Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933-1945, 8 Bde. - Softcover

Victor Klemperer

 
9783746655147: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933-1945, 8 Bde.

Inhaltsangabe

Auflage: 1. 1999 1800 Seiten paperback Aufbau TB,

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

1933
14. Januar, Sonnabend
Rektorwahl: Nach großem Intrigenkampf wurde Reuther zum zweitenmal gewählt, und Gehrig unterlag. Es war eine schmutzige Sache, ein gegen unsere Abteilung gedrehtes Ding. Trotz meiner Beteiligung an der "Munkelkonmmission" blieb ich innerlich fast unberührt. Ebenso gleichgültig war es mir, daß gestern abend (Abteilungssitzung) Beste Dekan wurde.
Die Qualen des neuen Jahres die gleichen wie vorher: das Haus, Frost, Zeitverlust, Geldverlust, keine Kreditmöglichkeit, Evas Verbohrtheit in den Hausbau und ihre Verzweiflung immer noch wachsend. Wir werden wirklich an dieser Sache zugrunde gehen. Ich sehe es kommen und fühle mich hilflos.
Der Hueberprozeß quält mich auch sehr, raubt Zeit und nimmt keinen günstigen Verlauf. Ich hätte mich mit den gebotenen 250 M begnügen sollen; im Prozessieren ist der Mann mir über. Bei ständiger Ablenkung stockt das "Frankreichbild".
Mit den "Dresdener NN" sind zwei Kleinigkeiten verabredet. Kleinigkeiten (Stendhal-Centenar, Neues Spanien), aber Zeit kosten sie auch. Dazu die Kollegien, die mir immer wieder Mühe bereiten, und die Wirtschaftsmisere (Heizen, Staubwischen, Abtrocknen - kostbare Stunden). -
[...]
Gestern nachmittag Liesel Sebba bei uns (gealtert) und die jungen Köhlers. Gelegentlich unsere üblichen Abendgäste. Am 3. Januar wurde das Nickelchen kastriert, und jetzt sind die beiden Tiere schon viel zusammen. Ich habe manchmal den Eindruck, sie seien das einzige, was für Eva noch eine reine Freude und sichere Lebensbindung bedeute.

24. Januar Dienstag
Annemarie, am Sonntag bei uns, erzählte, daß Fritz Kopke gestorben, der Zeitungsmann (Harmskreis) in Leipzig. Kaum über die Vierzig. Das hat mich angefaßt. Ich sagte zu Annemarie: Wo ist seine unsterbliche Seele? Es gibt Glückliche, die fest daran glauben. Annemarie, fast entsetzt, sehr lebhaft: "Aber Victor! Jeder Christ tut das ! " Und nachher: "Wenn man nicht einmal diese Aussicht hätte, daß es später besser kommt!" Also sie, die Chirurgin, die den Kadaver, das Gehirn unterm Messer hat, die eine Gebildete, eine Studierte ist - und doch ganz offenbar, trotz all ihrer Zynismen und ihrer Unkirchlichkeit - im Kern doch gläubig, mindestens hoffend. -
[...]

21. Februar, nachmittag
[...]
Immer mehr ziehe ich mich auf das Vorlesen zurück. Eigene Arbeit stockt fast ganz. Eine Rezension für das germ.rom. Literaturblatt: Langer, "Friedrich der Große und die geistige Welt Frankreichs", ist alles. Von dem "Frankreichbild" habe ich wieder mal Abstand genommen. Vielleicht in den Ferien. Mich quält einerseits der Zeitmangel: Heizen, Abwaschen, Einkaufen, Mädchen für alles, andrerseits die Idee der Wertlosigkeit. Wie gleichgültig, ob ich ein Buch mehr oder weniger hinterlasse! Vanitas ...
Kollegien gehen zu Ende. Heute mein Dienstagschluß, denn nächste Woche ist Fastnacht. Ich lese das Italienkolleg längst vor vier, fünf Leuten. Montag Abschluß des Frankreichkollegs. - Im nächsten Semester wird die Leere des Hörsaals noch gähnender sein. Man würgt immer mehr ab.
Seit etwa drei Wochen die Depression des reaktionären Regimentes. Ich schreibe hier nicht Zeitgeschichte. Aber meine Erbitterung, stärker, als ich mir zugetraut hätte, sie noch empfinden zu können, will ich doch vermerken. Es ist eine Schmach, die jeden Tag schlimmer wird. Und alles ist still und duckt sich, am tiefsten die Judenheit und ihre demokratische Presse. - Eine Woche nach Hitlers Ernennung waren wir (am 5. 2.) bei Blumenfelds mit Raab zusammen. Raab, Gschaftlhuber, Nationalökonom, Vorsitzender des Humboldtclubs, hielt eine große Rede und erklärte, man müsse die Deutschnationalen wählen, um den rechten Flügel der Koalition zu stärken. Ich trat ihm erbittert entgegen. Interessanter seine Meinung, daß Hitler in religiösem Irrsinn enden werde ... Am meisten berührt, wie man den Ereignissen so ganz blind gegenübersteht, wie niemand eine Ahnung von der wahren Machtverteilung hat. Wer wird am 5. 3. die Majorität haben? Wird der Terror hingenommen werden, und wie lange? Niemand kann prophezeien. - Inzwischen wirkt die Unsicherheit der Lage auf alles einzelne. Jeder Versuch, Geld zum Bau zu leihen, scheitert. Das lastet schwer auf uns.
Am 14.2. waren Thieles hier, und wir aßen als ihre Gäste im Ratskeller. Melanie erzählte, ihr Mann dürfe nicht wissen, daß Wolfgang, der Chemiestudent, ein guter Junge, in Frankfurt Hitleruniform trage. Er, Thiele, sprach sich gegen Hitler, aber für das Verbot der Kommunistischen Partei aus. [...]
Einen hübschen Abend verlebten wir am 14. 2. bei Köhlers, den "anständigen".
Er wollte nachträglich feiern, daß er Studienassessor geworden, und wollte mir seine Dankbarkeit erweisen. Wir wurden sehr stark unter ausgezeichneten Fruchtsekt gesetzt.
Vor vierzehn Tagen traf ich am Bismarckplatz Wengler, und es fiel mir auf, daß sein Mund verzerrt war und hing. Gleich darauf erhielt ich Nachricht von seiner Erkrankung. Ein "kleiner" Schlaganfall. Der Mann ist Mitte vierzig. Im gleichen Alter starb sein Vater. Ererbte Sklerose oder Folge einer Syphilis. Ich besuchte ihn am letzten Sonnabend. Er war beweglich, sprach, machte guten Eindruck. (Im Liegen.) Aber er ist doch gezeichnet. Tod rings um mich. Die junge Frau Kühn hat einen schweren Herzanfall gehabt, der sechzigjährige Breit eine schwere Herzschwäche. Der Todesgedanke läßt mich keine Stunde mehr aus seinen Krallen.
Am Nachmittag des 4. Februar besuchten wir, in seiner winzigen Werkstatt, den Mann der schönen Maria, den Harfenbauer Kube. Er hat, mit primitiven Mitteln, in monatelanger Arbeit eine ganze Konzertharfe gebaut und zeigte uns das ungemeine Kunstwerk in allen Einzelheiten.
Es stand in den Zeitungen, daß Baeumler als Kandidat für das preußische Kultusministerium unter Hitler genannt wurde. (Neben Krieck!) In einer Abteilungssitzung benahm er sich, als sei er schon Minister. Man beriet die Rettung des schwer bedrohten Pädagogischen Instituts. Die Deutschnationalen wollen die akademische Ausbildung der Lehrer abschaffen. "Sie überschätzenden Einfluß der Deutschnationalen in der Koalition", sagte Baeumler - Politik überall und überall Rechtsterror.

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