Stirn runzelte, als er 1958 beim Versuch, das Haus seiner Kindheit zu photographieren, verhaftet wurde, und mich mögen auch meine Erinnerungen an meine eigene Kindheit und Jugend da oder dort trügen. Freunde und Weggefährten von damals werden vielleicht andere Geschichten erzählen, weil sie genau die gleiche Geschichte anders erlebt haben. Dieses Risiko muß man eingehen, wenn man sich vornimmt, so ein Buch zu schreiben.
Was ich recherchieren konnte, habe ich recherchiert, ich habe historische Bücher studiert, alte Dokumente gesucht und gefunden, bin bis nach Moskau und St. Petersburg gereist, um die Orte zu besuchen, die ich hier beschreibe, und um in Archiven zu forschen. Ich habe Historiker und meine Familie befragt und mich auf meine Erinnerungen und mein Lebensgefühl verlassen.
Wahrscheinlich war nicht jede Geschichte ganz genau so, wie sie hier beschrieben ist, aber sie könnte so gewesen sein, und sicher liegt die Wahrheit nicht allzuweit davon entfernt. Letztendlich enthält dieses Buch die einzige Wahrheit, die ich über meine Familie, meinen eigenen Lebensweg und den »Mann mit dem Fagott« erzählen konnte.
Da und dort haben wir Namen geändert und Personen ein wenig anonymisiert, um niemanden zu verletzen oder an den Pranger zu stellen und die Nachkommen jener, die irgendwann fragwürdig gehandelt haben, zu schützen, denn dieses Buch will nicht anklagen und alte Wunden aufreißen, sondern die Geschichte meiner Familie, an der sich die Geschichte dieses Jahrhunderts spiegelt, auf eine ganz persönliche Weise neu erzählen.
Udo Jürgens-Bockelmann

PROLOG: Bremen, Weihnachten 1891
Der Mann mit dem Fagott
Ein dumpfer Aufprall. Ein Schneeball zerspringt dicht vor Heinrich Bockelmanns Kopf an einer Hauswand. Kinderlachen, sich schnell entfernende Schritte. Wieder Stille, nur das Knirschen des Schnees unter seinen Füßen und in der Ferne leise die geheimnisvollen Klänge des Weihnachtsmarktes.
Die frühe Dunkelheit und das Glitzern der Festbeleuchtung im seltsam kalten Winter geben der Stadt ein fremdes, verzaubertes Gesicht. Vielleicht ist es der in dieser Stadt so seltene Schnee, der alles verändert. Oder vielleicht ist es auch nur Heinrichs Blick, der bereits fremd geworden ist, die Stadt wie zum ersten Mal betrachtet mit Augen, die das Besondere suchen, das Bleibende, Bilder, an denen die Erinnerung sich festhalten kann in der Fremde.
Jedes Haus, jeder Baum, jedes Licht, jeder Blick ein Abschiedsgruß. Er hatte es sich nicht so schwer vorgestellt. Mit 21 hatte man erwachsen zu sein, ein zielstrebiger junger Mann, der seinen Weg ging. Er mußte sich an diese Rolle erst herantasten, an den festen, zuversichtlichen Schritt in seine Zukunft.
»Halte die Augen und Ohren offen, sei dir sicher, wer du bist, und sei bereit zu lernen, dann wirst du deinen Weg finden«, hatte sein Vater zum Abschied gesagt und war wieder fortgereist, auf seinem Passagierschiff »Henriette«, mit dem Kapitän Bockelmann die Route Bremen – New York befuhr. Wie meistens würde sein Vater an Weihnachten nicht zu Hause sein. Heinrich kannte es nicht anders, und doch wäre es schön gewesen, den Vater noch ein wenig länger hier zu haben, diesmal … Der Rat des in der Fremde und im Leben so erfahrenen Vaters hätte ihm in diesen Tagen viel bedeutet. Solche Gespräche waren selten gewesen in Heinrichs Leben. Monatelang war der Vater fort, unterwegs auf den Weltmeeren. Kam er zurück, war er ein Fremder. Und kaum war die Fremdheit gewichen, war er schon wieder auf See, existierte nur noch in den wenigen Briefen und bunten Postkarten aus aller Welt, um die Heinrichs Spielkameraden ihn immer beneidet hatten.
Nun trieb es auch ihn fort, so stark die Stimme der Ungewißheit im Moment in ihm auch war und ihn zu halten suchte. Er wird gehen. In wenigen Tagen. Nur wohin, das weiß er noch nicht.
Die goldene Taschenuhr des Vaters, sein Abschiedsgeschenk, fühlt sich schwer an, fremd. Noch berührt er sie ein wenig distanziert, voll Respekt vor ihrem unschätzbaren Wert – und vor dem Gefühl, sie sich erst noch verdienen zu müssen. Noch öffnet er ein wenig verstohlen den Deckel, wie früher, als er heimlich mit ihr spielte. Manchmal ertappte sein Vater ihn damals dabei, lächelte, nahm ihm die Uhr aus der Hand, sagte: »Das ist eine Zauberuhr! Wenn dir die Zauberkräfte hold sind, kannst du sie mit deinem Atem öffnen.« Er ging in die Hocke, um mit Heinrich auf Augenhöhe zu sein, hielt sie ihm vor sein ungläubig-gespanntes Gesicht. »Puste!« Heinrich gab sich Mühe. »Das kannst du aber besser! Fester!« Heinrich pustete mit all seiner Kraft. »Noch mal!« Da sprang wie von Zauberhand der Deckel auf, und die Uhr machte summend und bimmelnd und klingend die Zeit hörbar. Zauberkraft … die könnte er jetzt wirklich brauchen. Heinrich lächelt, schließt den Deckel wieder, steckt die Uhr in seine Tasche. Die Zeit bis zu seiner Abreise möchte er gar nicht ermessen.
Duft nach Zimt und Mandeln aus jedem Haus. Schnaubende Pferde, knirschendes Zaumzeug. Ein zugerufener Gruß. Menschen auf dem Weg in die Stadt. Der Schnee dämpft die Geräusche der Straße, macht sie weicher, sanfter. Alles Alltägliche erscheint Heinrich heute besonders, festhaltenswert. Seit Kindertagen zieht es ihn in die Ferne. Stundenlang hatte er schon als kleiner Junge den Globus im Arbeitszimmer des Vaters studiert, sich die wohlklingenden Namen ferner Länder, fremder Städte eingeprägt, sich vorgestellt, sie später einmal alle zu bereisen.
Nun war der Zeitpunkt gekommen, wegzugehen, sich irgendwo in der Welt einen Platz zu suchen. Nur wo, das zu entscheiden, fällt ihm schwer. Beim letzten Besuch seines Vaters hatte er ihn um Rat gefragt. Man hatte in großer Runde mit Freunden und deren Familien zusammengesessen. Von Amerika hatte der Vater ihm abgeraten. Natürlich könne er mitfahren auf der »Henriette«, auf der Überfahrt arbeiten und sich damit die Kosten für die Reise verdienen. Natürlich sei das eine Möglichkeit, und sehenswert sei das Land allemal, aber zum Leben? Eher nicht. Es sei auf einem unheilvollen Weg. Unruhen, Aufstände, Streiks, die Stimmung gereizt, nervös. Es wimmle von gescheiterten Existenzen, Kriminellen, ein undurchschaubarer Sumpf, und die Wirtschaft sei auch nicht gerade stabil. Schwierig schon für die Etablierten, aber bestimmt kein gutes Pflaster für einen jungen Mann, der seinen Weg machen wolle. Und dann die Entfernung zu Europa, der unvergleichlichen europäischen Kultur … Der ganze Atlantik dazwischen … Diese Weite beeindrucke sogar ihn selbst noch. Nach all den Jahren, die er diese Strecke nun schon befuhr … Die Freunde des Vaters waren seiner Meinung.
Aber Rußland, das sei eine Überlegung wert. Ein junger Maat auf seinem Schiff stamme aus Sankt Petersburg. Was der so erzähle! Es müsse ein unvergleichlich glanzvolles Land sein und vor allem offen, das Land der Starken, so sagte man, das Land, in dem man mit einer Idee und harter Arbeit alles erreichen konnte. Besonders als Deutscher. Die...

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ISBN 10:  380902600X ISBN 13:  9783809026006
Verlag: Limes Verlag, 2011
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