Dunkle Wasser - Hardcover

 
9783764501167: Dunkle Wasser

Inhaltsangabe

Aus dem Engl. übers. von Eva L. Wahser 1. Aufl. 2004 445 (1) S. ; 22 cm Pp.

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Um zehn Uhr war es noch warm genug, um sich im Freien aufzuhalten, ohne zu frösteln. Der Himmel war mit Sternen übersät, zwischen denen ein rötlicher Erntemond aufgegangen war. Sie befanden sich auf einer ausgedehnten Waldlichtung. Tausend Menschen könnten hier tanzen, so weichfedernd war der dichte grüne Rasen, den ringsum hohe Bäume wie eine Mauer säumten. Buchen und Eschen und Kastanien. Da sie ihre Blätter noch nicht abgeworfen hatten, konnte man das Haus samt seinen Nebengebäuden und den Gärten nicht sehen, obwohl alles nicht weit entfernt lag.
Mitten auf der Lichtung hatten sich an die hundert Leute im Kreis aufgestellt. Die meisten hatten keine Ahnung, dass es das Haus gab. Sie waren über einen Feldweg gekommen, der von einem weiteren Feldweg abzweigte, der wiederum in eine ziemlich schmale Straße mündete. In Kleinbussen und Vans und einige in ihren eigenen Autos. Am Anfang des Feldwegs stand kein Hinweis, dass es sich um Privatbesitz handelte, nichts deutete auf das Vorhandensein des Hauses hin. Einige trugen ganz normale Kleidung, wie sie junge Männer und Frauen, aber auch Leute in mittleren Jahren bevorzugten: Jeans, Hemd, Pullover oder Jacke. Andere dagegen waren in schwarze oder braune wallende Gewänder gehüllt. Erwartungsvoll, vielleicht sogar erregt, hielten sie sich an den Händen.
Ein weiß gekleideter Mann weißes Hemd mit offenem Kragen, weiße Hose, weiße Schuhe trat in die Mitte des Rings. Als er dort angelangt war, begannen die Leute zu singen. Es war eine mitreißende Melodie, vielleicht ein Kirchenlied oder der Chor aus einer Oper oder einem Musical. Anschließend klatschten sie rhythmisch in die Hände. Als der Mann in Weiß das Wort ergriff, verebbte das Klatschen.
Mit lauter Stimme rief er, dass es weithin schallte: »Quälen euch böse Geister? Ist einer hier, der von einem üblen Geist besessen ist?«
Tiefes Schweigen. Keiner regte sich. Eine sachte Brise kam auf und wehte durch den Kreis, hob die langen Haare an und ließ die Gewänder flattern und fiel wieder zusammen, als eine Gestalt inmitten des Rings auftauchte. Keiner von denen, die sich an den Händen hielten, von den Sängern, die geklatscht hatten, hätte sagen können, woher der Neue kam. Kein Beobachter hätte entscheiden mögen, ob es sich um einen Mann handelte oder um eine Frau, nicht einmal aus nächster Nähe. Die Gestalt taumelte ein wenig, als hätte man sie gestoßen, und doch vermochte man unmittelbar dahinter kein lebendes Wesen zu entdecken. Vom Hals bis zu den Füßen war sie in ein schwarzes Gewand gehüllt, ein schwarzer Schleier bedeckte den Kopf. Ein Schrei stieg auf, von dem Mann, der nach den bösen Geistern gefragt hatte.
»Gieß dein Feuer herab, o Herr, verbrenn die bösen Geister!«
»Verbrenn, verbrenn, verbrenn!«, rief der Kreis.
Der Mann in Weiß und die Gestalt in Schwarz trafen einander. Aus einiger Entfernung ähnelten sie einem verkleideten Liebespaar, vielleicht maskierten Gestalten aus dem venezianischen Karneval. Allmählich wurde es dunkler, eine dünne Wolke trieb über das Gesicht des Mondes. Der Priester und der Bittsteller waren sie das wirklich? standen nahe beieinander, und doch konnte keiner sehen, ob sie sich wirklich berührten. Sehen war auch weniger wichtig, denn plötzlich gab es viel zu hören. Die schwarze Gestalt heulte auf, lang und dumpf wie bei einer Totenklage, und doch lauter als eine solche. Und dem ersten Aufheulen folgte eine ganze Reihe solcher Schreie. Sie klangen echt, nicht gespielt, als drängten sie qualvoll aus tiefstem Herzen hervor, aus einer geschundenen Seele. Sie schwollen an und ebbten ab, immer wieder lauter und leiser werdend.
Die weiße Gestalt verharrte ganz still. Die Menschen begannen zu zittern und zu schwanken, und bald klagten auch sie. Einige schlugen mit den Händen auf ihren Körper ein, aber auch mit Ästen, die sie vom Boden aufhoben. Sie schwankten und wehklagten, und die Wolke zog vorüber, so dass der Mond erneut hervortrat und die Zeremonie in weißen Feuerschein tauchte. Dann geriet auch die Gestalt in Schwarz in Bewegung. Nicht langsam wie die anderen, sondern rasch immer schneller werdend, und sie trommelte dabei mit den Händen nicht auf den eigenen Körper ein, sondern auf Brust und Arme des Weißgekleideten. Das Klagen wandelte sich zu einem Knurren, und man konnte die Zähne klappern hören.
Ohne Rücksicht auf die gewalttätigen Schläge hob der Mann in Weiß die Arme über den Kopf und rief mit der Stimme eines Priesters aus grauer Vorzeit: »Bekenne deine Sünden und Laster!«
Und dann kam sie, eine Litanei der Irrungen, der Verfehlungen, der Unterlassungen. Einige gemurmelt, andere so laut und deutlich ausgestoßen, dass es alle hören konnten. Eine Stimme, die sich zum Schrei der Verzweiflung steigerte. Die Leute waren still, lauschten begierig. Und weiter ging die Beichte, allerdings in weniger leidenschaftlichem Tonfall, und verebbte allmählich, bis das Wesen in Schwarz nur noch ermattet stammelte und zurückwich. Dann herrschte Schweigen, unterbrochen von einem einzigen, leisen, fast sinnlichen Seufzen, das aus der Menge aufstieg.
Der Priester begann zu sprechen, legte eine Hand auf die schwarz umhüllte Schulter und sagte mit dröhnender Stimme: »Fahre aus! Jetzt!« Absolution gab es keine, nur diesen Befehl: »Fahre aus!«
Eine Wolke schob sich vor den Mond, woraufhin die Leute erneut aufseufzten. Vielleicht verschlug es ihnen aber auch eher vor Staunen den Atem. Ein Schauder durchlief sie, als hätte ein Windstoß ein Kornfeld gestreift.
»Meine Kinder, seht die bösen Geister! Seht sie durch die Luft fliegen, quer über den Mond! Seht sie, die Dämonin Aschtoret, die im Mond haust!«
»Ich sehe! Ich sehe«, stieg der Ruf aus dem Kreis der Menschen auf. »Wir sehen die Dämonin Aschtoret!«
»Die Kreatur, die ihre Herberge war, hat große Sünden des Fleisches gebeichtet, doch dann ist sie ausgefahren, die Dämonin, die Verkörperung sündiger Fleischeslust, und mit ihr die anderen minderen Geister. Seht, wie sie jetzt hoch über uns durch die Lüfte ziehen!«
»Ich sehe! Ich sehe!«
Endlich sprach der Bittsteller in Schwarz mit gebrochener Stimme, matt und geschlechtslos: »Ich sehe, ich sehe «
»Dank sei Gott, dem Herrn der Heerscharen!«, rief der Mann in Weiß. »Dank sei der Geheiligten Dreifaltigkeit und allen Engeln!«
»Dank sei dem Herrn!«
»Dank sei dem Herrn und allen Engeln«, sagte die Gestalt in Schwarz.
Binnen weniger Augenblicke war sie nicht mehr in Schwarz. Zwei Frauen durchbrachen den Kreis und traten in die Mitte, die Arme voll weißer Gewänder. Sie bekleideten die schwarze Gestalt von Kopf bis Fuß, sodass zwei Menschen in Weiß dastanden.
Diejenige, die einmal schwarz gewesen war, rief mit lauter Stimme, frei von jeder Qual: »Dank sei Gott, dem Herrn, der seinen Diener von Sünde erlöst und wieder rein gewaschen hat.«
Kaum waren die Worte gesprochen, begann der Tanz. Die beiden weißen Gestalten verschmolzen mit der Menge, während jemand Musik machte. Die Melodie kam aus unbestimmter Richtung, erinnerte an einen schottischen Reel und war seltsamerweise auch ein Kirchenlied. Alle tanzten und klatschten. Eine Frau hatte ein Tamburin, eine andere eine Zither. Mitten zwischen ihnen stand die Gestalt, die gesündigt hatte und erlöst und gereinigt worden war, und lachte ein fröhliches Lachen wie jemand, der sich bei einem Kindergeburtstag vergnügt. Obwohl es nichts zu essen, zu rauchen und zu trinken gab, waren sie trunken vor Erregung, vor jener Hysterie, die entsteht, wenn sich viele in einem Glauben, in einer Leidenschaft, versammelt haben. Und der Erlöste lachte ein ums andere Mal lauthals auf, glücklich und fröhlich wie ein Kind.
Der Tanz dauerte eine halbe Stunde, bis die Musik abbrach. Das Signal zum Aufbruch. Plötzlich war alles wieder gedämpft, und jeder begab sich zum Feldweg zurück, wo am Grasrand die Fahrzeuge parkten.
Der Priester, der allein gekommen war, wartete, bis die Leute fort waren, ehe er sein Gewand abstreifte. Darunter tauchte ein ganz normaler Mann in Jeans und Fliegerjacke auf. Nachdem er die Gewänder in seinen Kofferraum gelegt hatte, ging er über die Auffahrt zu dem Haus. Aus heutiger Sicht war es groß, ein Gebäude aus der frühviktorianischen Epoche. Zwei flache Treppen führten zu einer Eingangstür in einem bescheidenen Portikus hinauf. Eine Balustrade säumte das Schieferdach. Alles in allem ein nettes, wenn auch ziemlich langweiliges Haus, von denen es in ganz England hunderte, wenn nicht tausende gab. Offensichtlich war niemand zu Hause, was an einem Wochentag auch nicht verwunderte. Er stieg die linke Treppe hinauf, zog einen Umschlag aus der Tasche und schob ihn durch den Briefschlitz. Wie die meisten seiner Schäfchen lebte er in bescheidenen Verhältnissen und wollte die Portokosten sparen.
Der Haus- und Grundbesitzer hatte um eine Gebühr gebeten. Natürlich. Dabei war er ein reicher Mann. Allerdings hatte sich der Priester wenn er denn einer war über die Forderung von zweihundert Pfund entrüstet. Schließlich hatten sie sich auf einhundert Pfund geeinigt. Der Umschlag enthielt außerdem ein kurzes Dankschreiben. Schließlich wollten die Leute den Platz im Freien wieder einmal benützen, wie sie es schon früher mehrfach getan hatten. So nannte der Priester diesen Ort, auch wenn er die Bezeichnung Tanzplatz gehört hatte, doch das klang in seinen Ohren nach Götzendienst.
Er ging zu seinem Wagen zurück.

1.

Normalerweise konnte man den Kingsbrook von seinem Fenster aus nicht sehen, weder dessen Bett mit den vielen Windungen noch die Weiden, die zu beiden Seiten das Ufer säumten. Aber jetzt konnte er ihn sehen, oder besser gesagt das, was er geworden war: ein Fluss, breit wie die Themse, jedoch flach und reglos, ein weiter See, der sein eigenes Tal füllte und dabei die Feuchtwiesen unter einem silbrig-glatten Tuch begrub. Nur wenige Häuser standen in diesem Tal entlang einer inzwischen verschwundenen Wiese, die unter einer gleichfalls verschwundenen Brücke hindurchführte. Doch davon schauten nur noch die Dächer und die oberen Stockwerke aus dem Wasser heraus. Er dachte an sein eigenes Haus auf der anderen Seite dieses gemächlich ansteigenden Sees. Noch hatte es das Hochwasser nicht erreicht, sondern plätscherte nur sachte, aber stetig gegen das hintere Ende seines Gartens.
Es regnete. Doch wie hatte er zu Burden vor gut vier Stunden gesagt? Da der Regen nun mal nichts Neues mehr war, wurde jede Bemerkung darüber langweilig. Das einzig Aufregende, was wirklich einen Kommentar wert war, war die Tatsache, wenn es einmal nicht regnete. Er nahm den Hörer zur Hand und rief seine Frau an.
»Ziemlich genauso wie zu dem Zeitpunkt, als du weggingst«, sagte sie. »Der hintere Teil des Gartens steht unter Wasser, aber es hat noch nicht den Maulbeerbaum erreicht. Meiner Ansicht nach ist alles unverändert, denn daran messe ich s, am Maulbeerbaum.«
»Nur gut, dass wir keine Seidenraupen züchten«, sagte Wexford. Das Entschlüsseln dieser rätselhaften Bemerkung überließ er seiner Frau.
Seit Menschengedenken hatte es in diesem Teil von Sussex nichts Vergleichbares gegeben wenigstens nicht, soweit er sich erinnern konnte. Trotz einer doppelten Sandsackbarriere hatte der Kingsbrook an der High Street Bridge die Straße überflutet und das Arbeitsamt sowie Sainsbury s überschwemmt, aber bisher, o Wunder, das Hotel »Olive and Dove« verschont. Es lag auf einem kleinen Hügel. Die meisten höher liegenden Häuser waren davongekommen. Im Gegensatz zur High Street und der Glebe Road sowie Queen Street und York Street mit ihren uralten Schaufenstern und den vorspringenden Dächern. Hier stand das Wasser zwischen einem Viertel bis einem halben Meter hoch, an einigen Stellen sogar knapp einen Meter. Im Friedhof von St. Peter durchbrachen die Spitzen der Grabsteine wie Felsen, die über die Meeresoberfläche ragen, einen grauen, von Regentropfen gesprenkelten See. Und es regnete immer noch.
Nach Auskunft des Umweltamts war der Boden in den überschwemmten Ebenen von England und Wales derart durchnässt und mit Wasser gesättigt, dass keiner der letzten Regengüsse abfließen konnte. In Kingsmarkham und noch mehr im flacheren, tief liegenden Pomfret gab es Häuser, die bereits im Oktober unter Wasser gestanden hatten und jetzt, Ende November, erneut überschwemmt wurden. Zeitungen machten ihren Lesern die freudige Mitteilung, dass sich derartige »Immobilien« nie mehr verkaufen ließen, also wertlos waren. Die Besitzer hatten sie schon vor Wochen verlassen und waren zu Verwandten oder in kurzfristig gemietete Wohnungen gezogen. Die ortsansässigen Behörden hatten sämtliche zehntausend Sandsäcke aufgebraucht. Bei der Bestellung hatte man noch darüber gespöttelt, man würde vermutlich nicht einmal die Hälfte benötigen. Jetzt lagen alle unter Wasser. Neue waren angefordert, aber noch nicht eingetroffen.
Wexford versuchte, nicht daran zu denken, was passierte, wenn es vor Einbruch der Nacht noch einmal gut sechs Liter pro Quadratmeter regnete, und das Wasser Doras Maulbeerbaum erreichte und weiter stieg. Von dieser Stelle an senkte sich der Boden auf der dem Haus zugewandten Baumseite ganz langsam bis zu einer niedrigen Mauer, die die Rasenfläche von der Terrasse und den raumhohen Fenstertüren trennte. Ein ziemlich nutzloser Hochwasserschutz. Trotz aller Bemühung malte er sich ständig aus, wie das Wasser die Mauer erreichte und schließlich darüber lief Erneut griff er zum Telefon, doch diesmal berührte er lediglich den Hörer und zog die Hand wieder zurück. Die Tür ging auf, Burden kam herein.
»Regnet immer noch«, sagte er.
Wexford musterte ihn nur mit einem Blick, mit dem man etwas anschaut, das man drei Monate nach seinem Verfallsdatum hinten im Kühlschrank entdeckt.
»Eben habe ich etwas Verrücktes gehört. Dachte, es könnte dich amüsieren. Anscheinend kannst du eine Aufheiterung gebrauchen.« Er setzte sich auf seinen Lieblingsplatz am Schreibtischeck. Er ist schlanker denn je und sieht aus, als hätte er gerade sein Gesicht liften lassen und eine Ganzkörpermassage sowie drei Wochen Fitnesshotel hinter sich, dachte Wexford. » Ne Frau rief an und sagte, sie sei mit ihrem Mann übers Wochenende nach Paris gefahren und hätte ihre Kinder einem Babysitter anvertraut. Vermutlich müsste man Teenagersitter sagen. Gestern seien sie spät abends zurückgekommen und hätten entdeckt, dass die ganze Truppe ausgeflogen war. Selbstverständlich vermutet sie, dass alle ertrunken sind.«
»Und das ist amüsant?«
»Klingt ziemlich bizarr, oder? Die Teenager sind fünfzehn und dreizehn, die Aufpasserin über dreißig Jahre alt, alle können schwimmen, und das Haus steht Kilometer oberhalb des Hochwassers.«
»Wo denn?«
»Am Lyndhurst Drive.«
»Also nicht weit von mir. Was die Kilometer oberhalb des Hochwassers betrifft: Langsam schleicht das Wasser meinen Garten hinauf.«
Burden überkreuzte die Beine und schlenkerte lässig seinen elegant beschuhten Fuß. »Kopf hoch. Im Brede-Tal ist s schlimmer. Kein einziges Haus kam davon.« Wexford sah es förmlich vor sich: Gebäude, die Beine bekommen und davonrennen, verfolgt vom wütenden Hochwasser. »Jim Pemberton ist schon hinauf, zum Lyndhurst Drive, meine ich. Außerdem hat er die Spezialeinheit für Unterwassereinsätze verständigt.«
»Die was?«
»Davon hast du doch sicher schon gehört.« Den Zusatz »sogar du« verkniff sich Burden gerade noch. »Handelt sich um eine gemeinsame Initiative der Gemeinde Kingsmarkham und der Feuerwehr. Hauptsächlich Freiwillige in Neoprenanzügen.«
»Wenn es sich um einen Witz handelt«, sagte Wexford, »ich will sagen, wenn wir die Sache nicht ernst nehmen, warum dann diese extremen Maßnahmen?«
»Kann nicht schaden, wenn man auf Nummer Sicher geht«, meinte Burden gelassen.
»Na schön, lass mich das mal klar stellen. Diese Kinder worum handelt es sich eigentlich? Ein Junge und ein Mädchen? Und wie heißen sie?«
»Dade. Giles und Sophie Dade. Den Namen der Aufpasserin kenne ich nicht. Beide können schwimmen. Der Junge hat sogar irgendeine Silbermedaille für Lebensrettung bekommen, und das Mädchen hat knapp die Teilnahme am Juniorenteam des Landesschwimmverbandes verpasst. Weiß Gott, wie die Mutter auf den Gedanken kommt, sie wären ertrunken. Meines Wissens hatten sie keinen Grund, sich in die Nähe des Hochwassers zu begeben. Jim wird das schon auf die Reihe bekommen.«
Wexford sagte nichts mehr. Erneut trommelte der Regen gegen die Scheiben. Er stand auf und trat ans Fenster, aber als er hinaussah, regnete es so heftig, dass man außer weißem Nebel und den Regentropfen, die in unmittelbarer Nähe auf dem Fensterblech zerplatzten, nichts erkennen konnte. »Wo wirst du essen?«, fragte er Burden.
»Vermutlich in der Kantine. Da hinaus bringen mich keine zehn Pferde.«
Um drei Uhr kam Pemberton zurück und meldete, mehrere freiwillige Taucher hätten die Suche nach Giles und Sophie Dade aufgenommen. Allerdings geschehe dies weniger aus echter Besorgnis, sondern wäre eher eine Formalität, um Mrs. Dades Nerven zu beruhigen. Nicht eine Wasseransammlung im Bereich Kingsmarkham habe bisher die Tiefe von mehr als einem Meter überschritten. Drüben im Brede-Tal sei die Situation wesentlich ernster. Vor einem Monat war dort eine Frau, die nicht schwimmen konnte, ertrunken, als sie von dem Behelfssteg fiel, den man zwischen einem ihrer Fenster im oberen Stockwerk und dem höher gelegenen Gebiet gebaut hatte. Sie hatte versucht, sich an den Stegstützen festzuhalten, aber das Hochwasser stieg über ihren Kopf, und Regen und Wind rissen sie fort. So etwas konnte den Kindern der Dades nicht passiert sein. Schließlich waren sie ausgezeichnete Schwimmer, für die nicht einmal doppelt so tiefes Wasser ein Problem gewesen wäre.
Nach allgemeiner Ansicht gab es einen weitaus wichtigeren Grund zur Besorgnis: Derzeit wurden bereits mehrere Geschäfte in der überschwemmten High Street geplündert. Ziemlich viele Ladenbesitzer hatten ihre Ware Kleidung, Bücher, Zeitschriften und Briefpapier, Porzellan, Glas und Küchenbedarf in die oberen Stockwerke ausgelagert und waren anschließend ebenfalls ausgezogen. Nachts wateten Plünderer durchs Wasser einige schleppten sogar Leitern mit , warfen die Fenster ein und bedienten sich nach Lust und Laune. Ein Dieb, den Detective Sergeant Vine verhaftet hatte, beteuerte, er hätte ein Anrecht auf das von ihm gestohlene Bügeleisen und den Mikrowellenherd. Er betrachtete diese Waren als Ausgleich für die Überschwemmung seiner Erdgeschosswohnung, für die er sicher keinerlei Entschädigung bekäme. Hinter dem Diebstahl im Audio Markt an der York Street sämtliche CDs und Kassetten waren entwendet worden vermutete Vine eine Gruppe schulpflichtiger Teenager.
Obwohl Wexford am liebsten jede halbe Stunde bei seiner Frau nachgefragt hätte, nahm er sich zusammen und telefonierte erst wieder um halb fünf. Mittlerweile war der Platzregen einem unerbittlichen Nieseln gewichen. Das Telefon klingelte und klingelte. Als er beinahe schon sicher war, dass sie weggegangen war, hob sie den Hörer ab.
»Ich war draußen. Ich hörte es klingeln, musste aber erst meine Gummistiefel ausziehen und versuchen, nicht allzu viel Dreck zu machen. Bei Regen und Matsch braucht man für die einfachsten Arbeiten im Freien doppelt so lange.«
»Wie geht s dem Maulbeerbaum?«
»Reg, das Wasser steht dort und schwappt leicht gegen den Stamm. Na ja, war ja auch logisch, so wie s geregnet hat. Ich habe mir überlegt, ob wir etwas dagegen tun könnten, gegen das steigende Wasser, meine ich, nicht gegen den Regen. Dagegen hat man noch kein Mittel erfunden. Ich dachte an Sandsäcke. Leider hat die Gemeinde keine. Bei meinem Anruf sagte die Frau dort, sie würden darauf warten, dass welche hereinkommen. Erinnerte mich an eine Verkäuferin.«
Er lachte, wenn auch nicht sehr fröhlich. »Das Wasser können wir nicht aufhalten. Trotzdem können wir uns schon mal Gedanken machen, wie wir unsere Möbel nach oben schaffen.« Hol dir Neil zur Hilfe, hätte er beinahe gesagt. Doch dann fiel ihm wieder ein, dass sein Schwiegersohn aus ihrer aller Leben verschwunden war, seit er und Sylvia sich getrennt hatten. Stattdessen erklärte er Dora, er wäre gegen sechs Uhr zu Hause.

„Über diesen Titel“ kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Weitere beliebte Ausgaben desselben Titels

9783442460748: Dunkle Wasser: Ein Inspector-Wexford-Roman (Goldmann Allgemeine Reihe)

Vorgestellte Ausgabe

ISBN 10:  3442460743 ISBN 13:  9783442460748
Verlag: Goldmann Verlag, 2005
Softcover